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Politik Gute Gegend, schlechte Gegend: Wie die Nachbarschaft unser Leben prägt
Nachrichten Politik Gute Gegend, schlechte Gegend: Wie die Nachbarschaft unser Leben prägt
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13:00 27.10.2018
Halle-Neustadt war einst ein sozialistisches Plattenbau-Vorzeigeprojekt, gilt heute jedoch als sozialer Brennpunkt. Das Paulusviertel, ebenfalls in Halle, mit seinen renovierten Altbauten hingegen macht selten Schlagzeilen. Wie wirken sich Nachbarschaften wie diese auf das Leben ihrer Bewohner aus? Quelle: Jacqueline Schulz
Halle

Die fünf schauen vom Kiosk am Jungfernbrunnen auf die Welt. Jeden Tag stehen sie hier, um diesen Tisch herum, der aus einem Streugutcontainer mit darauf geschraubter Plastikwerbung besteht, und beobachten das Geschehen. Bier in der einen Hand, Fluppe in der anderen, Zigarettenstummel auf dem Boden.

Die fünf eint das Schicksal, nicht die Freundschaft. Und die Welt, die sie beobachten, ist in ihren Augen keine gute. „Passieren schlimme Dinge hier“, sagt einer, Scholle nennt er sich. „Immer schlimmer wird’s.“ Danach beginnen Scholle und seine Freunde das oft gehörte Lied vom Abstieg Ost anzustimmen. Davon, dass alles immer schlimmer wird. Davon, dass niemand etwas werden kann, der hier geboren wird, hier, in Halle-Neustadt.

Es ist wohl eher ein Bauchgefühl, das Scholle da äußert, eine Ahnung. Verloren durch den Stadtteil, in dem man lebt? Was ist dran an dieser Vermutung? Kann ein Wohnort das Leben seiner Bewohner beeinflussen?

Zwei Nachbarschaften, die unterschiedlicher kaum sein könnten

Soziologen zumindest gehen davon aus. Grund dafür sei der sogenannte Nachbarschaftseffekt. „Studien zu dem Thema gibt es viele, die meisten von ihnen sind jedoch unbrauchbar“, sagt Andreas Horr vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, „weil sie Daten nutzen, die zu einer Berechnung nicht taugen.“ Denn Nachbarschaftseffekte sind komplizierter als viele andere Auswirkungen.

Wer sie verstehen will, fährt dazu am besten in eine Stadt, in der sie zutage treten – nach Halle an der Saale zum Beispiel. Nur sechs Kilometer auseinander liegen hier zwei Nachbarschaften, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Halle-Neustadt, wo man angeblich verloren ist, und das Paulusviertel, wo die Welt nahezu in Ordnung scheint.

Halle-Neustadt war einst ein sozialistisches Plattenbau-Vorzeigeprojekt, gilt heute jedoch als sozialer Brennpunkt und ist als solcher immer wieder in der Diskussion. Das Paulusviertel hingegen macht selten Schlagzeilen – höchstens, wenn es um die angespannte örtliche Parksituation geht.

Halle-Neustadt: Einst war der Stadtteil mit seinen vielen Plattenbauten ein sozialistisches Vorzeigeprojekt. Quelle: Jacqueline Schulz

In beiden Vierteln gehen wir jeweils zur Mittagszeit spazieren, um den Nachbarschaftseffekt aufzuspüren. Eine Momentaufnahme ist das nur – und doch eine, die vieles verdeutlicht an der Lebenssituation in den Vierteln und an deren Auswirkungen. In Halle-Neustadt beispielsweise reiht sich Platte an Platte, eine endlose Betonkarawane, durchsetzt von geplantem Grün. In einer der Platten, 21 Stockwerke, fragen wir eine Bewohnerin, ob wir aufs Dach können, in ihrer Hand zwei Einkaufstüten.

„Da kommt man nimmer hoch.“

„Warum?“

„Sonst springen sie wieder.“

„Springen sie hier oft?“

„Früher ja, heute nicht. Man kommt ja nicht mehr hoch. Vor einem halben Jahr der letzte.“

„Warum springen sie hier?“

„Geht doch den meisten beschissen hier. Keine Arbeit und jeden Tag die gleiche Scheiße.“

Es klingt hart, was die Frau da sagt. Aber was sonst hätte sie sagen sollen? Studien zum Nachbarschaftseffekt unterstreichen zumindest einen Punkt: Eine Umgebung kann ihre Einwohner schon allein deshalb beeinflussen, weil sie gebaut ist, wie sie gebaut ist.

