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Längst nicht jede neue Arznei bringt Therapie-Fortschritt

Berlin Längst nicht jede neue Arznei bringt Therapie-Fortschritt

Studie der Techniker Krankenkasse: Medikamente zeigen nicht die erhoffte Wirkung.

Berlin. Nicht alles, was sich innovativ nennt und teuer ist, bedeutet Fortschritt. Dies gilt auch für die Medizin: Nur drei von insgesamt 20 neuen Arzneimitteln, die 2011 auf den deutschen Markt kamen, haben einen Zusatznutzen im Vergleich zu bewährten Medikamenten.

Zu diesem Ergebnis kommt der „Innovationsreport 2014“, den die Techniker Krankenkasse (TK) gestern in Berlin vorstellte. Die Autoren des Reports warnten zugleich vor den Versprechungen neuer Gentests und Biomarker, die unter dem Stichwort „personalisierte Medizin“ immer häufiger in Apotheken verkauft werden. „Sie führen Patienten in die Irre“, kritisierte Wolf-Dieter Ludwig, Onkologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Ärzteschaft.

Bereits zum zweiten Mal hat ein Forscherteam der Bremer Universität die Neuheiten auf dem Pharmamarkt im Auftrag der TK auf ihren Zusatznutzen und die Kosten im Vergleich zu anderen Arzneimitteln getestet und in ein Ampelschema Rot-Gelb-Grün sortiert. Sieben der 20 Wirkstoffe fielen dabei gänzlich durch und erhielten die Warnfarbe Rot. Dazu gehörte ein Mittel zur Behandlung von ADHS, das dreimal so teuer ist wie ein gängiges Arzneimittel, aber auch neue Krebs- und MS-Medikamente, deren Therapiekosten sich mittlerweile im Einzelfall auf bis zu 50 000 Euro im Jahr summieren.

Trotz der bescheidenen Testergebnisse sprach Studienleiter Gerd Glaeske von einem „besseren Jahrgang“. Im Jahr zuvor, im Jahr 2010, habe gerade einmal ein Wirkstoff die Prüfung bestanden, während nicht sieben, sondern 14 von 21 neuen Mitteln in der unteren Kategorie „Rot“ landeten. Grund für den kleinen Fortschritt ist die neue Gesetzgebung.

Seit 2011 muss die Pharmaindustrie in Deutschland Preisverhandlungen mit den Krankenkassen führen und den Zusatznutzen belegen, wenn sie Innovationen auf den Markt bringen will. Die Reform wirke, lobte Studienleiter Glaeske. „Es gibt erstmals einen Wettbewerb um Qualität.“ Dennoch belege der Report, dass es mit einer einmaligen Nutzenbewertung des Medikaments vor der Markteinführung nicht getan sei. Notwendig seien weitere Untersuchungen aus dem Versorgungsalltag. So hätten die Hersteller für acht der 20 untersuchten Wirkstoffe im Nachhinein Warnhinweisschreiben verschickt.

Auch der Mediziner Ludwig lobte die neuen gesetzlichen Vorgaben. Zugleich kritisierte er die Entscheidung der Großen Koalition, die Ausweitung der Nutzenbewertung auf gängige Arzneimittel zu stoppen.

Die Aufkündigung des Gesetzes sei ein Fehler. „Es gibt viele Wirkstoffe, die wir nicht brauchen und die zu teuer sind“, sagte Ludwig. Er appellierte an die Ärzte, sich bei der Verordnung nicht an Hochglanzbroschüren der Pharmaindustrie zu orientieren, sondern unabhängige Informationen zu nutzen.

Jens Baas, Vorsitzender des TK-Vorstands, erklärte: „Eine einmalige Bewertung neuer Arzneimittel reicht im Grunde nicht aus. Was wir brauchen, sind weitere Spätbewertungen mit Erfahrungen aus dem Versorgungsalltag.“ Die TK bietet niedergelassenen Ärzten individuelle Verordnungsreporte an, in denen ausgewertet wird, ob sie neue Arzneimittel bei den Erkrankungen verschrieben haben, bei denen das Präparat Zusatznutzen aufweist.

 



Gabi Stief

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