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Mecklenburg und die Eiserne Reserve

Rechtes Netz Mecklenburg und die Eiserne Reserve

Es beginnt mit einem Zufall. Als der Militärische Abschirmdienst (MAD) bei Ermittlungen zum terrorverdächtigen Oberleutnant Franco A. Ende Juni die Kontaktdaten aus dem Handy eines Reserveoffiziers auswertet, staunen die Beamten nicht schlecht.

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Trügerisches Idyll: Krakow am See in Mecklenburg/Vorpommern.

Quelle: krakow-am-see.de

Berlin. Mit vielem hatten sie gerechnet. Nicht jedoch damit, in eine weitere, bislang kaum bekannte Welt aus Terror, Umsturzplänen und Gewaltfantasien einzutauchen. In eine Welt voller Waffen und Verschwörungstheorien – in die Welt der „Prepper“.

Adressen und Telefonnummern führen die Geheimdienstmitarbeiter in den Nordosten Deutschlands, nach Mecklenburg-Vorpommern.

In der Kleinstadt Crivitz ist Handwerksmeister Axel M. ein geachteter Mann. Er bildet aus, schafft Arbeitsplätze, spendet Geld für Kitas und Schulen. Der 44-Jährige mit dem Drei-Tage-Bart gilt als ruhig und unauffällig. Und doch stoßen die Beamten bei ihren Ermittlungen auch auf seinen Namen und schalten den Generalbundesanwalt ein.

Am 28. August gegen vier Uhr morgens stürmt ein Sondereinsatzkommando (SEK) der Bundespolizei mit Blendgranaten und Spürhunden in das Haus des Handwerkers. Die vermummten Beamten treten die Tür ein, kopieren Festplatten und Datenträger, durchwühlen Privat- und Geschäftsräume. Axel M. ist einer von sechs Männern in Mecklenburg-Vorpommern, deren Wohnungen, Büros und Häuser die Bundesanwaltschaft zeitgleich durchsuchen lässt. Laut richterlichem Beschluss stehen zwei von ihnen in dem Verdacht, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorzubereiten. Die Anschuldigungen richten sich gegen den Rostocker Rechtsanwalt und Bürgerschaftsabgeordneten Jan Hendrik H. sowie den Grabower Kriminaloberkommissar Haik J., der in der Polizeiinspektion Ludwigslust arbeitet. Er soll seinen Dienstcomputer missbraucht haben, um Meldedaten von politischen Gegnern auszuspionieren. Der Mann ist inzwischen vom Dienst suspendiert.

„Nordkreuz“ wartet auf den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung

Über die Durchsuchung in Crivitz sagt die Bundesanwaltschaft offiziell nichts. Axel M. gilt „nur“ als Zeuge, als „nicht tatbeteiligter Dritter“, ebenso wie der langjährige LKA-Beamte Marco G. aus Banzkow, der die Gruppe mit dem Namen „Nordkreuz“ gegründet und als Administrator geführt haben will. Über den verschlüsselten Messenger-Dienst „Telegram“ kommuniziert die sogenannte „Prepper“-Gruppe. Es ist ein virtueller Austausch unter Gleichgesinnten, die sich auf den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung vorbereiten – und über das Liquidieren ihrer Gegner sinnieren.

Im direkten Kontakt gibt sich Axel M. verschlossen. Er will nicht verstehen, warum „Nordkreuz“ ins Visier von Polizei und Geheimdiensten geraten ist. Sie hätten sich nichts zuschulden kommen lassen, seien nur „besorgte Bürger“. Jedes Mitglied lege seine eigene „eiserne Reserve“ an, um auf den „Tag X“ vorbereitet zu sein: Konserven, Seife, Klopapier, Notstromaggregate, vakuumverschweißte Zigaretten, hochprozentigen Alkohol. Und ja, auch Waffen und Munition. Klimawandel, Stromausfälle und muslimische Zuwanderung bedrohten die Welt. Er lese viel dazu. Sie wollten vorbereitet (englisch: „prepared“) sein, etwa auf eine „Flüchtlingswelle“ oder einen Banken-Crash. Manche von ihnen hätten Bunker unter ihren Häusern gebaut, andere deponierten einfach nur Trockenobst und Wasser.