Die Aura von Beton

Nehmen Menschen ihr Viertel als ungepflegt, verwahrlost oder monoton wahr, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Depression. Das ist das Ergebnis einer Studie um den Mediziner Sandro Galea von der Universität im US-amerikanischen Michigan. Etliche weitere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Die Stadt Halle hat in den vergangenen Jahren versucht, die Neustadt aufzuhübschen, etwa mit mehr Grün, mehr Spiel- und Sitzgelegenheiten. Trotzdem überschattet viele Stellen noch immer diese Aura von Beton. Es gibt Leerstand, davor Müll, verwilderte Grünflächen, Kronkorken und Zigarettenstummel zwischen den Grashalmen.

Im Paulusviertel hingegen fällt der Müll weit weniger auf. Leere Gebäude sind hier bunt bemalt oder besprüht, teilweise sogar mit Blumenkästen bestückt. Eine junge Frau tritt aus einem Spätkauf, in ihren Händen eine Flasche Bio-Limonade. Die öffnet sie, wirft den Deckel auf die Straße – und kaum liegt er dort, blafft ein älterer Herr die Frau an, sofort ihren Müll wieder aufzuheben.

Halle Paulusviertel: Zu DDR-Zeiten verfiel die Bausubstanz, doch mittlerweile ist es in dem Quartier richtig schick geworden. Quelle: Jacqueline Schulz

Hier greift wiederum der Nachbarschaftseffekt. „In Vierteln mit einer guten Durchmischung oder eher wohlhabenden Einwohnern ist die soziale Kontrolle oft höher als in sozial schwächeren“, sagt Marcel Helbig von der Universität Erfurt. Helbig ist Soziologe und untersucht die Entwicklung von Stadtvierteln. „Wenn Sie beispielsweise in einem guten Stadtviertel wohnen und Sie schwänzen die Schule, dann ist es wahrscheinlicher, dass jemand kommt und fragt, warum Sie nicht im Unterricht sitzen. In schlechteren Stadtvierteln kommt das selten vor.“

Tatsächlich treffen wir in Halle-Neustadt um 11 Uhr in der Einkaufspassage Am Treff, in der sich leere Geschäfte an Billigläden, eine Apotheke und eine Jugendbetreuung reihen, vier Kinder, die wir hier nicht treffen dürften.

„Müsst ihr nicht in die Schule?“

Ein Mädchen dreht sich um.

„Na und?“

„Schule ist gut. Das lernt man was.“

„Wir lernen auch was.“

„Stört es keinen, dass ihr hier seid?“

Jetzt mischt sich ein Junge ein.

„Was geht dich das an?“

„Wie alt seid ihr?

„Halt’s Maul jetzt.“

Halle Neustadt: Mittlerweile hat sich das Viertel zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt. Quelle: Jacqueline Schulz

Das Gespräch endet an dieser Stelle. Die vier schauen glücklich aus, als sie wieder zu spielen beginnen. Neun, zehn Jahre alt sind sie vielleicht. Kichern, Kieksen. Und doch führt die fehlende Sozialkontrolle zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Schule irgendwann schlechter abschneiden werden als ihre Klassenkameraden. Das wiederum benachteiligt sie auf dem Arbeitsmarkt. Das ist vereinfacht dargestellt – und doch trifft es den Kern einer Problematik, die der Nachbarschaftseffekt auch benennt.

Im Paulusviertel ist während des Spaziergangs kein einziges Schulkind auf der Straße zu sehen. Die einzigen Kinder finden sich auf dem örtlichen Spielplatz, streng überwacht von ihren Müttern. Zwei Mütter unterhalten sich über die Relevanz von Instrumenten für die Erziehung, aber dass es schwer sei, das richtige zu finden. „Ich meine, woher soll ich denn wissen, ob der Kleine jetzt eher Posaune oder Geige ist?“ Lachen.

Sozialkontrolle durch die Nachbarschaft

Vielleicht gibt es auch in dieser Nachbarschaft Kinder, die gerne die Schule schwänzen würden. Aber zumindest der Theorie nach würden sie, sollten sie es tatsächlich tun, von einem der wachsamen Anwohner sofort zusammengestaucht. Und vielleicht wären sie deswegen eben doch in die Schule gegangen, zähneknirschend zwar, aber immerhin. Oder sie hätten an anderen Orten geschwänzt.

Als die Schule tatsächlich endet, strömen in beiden Stadtteilen lautstark Schülergruppen durch die Straßen. Sie toben, springen, tauschen Sticker, spielen Schnick-Schnack-Schnuck und sehen Videos auf dem Handy. Man hört Neckereien und Beleidigungen.

