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Keine Hoffnung mehr: Flüchtlinge von Idomeni räumen das Feld

Athen/Idomeni Keine Hoffnung mehr: Flüchtlinge von Idomeni räumen das Feld

Tränengas, Blendgranaten, verängstigte Kinder, langes Anstehen für ein Stückchen Brot: Das waren immer wieder die Bilder von Idomeni. Jetzt haben das Leid, aber auch die Hoffnung der Menschen ein Ende.

Athen/Idomeni. Monatelang harrten sie im Dreck aus in ihren kleinen Zelten, den Nato-Stacheldraht zur Grenze von Mazedonien fest im Blick. Nun wurde auch ihre letzte Hoffnung zerschlagen, die Grenze nach Mitteleuropa doch noch zu überqueren.

Am Dienstag haben die Flüchtlinge und Migranten von Idomeni angesichts eines gewaltigen Aufgebots der griechischen Polizei begonnen, ihre Sachen zu packen und in staatliche Flüchtlingslager umzuziehen.

Endlose Müdigkeit und vor allem Resignation stehen den Menschen aus Ländern wie Syrien, Irak und Afghanistan ins Gesicht geschrieben. An den Wegen des Lagers türmen sich Berge von Gepäck - Rucksäcke, aber auch Einkaufstaschen und Mülltüten, in denen die Flüchtlinge ihr weniges Hab und Gut verstauen und zur Abreise bereitstellen. Zelte werden abgebaut, Busse bestiegen. Manche der unfreiwilligen Passagiere winken bei der Abfahrt.

Es geht in eines der neuen Auffanglager, die von der griechischen Regierung in Windeseile organisiert wurden. Dazu hat man im ganzen Land alte Industriegebäude angemietet und ehemalige Militärkasernen reaktiviert. Rund 54 000 Flüchtlinge und Migranten sind mittlerweile in Griechenland gestrandet. Immerhin stagniert die Zahl der Neuankömmlinge seit dem Inkrafttreten des Flüchtlingspakts von EU und Türkei; derzeit setzen täglich nur ein paar Dutzend Menschen über, im Frühjahr waren es noch bis zu 3000 am Tag.

Knapp 9000 Flüchtlinge und Migranten lebten zuletzt im Camp von Idomeni und waren nicht zur Umsiedlung zu bewegen. Schlagzeilen gab es immer wieder: Mehrfach versuchten die Menschen, den Grenzzaun zu stürmen, mazedonische und griechische Grenzbeamte und Polizisten griffen mit Tränengas und Blendgranaten ein, es gab Verletzte. Beim Versuch, über einen reißenden Fluss nach Mazedonien zu gelangen, kamen sogar drei Afghanen ums Leben.

So wurde Idomeni zum traurigen Sinnbild für die Flüchtlingskrise und das Versagen europäischer Politik. Viele kamen, sich das Elend anzuschauen und zu mahnen. Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm verbrachte im März sogar medienwirksam eine Nacht in einem Flüchtlingszelt. „Bei Millionen, die in Not sind, wegzugucken“, sagte er damals entsetzt, „was ist denn das für ein Europa?“

In Griechenland fragt man sich angesichts der reibungslos gestarteten Räumung von Idomeni vor allem eines: Warum nicht schon viel früher? Seit der Nachbarstaat Mazedonien die Grenze auf Drängen Österreichs im Februar endgültig dicht machte und mehr als 13 000 Flüchtlinge über Nacht vor verschlossenen Toren standen, nahm das Elend von Idomeni seinen Lauf. Sogar den Bahnübergang besetzten die verzweifelten Menschen - der griechischen Wirtschaft entstand durch die Unterbrechung des Warenverkehrs ein Schaden in Millionenhöhe.

Doch die Regierung wollte mit Blick auf die vielen Familien mit Kindern im Lager auf Gewalt verzichten. Und diese Maßgabe bleibt auch jetzt bestehen: Flankiert von Übersetzern streiften am Dienstagmorgen friedliche Beamte durch das Lager, um die Menschen zum Packen aufzufordern. Um das Camp herum: 1400 Bereitschaftspolizisten in voller Montur, die im Falle von Gegenwehr eingreifen sollten. Daneben: Viele Busse, die die Menschen in staatliche Auffanglager bringen sollen.

Bleibt die Frage, was die Flüchtlinge nun erwartet: Die griechischen Auffanglager stehen nicht gerade im Ruf, die besten Unterkünfte zu sein. Immer wieder treten dort Flüchtlinge in den Hungerstreik, um gegen die Zustände zu demonstrieren; in der Nähe der Stadt Larissa sammelten sie sogar Skorpione und Schlangen in Einmachgläsern, um auf die Zustände im Lager aufmerksam zu machen. Ramona Lenz von der Hilfsorganisation medico international kritisiert denn auch: „Die Räumung (von Idomeni) ist eine Bankrotterklärung der europäischen Flüchtlingspolitik. Es geht nicht darum die Lage der Gestrandeten zu verbessern, sondern sie unsichtbar zu machen.“

dpa

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