Dann nennt Axel M. einen Namen: Walter K. Eichelburg. Der Mann aus Österreich sei so etwas wie der ideologische Übervater der Gruppe. Vor allem Jan Hendrik H. und Haik J. würden Eichelburg verehren. Aus den Schriften des Wiener Verschwörungstheoretikers schimmert das krude Weltbild der „Nordkreuz“-Jünger hervor. Von „Kriegsvorbereitungen“ ist die Rede, von „Muselrevolte“ und „Linksgrünversifften“. Begriffe, die auch in der AfD kursieren. Der Aufstand der Muslime stehe unmittelbar bevor, ist bei Eichelburg zu lesen. Nach einem Freitagsgebet werde der Aufstand losbrechen. Die Städte seien verloren, aber vom Land aus könnten Bürgerwehren die „Rückeroberung“ beginnen. „Es wird Blut fließen ohne Ende“, zitiert Eichelburg einen anonymen Bundeswehr-Soldaten. Muslime müsse man kreuzigen oder pfählen. „Man kann gleich noch einige rote und grüne Politiker und Bürokraten dazu mischen, damit alle sehen, dass sie auch zu den Feinden gehören und was mit ihnen passiert, wenn sie sich nicht freiwillig ergeben.“ Eichelburg liest sich wie die österreichische Blaupause für „Nordkreuz“.

Seitenweise Namenslisten

Der Rostocker Anwalt Jan Hendrik H. scheint die Passagen über Politiker und Bürokraten besonders gründlich studiert zu haben. Bei ihm finden die Ermittler seitenweise Listen. Akribisch führt er Buch über vermeintliche Gegner. Mehr als 5000 Namen werden im Büro des Anwalts gefunden, öffentliche Funktionsträger, Journalisten und etwa hundert Politiker, die meisten von ihnen aus Mecklenburg-Vorpommern. Doch anders als im Fall Franco A. sind es keine eindeutig zu identifizierenden Todeslisten. Alle Quellen sind offen zugänglich. Kein Galgen, kein Datum, keine verräterische Randnotiz ziert die Namen.

Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich nach den Mecklenburger Razzien auf den Anwalt, den Polizisten und den ehemaligen LKA-Beamten. Ein rechtes Terrornetzwerk in Sicherheitskreisen? In Justiz und Polizei? Eine haarsträubende Vorstellung, erst recht nach den Erfahrungen um Franco A. und dessen rechtes Terrornetzwerk innerhalb der Bundeswehr.

Doch auch der Crivitzer Meister spielt bei „Nordkreuz“ eine nicht unerhebliche Rolle. Bei ihm gerinnen virtuelle Chats zu realen Treffen. Seine Werkstatt bietet Platz, wenn das Internet zu klein wird. 30 Gleichgesinnte gehören der Gruppe an. Wenigstens zwei von ihnen sollen Mitglieder der AfD sein: der ehemalige Polizist Marco G. aus Banzkow und der Ludwigsluster Polizist Haik J. Manchmal nehmen die „Nordkreuz“-Mitglieder ihre Frauen und Kinder mit nach Crivitz. Dann sitzen mehr als hundert Menschen an den langen Tapeziertischen. Der Schwerpunkt der Gruppe liegt in Mecklenburg-Vorpommern, nur ein Mitglied kommt aus Brandenburg. Der harte Kern lebt und arbeitet in einem kleinen Gebiet zwischen Schwerin, Hagenow und Ludwigslust. Ein rechtsextremes Dreieck, in dem auch NPD-Größen wie der frühere Bundeschef Udo Pastörs oder der dubiose NPD- und AfD-Sympathisant Philip Steinbeck anzutreffen sind. Es mag Zufall sein: Aber selbst den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zog es nachweislich gleich mehrfach in diese Gegend, um eine anwaltliche Vertretung für Beate Zschäpe zu organisieren – bei einem mittlerweile verstorbenen Rechtsanwalt im mecklenburgischen Goldenbow bei Hagenow.