Die Stadt bemüht sich in Halle Neustadt zwar um Verschönerung, doch es gibt Leerstand, Anzeichen von Vernachlässigung – und jede Menge Graffiti. Quelle: Jacqueline Schulz

In Neustadt ist der Kiosk in der Passage Am Treff beliebter Anlaufpunkt. Wer ein wenig Geld übrig hat, kauft hier Süßkram oder Chinanudeln. Man sieht Menschen, die auf dem Boden sitzen und essen: Erst krachend die Nudeln, dann lutschend die Gewürze. Gleich neben ihnen, keine 30 Meter entfernt, verkauft ein Mann Marihuana, ein kleines Päckchen. Der Käufer macht keinen Hehl daraus. Er dreht sich zwar schräg zur Seite und doch sieht jeder, was er da gerade tut. Einige Schüler, weit unter 18 Jahre, stecken ihre Zigaretten an.

Die Szenen sind nichts Ungewöhnliches, aber sie sind problematisch. Psychologen gehen davon aus, dass Menschen Verhalten auch durch Beobachtung lernen. Entworfen hat diese Theorie der kanadische Psychologe Albert Bandura.

Ihr zufolge genügt es, dass Menschen bestimmte Situationen nur oft genug sehen müssen, um daraus Schlüsse für ihr eigenes Handeln zu ziehen. Beobachtet beispielsweise jemand regelmäßig Drogenkonsum, Gewalt oder Kriminalität, kann es sein, dass der Beobachter all das irgendwann als normal oder sogar erstrebenswert ansieht.

Stadtteile mit hoher Konfliktrate erhöhen die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen

Wichtiger noch als das Beobachten Fremder ist der Kontakt mit Freunden, sagt Dirk Baier von der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften. In sozial schwachen Gegenden hingen Jugendliche wegen fehlender Alternativen auf öffentlichen Plätzen ab, wo sie sich zu Cliquen zusammenschließen. In diesen wiederum seien mit höherer Wahrscheinlichkeit auch Kriminelle, die zum gemeinsamen Regelverstoß motivieren.

Zusammen mit seiner Kollegin Susann Rabold untersuchte Baier diese Theorie am Beispiel Hannovers. Tatsächlich konnten die beiden zeigen, dass in Stadtteilen mit hoher Konfliktrate die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen 14-mal so hoch war wie die derjenigen aus anderen Teilen der Stadt.

Dass Menschen im Stadtviertel das Verhalten anderer Bewohner beeinflussen können, heißt jedoch nicht, dass das auch passieren muss. Das zeigt Horst Rösler. Er öffnet gerade die Tür seines Plattenbaus am Ernst-Barlach-Ring. Kaum ist er draußen, fährt sein Nachbar vor. Rösler sprintet hin, so gut das in seinem Alter noch geht, und öffnet die Beifahrertür. Die Frau des Nachbarn steigt aus. „Ein Charmeur!“, jubiliert der Nachbar.

Baute mit an der Platte und lebt immer noch dort: Horst Rösler. Quelle: Jacqueline Schulz

Er und seine Frau kommen vom Kirschenpflücken. Rösler hätte gern geholfen, aber seine Frau, die muss er pflegen, da kann er nicht einfach raus. „Keeeeen Ding“, sagt der Nachbar, „nimm eeenfach welche.“ Sie plaudern ein bisschen über Fußball und Wetter, Nachbarschaftsthemen eben. Rösler lebt schon seit Jahrzehnten hier. Er war es, der die Platten einst baute,kümmert sich um die Elektronik. Später, als keine neuen Platten mehr gebraucht wurden, übernahm Rösler ihre technische Wartung.

Seine Frau lernte er in der Schule erst kennen, dann lieben. Also zog er zu ihr – mehr als 25 Jahre ist das jetzt her. „Wichtig ist, dass man das Beste draus macht“, sagt Rösler. Und das tut er. Mit seinen syrischen Nachbarn trifft er sich zum Kochen. Den japanischen Studenten brachte er Gitarre bei. Er kennt alle seine Nachbarn, plauscht mit ihnen.

Schwarz-Weiß-Bilder, die zutreffen können – aber nicht müssen

Damit ist Rösler einer von denen, die ihre Umgebung positiv beeinflussen. Einer, der da ist, wenn man ihn braucht. Wie viele andere im Viertel. Denn Menschen wie ihn gibt es auch in Neustadt, wenn sie auch nicht die Mehrheit bilden mögen.

