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Flüchtlingsinsel Lesbos: „Stärker als so manches EU-Land“

Athen/Lesbos Flüchtlingsinsel Lesbos: „Stärker als so manches EU-Land“

Trotz des Nato-Einsatzes in der Ägäis erreichen weiterhin Tausende Flüchtlinge die Insel Lesbos. Dort herrscht längst eine bedrückende Routine. Egal, was im fernen Brüssel diskutiert wird: Die Menschen müssen gerettet werden.

Athen/Lesbos. Die schlimmste Zeit erlebte Lesbos im vergangenen Oktober. Damals säumten so viele orangefarbene Rettungswesten das Nordufer der Ägäisinsel, dass die Küste bereits beim Anflug auf die Inselhauptstadt Mytilini grell umrissen leuchtete.

Zu Höchstzeiten setzten täglich mehrere tausend Flüchtlinge über. Ungezählt sind jene, die in der nur wenige Kilometer schmalen Meerenge zur Türkei ihr Leben ließen. Die Zahl der Todesopfer ist mittlerweile zurückgegangen; für die Flüchtlinge jedoch hat die Reise nichts von ihrem Schrecken eingebüßt.

Zielstrebig stampft die „Minden“ am frühen Donnerstagmorgen durch Wind und Wellen. Die Besatzung des deutschen Seenotrettungskreuzers hat vor der Ostküste von Lesbos durch die Feldstecher ein Schlauchboot entdeckt. Kurze Zeit später werden 35 durchnässte Menschen an Bord geholt. 1000 Euro hätten sie pro Person für die Überfahrt gezahlt, berichten sie - ein günstiger Preis wegen des schlechten Wetters. Zuvor waren sie 21 Tage lang unterwegs, die Türkei haben sie zum Großteil zu Fuß durchquert, um Geld für die Schleuser zu sparen.

Immerhin kommen diese Menschen heil auf Lesbos an. Viele andere vor ihnen konnten nur tot aus dem Meer geborgen werden. Davon zeugt der überfüllte Friedhof von Mytilini, der mittlerweile für Fotografen geschlossen ist. „Unbekannt“, steht auf kleinen Tafeln, die dort aus frischen Erdhügeln ragen, oder auch „Baby, drei Monate alt“. Die Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und anderen Ländern wurden so beerdigt, dass ihre Gräber Richtung Mekka zeigen.

Die Zahl der Todesopfer in der östlichen Ägäis hat in den vergangenen Wochen abgenommen, weil immer mehr Hilfsorganisationen vor Ort sind. Neben der griechischen Küstenwache, der griechischen Marine und der „Minden“ kreuzen Boote der Organisationen Greenpeace und Ärzte ohne Grenzen entlang der griechisch-türkischen Grenze. Und manche Schlauchboote schaffen es ja auch alleine bis zur Insel.

Dann aber wollen die Menschen nur eines: Richtung Norden. „Nach Deutschland!“, sagen zwei Afghanen, die am Hafen von Mytilini auf die Fähre warten. Auf den Einwand, die Balkanroute sei geschlossen, antworten sie: „Inschallah (so Gott will), alles ist möglich.“

„Alles ist möglich“ - das könnte auch das Motto von Spyros Galinos sein, dem Bürgermeister von Lesbos. Galinos war einer der ersten, die schon im vergangenen Jahr forderten, die Registrierung der Flüchtlinge in der Türkei anzusiedeln, damit die Menschen die gefährliche Reise nicht erst auf sich nehmen müssten. Er plädierte sogar für regulären Fährverkehr von der Türkei nach Lesbos - „alles, nur dass die Menschen nicht vor unserer Insel ertrinken!“ Man bestrafe die Flüchtlinge zweimal, sagt er auch heute noch - einmal durch den Krieg in der Heimat und dann erneut, indem man sie den Menschenschmugglern ausliefere.

Galinos blieb ungehört, und nicht zuletzt deshalb gibt er bis heute nicht viel auf das, was international auf höchster politischer Ebene besprochen und gedealt wird. Ihm geht es um die Situation vor Ort. „Wir haben den Hotspot als einzige wie gewünscht rechtzeitig fertiggestellt. Wir haben außerdem fünf weitere Auffanglager eingerichtet. Im Moment beherbergen wir hier bis zu 6000 Menschen und entlasten dadurch die Situation auf dem Festland. Die Flüchtlinge könnten hier sogar arbeiten, wenn es rechtlich die Möglichkeit gäbe“, sagt er.

Entsprechend kann Spyros Galinos sich einen Seitenhieb nicht verkneifen. „Wenn ich von europäischen Ländern höre, die ihre Grenzen schließen, weil sie 2000 Flüchtlinge aufgenommen haben, dann kann ich nur lachen. Es scheint, Lesbos ist stärker so manche große Nation.“

Galinos hat im Vergleich zu anderen auch deshalb schnell gehandelt, weil er die Wirtschaft der Insel retten will - Medien prophezeien Lesbos für den Sommer 2016 einen Buchungsrückgang von 90 Prozent. Zu Unrecht, sagen Besucher vor Ort. „Wenn man in Mytilini rumläuft, ist von Flüchtlingen nichts zu sehen“, berichtet ein Deutscher. „Nur wenn die Fähren Richtung Festland abfahren, sieht man sie am Hafen. Oder wenn man morgens an die entsprechenden Strände hoch im Norden der Insel geht.“ Dort aber kommen sie weiterhin an - trotz Gipfeltreffen zwischen Türkei und EU und trotz der Nato-Präsenz in der Ägäis.

dpa

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