Alle „Nordkreuz“-Mitglieder vereint die Leidenschaft zum Schießen. Als Jäger oder Sportschützen sind die meisten von ihnen legal im Besitz von Waffen. Zusammen gehen sie zu Schießübungen nach Güstrow oder auf die Polizeischießbahn nach Plate bei Schwerin – „nur so zum Spaß“, wie Axel M. sagt. Oder sie fahren in den „Paint-Park“ Wöbbelin und schießen mit Farbbeuteln. Bemerkenswert: Bis auf Anwalt H., der vorgibt, bei der NVA Kampfschwimmer gewesen zu sein, sind fast alle in der Gruppe ehemalige Bundeswehr-Soldaten. Fünf von sechs „Nordkreuz“-Mitgliedern, die im Visier der Bundesanwaltschaft stehen, sind Mitglied im Reservistenverband der Bundeswehr, und zwar im Kreisverband des Fliegerhorsts Laage. In höchsten Sicherheitskreisen heißt es: „Am Ende laufen bei ,Nordkreuz‘ alle Fäden bei der Bundeswehr oder im Reservistenverband zusammen.“

„Wir haben alle eine gesunde konservative Einstellung“

Beim Schießen treffen die Bundeswehr-„Prepper“ auch auf Horst S., den Major der Reserve mit den vielen Handy-Kontakten. S. war bis zum vergangenen März Vizelandeschef des Reservistenverbandes von Mecklenburg-Vorpommern. Sie tauschen ihre Gewehre untereinander aus. Der Major bewundert die Ordonanzwaffen des Rostocker Anwalts, historische halbautomatische Karabiner, Kaliber 7,62. Man versteht sich. „Wir haben alle eine gesunde konservative Einstellung“, sagt Horst S. Zusammen gehen sie sogar schießen auf der Schießsportanlage Schwerin-Hagenow – unter dem Dach des Reservistenverbands.

Der Major bestreitet jeden Kontakt zu Franco A. Wenn überhaupt, dann sei er eher unfreiwillig über seine Handy-Kontakte zum Bindeglied zwischen der „Prepper“-Gruppe im ländlichen Nordosten und der Gruppe um den terrorverdächtigen Oberleutnant geworden. Der soll sich als Syrer getarnt haben, um Flüchtlingen Terroranschläge in die Schuhe schieben zu können. Um die Hintergründe zu beleuchten, lässt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in der Truppe nach rechtsextremistischen Umtrieben fahnden. Dabei gerät Horst S. ins Visier des Bundeswehr-Geheimdienstes MAD. Wenige Wochen nach der Verhaftung des Oberleutnants klingelt bei ihm zu Hause in Krakow am See das Telefon. Das Landeskommando Mecklenburg-Vorpommern bittet zum Rapport nach Schwerin. Brigadegeneral Gerd Kropf stellt unbequeme Fragen und konfrontiert ihn mit belastenden Details. Horst S. gibt zu, über das rechtsextremistische Thule-Seminar Bücher über die Waffen-SS gekauft zu haben, angeblich um mehr über seinen Großvater, einen ehemaligen SS-Mann, zu erfahren. Damit hält er die Sache für erledigt – eine trügerische Fehleinschätzung. MAD und Bundesverfassungsschutz weiten ihre Ermittlungen aus – und stoßen auf den „Prepper“-Chat.

Vor gut einer Woche, am 4. September, fällt im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestages, das die deutschen Geheimdienste kontrolliert, erstmals der Name von Horst S. Spätestens jetzt haben die mysteriösen Kontakte des Reserve-Majors auch den Bundestag erreicht.

Von Jörg Köpke/RND

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