„Das ist eines der Probleme bei Erklärungen von Nachbarschaftseffekten“, sagt Soziologe Baier. „Oft unterschätzen sie, wie heterogen Nachbarschaften sind.“ Sie malen Schwarz-Weiß-Bilder, die zutreffen können, aber eben nicht müssen. Nicht, wenn es genügend von denen gibt, die Vorbilder sind und aufeinander aufpassen.

Zumal: Die Nachbarschaft hat einen Einfluss auf das Leben ihrer Mitglieder, aber keinen so starken wie zum Beispiel die Eltern, die Klasse oder die Freunde. Und vor allem die Freunde kann man sich aussuchen. Wenn es sie im Viertel nicht gibt, dann eben anderswo.

Halle-Paulusviertel: Hier scheint die Welt nahezu in Ordnung. In diesem Stadtteil leben zahlreiche junge Familien, und man sieht Väter, die mit ihren kleinen Kindern spazieren gehen. Quelle: Jacqueline Schulz

Horst Rösler fuhr mit seinen Kindern viel raus – zu Segelregatten zum Beispiel, denn die liebt er sehr. Er zeigte seinen Kindern den Rest der Welt, und genau in diesen Rest zogen sie nach ihrer Ausbildung. Selbst wenn sie in Neustadt geblieben wären: Der Nachbarschaftseffekt – das gilt als relativ gesichert – wirkt nur dann, wenn Menschen tatsächlich viel Zeit in ihrer Nachbarschaft verbringen. Wer viel anderes sieht, hat auch viele andere Einflüsse.

Zudem wirkt der Nachbarschaftseffekt nur in besonders guten Nachbarschaften wie dem Paulusviertel und in besonders benachteiligten wie Halle-Neustadt. Selbst dann kann man sich ihm entziehen, wie Horst Rösler es tat. Wenn er heute auch nicht mehr viel rauskommt. Die Pflege spannt ihn zu sehr ein – und seine Nachbarschaft. „Denn die“, sagt Rösler, „ist immer auch das, was man aus ihr macht.“

Der Nachbarschaftseffekt wirkt nur in besonders guten Nachbarschaften wie dem Paulusviertel und in besonders benachteiligten wie Halle-Neustadt. Doch selbst dann kann man sich ihm entziehen. Quelle: RND

„Arme und Wohlhabende verlieren noch weiter den Kontakt zueinander“

Marcel Helbig ist Professor für Bildung und soziale Ungerechtigkeit an der Universität Erfurt und dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Zusammen mit Stefanie Jähnen untersuchte er die Spaltung der deutschen Gesellschaft. Quelle: Bernhard Ludewig

Herr Helbig, Sie haben die Durchmischung deutscher Städte untersucht und fanden eine zunehmende Konzentration armer Menschen. Sie beschreiben das als Problem. Warum eigentlich?

Zum Beispiel, weil Arme und Wohlhabende dadurch noch weiter den Kontakt zueinander verlieren. Das führt dazu, dass sie einander immer weniger Verständnis entgegenbringen. Wer nicht weiß, wie der andere lebt, kann dessen Situation nur schlecht nachvollziehen. Das festigt die Vorurteile der Armen gegenüber den Wohlhabenden. Und die der Wohlhabenden gegenüber den Armen. Gleiches gilt bei Politikern: Anders als noch vor zehn, 15 Jahren leben diese heute nur noch selten dort, wo auch die Armen wohnen. Das mag verständlich sein, problematisch ist es trotzdem. Denn wie soll man Politik für Menschen machen, deren Umstände man nur vom Hörensagen kennt?

Das heißt, die Probleme sind vor allem Kopfsache?

Nein, sie reichen weiter. Und sie fangen bereits im Kindesalter an. Schauen Sie zum Beispiel auf Kindergartengruppen und Schulklassen. Wenn da nur wenige – ob Deutsche oder Nichtdeutsche – gute Sprachkompetenzen aufweisen, starten Klassen in Gegenden mit vielen Benachteiligten unter deutlich schlechteren Bedingungen als in anderen Gegenden. Auch beim Engagement sind Viertel mit einem hohen Anteil an Hartz-IV-Empfängern benachteiligt. Dieses Phänomen hat gerade eine aktuelle Studie aus England offengelegt.

Warum entwickelt sich denn das eine Viertel zu einem sozialen Pro-blemviertel – das andere hingegen nicht?

Die Gründe dafür sind nicht immer offensichtlich. Vor allem bei den ostdeutschen Problemvierteln wie Halle-Neustadt liegt diese Entwicklung jedoch an einer massiven Abwertung der Viertel zu Beginn der Neunzigerjahre. Die Arbeitslosigkeit stieg dort nach der Wende massiv an. Wer konnte, verließ die Neustadt. Natürlich gab es einige, die aus Verbundenheit blieben. Nur: Die, die nachkamen, kamen nicht mehr, weil sie wirklich in Neustadt leben wollten, sondern weil sie nicht anders konnten. In der Innenstadt stiegen mit der Sanierung die Mieten, in der Neustadt eher nicht.

Das Gros der Hartz-IV-Empfänger lebt jedoch außerhalb der Brennpunktgebiete. Also in gut durchmischten Lagen. Das passt nicht so ganz zu Ihrer These.

Im Gegenteil. Die, die in guten Wohnlagen leben, müssen irgendwann obendrauf zahlen. Vom Arbeitsamt bekommen sie nur einen bestimmten Betrag, den die Miete kosten darf. Dieser reicht aber für die besseren Wohnlagen oft nicht aus. Das heißt, diese Familien müssten einen Teil ihres Arbeitslosengeldes zahlen, um eine besser Mietsituation zu halten, um ihren Kindern vielleicht den Besuch besserer Schulen und einen stabilen Freundeskreis zu ermöglichen. Diejenigen allerdings, die das nicht tun oder nicht können, sind dann besonders benachteiligt.

Plattenbaugebiete im Osten wurden in den vergangenen Jahren baulich aufgehübscht, umgebaut oder durch Grünflächen ersetzt. Ausgezahlt haben sich diese optischen Investitionen allerdings kaum. Quelle: Jacqueline Schulz

Wie also ist diese geringe Durchmischung anzugehen?

Bleiben wir bei den Plattenbaugebieten im Osten. Die wurden in den vergangenen Jahren baulich aufgehübscht, umgebaut oder durch Grünflächen ersetzt. Ausgezahlt haben sich diese optischen Investitionen allerdings kaum. Stattdessen hat sich die soziale Spaltung zwischen Platten und Nicht-Platten in den vergangenen Jahren noch weiter verschärft. Mittlerweile ist die soziale Zusammensetzung selbst zu einem Standortfaktor geworden. Für Mittelschichtfamilien ist es schlicht gar keine Option mehr, dorthin zu ziehen. Die Alternative wäre nun die Umsiedlung der Einwohner aus Brennpunktgebieten in andere, bessere Wohnlagen. Aber das kann sich keiner leisten. Und wo soll der ganze zusätzliche Wohnraum denn herkommen? Die Progrämmchen, die Lokalpolitiker oft nur mit Fördergeldern verabschieden können – ein bisschen Quartiermanagement hier, ein bisschen Sozialarbeit da –, erscheinen mir als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das klingt alles aber ganz schön hoffnungslos.

Das Problem ist, dass die betroffenen Städte und Kommunen von der Hand in den Mund leben. Das Geld für wirkungsvolle Maßnahmen ist dort schlicht nicht vorhanden. Es reicht ja meist nicht einmal für die Sanierung der Schulen. Wie sollen da Mammutprojekte im Bereich Stadtumbau angegangen werden? Zudem scheint sich das bestehende Ungleichgewicht in den kommenden Jahren noch zu verschärfen. Vor allem in Plattenbaugebieten, die Ende der Sechzigerjahre gebaut wurden und in denen derzeit noch eine ganz gute Durchmischung besteht, sterben in den nächsten Jahren viele Einwohner weg, die bisher für ein Gleichgewicht sorgten. Ihre Wohnungen könnten aufgefüllt werden mit Transferleistungsbeziehern und Geflüchteten. Dort könnten sich dann weitere Problemlagen entwickeln.

Gibt es nicht vielleicht doch Beispiele für Städte, die dieser Situation erfolgreich begegnen?

Doch, die gibt es durchaus. München und Stuttgart zum Beispiel. Die beiden Städte haben schon vor längerer Zeit beschlossen, dass in jedem neuen Wohngebiet ein bestimmter Anteil an Sozialwohnungen entstehen muss. Das hat die Situation nachhaltig beeinflusst. Viele andere Städte haben sich lange nicht getraut, solche Maßnahmen durchzuführen, um Investoren nicht abzuschrecken. Heute trauen sie sich das vermehrt. Die Frage ist nur, ob dies nicht zu spät ist.

Von Julius Heinrichs

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