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17:22 19.03.2017
„Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist“, ruft der 61-Jährige nach seinem Sieg Quelle: Michael Kappeler
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Berlin

Es ist ein historischer Moment. Aus den Boxen dröhnt der Coldplay-Hit, „Viva La Vida“. 100 Prozent für Martin Schulz. Das hat seit dem Krieg niemand geschafft. Kein Schumacher, kein Ollenhauer, kein Brandt.

Sigmar Gabriel und sein Nachfolger fallen sich in die Arme. Mehr noch: Der alte und der neue SPD-Chef quetschen sich aneinander. Gabriel boxt ihm mit der Faust auf die Krawatte, nach dem Motto: Mensch, du Teufelskerl.

Seit diesem Sonntag ist Schulz, der langjährige EU-Parlamentschef, nicht mehr „Mister Europa“, sondern „Mister 100 Prozent“. Er bleibt so gefasst, wie er es im vorerst größten Moment seiner langen SPD-Karriere sein kann. So ein Resultat, das die große Sehnsucht der seit Agenda-Zeiten oft gedemütigten Genossen nach neuer Stärke widerspiegelt, kann auch zur Last werden.

„Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramtes ist“, ruft der 61-Jährige in den Saal. Die 100 sei für ihn Verpflichtung, „eurem Vertrauen gerecht zu werden“.

Viel muss er im Moment dafür gar nicht tun. Einfach nur reden, einfach nur fühlen. Wie am Sonntag in der „Arena“ an der Spree, einer alten Industriehalle, von der SPD in eine hippe Multimedia-Bühne verwandelt. Draußen auf den Wellen schippert der Unions-Nachwuchs auf einem Kahn herum, verspottet den „Gottkanzler“: Der solle mal rüberkommen, er könne doch übers Wasser laufen.

Ins Schwimmen gerät Schulz während seiner rund 75 Minuten langen Rede nur ein einziges Mal. Gerade redet er darüber, dass Familien mit der SPD ihre Kinder gebührenfrei von der Kita bis zur Uni bringen können. Plötzlich wird es laut links hinter ihm. Schulz dreht sich irritiert um.

Dort steht ein junger Mann mit einem zwei Monate alten Baby auf dem Arm. Der kleine Jasper im karierten Hemd drückt sich mit großen Augen an die Brust des Papas. Schulz schaltet blitzschnell. „Uiuiui. Um Gottes Willen. Mann, ich hatte schon gedacht, ich hab' was Falsches gesagt“, sagt der 61-Jährige: „Junge oder Mädchen?“ Junge, ruft Kindsvater Sören. „Is' egal, wird aufgenommen“, antwortet Schulz. Und die über 2500 SPD-Anhänger liegen ihm zu Füßen.

Dabei hat der Mann mit der Glatze und dem Backenbart, dessen Logo auf Stoffbeutel und Buttons gedruckt wird, der Partei bei den Inhalten wieder nichts Neues mitgebracht. Schulz hält in weiten Teilen eine Rede wie am 29. Januar bei seiner Nominierung als Kanzlerkandidat in der Parteizentrale. Aber das ist vielleicht Teil des Neuen in diesem Bundestagswahlkampf: Trump, Le Pen, AfD und ihre Fake News fordern die Parteien heraus wie noch nie - doch statt um Fakten und Programme geht es vor allem um Gefühle.

Und Schulz ist derzeit wohl der deutsche Politiker, der die am besten bedienen kann. „Jeder spürt es, hier im Saal, genauso wie im Land: Die SPD ist wieder da“, sagt er zum Auftakt. „Und nun stehe ich hier vor euch. Ein Mann aus Würselen, ja, aus Würselen, meiner Heimat, aus einfachen Verhältnissen.“ Das hört sich fast wie Merkels „Sie kennen mich“ vor der Wahl 2013 an.

Anfang des Jahres hätte Schulz' Pathos lächerlich geklungen. Nun lacht in der Union und im Kanzleramt niemand mehr. Angela Merkel weiß, dass Schulz ihr gefährlich werden kann. Dabei sind 80 Prozent der Deutschen mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden. Normalerweise ist das kein Fundament für Wechselstimmung. Doch die Umfragen sagen ein enges Rennen voraus. Noch sind es sechs lange Monate bis zum Wahltag am 24. September. Hält der Schulz-Hype?

In Berlin vertröstet er die Partei auf den kommenden Parteitag am 25. Juni in Dortmund. In der „Herzkammer“ der Sozialdemokratie soll es Klartext beim Programm geben. Noch hat Schulz viele heiße Eisen, an denen er sich innerparteilich die Finger verbrennen kann, nicht angepackt. Nur mit alten Sozis, die Schulz mit seinem sanften Agenda-2010-Bashing zurückgelockt hat, oder jungen Wilden, die wie er Europa retten wollen, dürfte es mit der Eroberung des Kanzleramtes schwer werden. Wahlen werden in der Mitte gewonnen.

So hinterlässt Sigmar Gabriel, der in der „Arena“ mehrfach für seine siebeneinhalbjährige Ära gefeiert wird und manche Träne verdrückt, als letzten Akt einen Rat: „Lasst Euch nicht einreden, die SPD sei eine reine Verteilungspartei.“

Schulz, der kein Wort über Koalitionen oder Merkel verliert, überspielt die strategischen Unsicherheiten mit einem emotionalen Dreiklang: „Bei unserem Programm wird es um Gerechtigkeit, um Respekt und um Würde gehen.“ Das unterfüttert er im typischen Schulz-Sound, spannt den Bogen von Alltagssorgen der Familien, im Einsatz angegriffenen Feuerwehrleuten und Polizisten bis zu Trump und Erdogan.

„Ich sage Euch, den Feinden der Freiheit und der Demokratie, Euch, die jeden Tag ein Stück frecher gegenüber unserer Demokratie werden, ihr habt in der SPD den entschiedensten Gegner, den man in diesem Land haben kann“, sagt Schulz, der einst Berlusconi die Stirn bot und einen griechischen Rechten aus dem EU-Parlament warf.

Dann wird es historisch. Anke Rehlinger, die am nächsten Sonntag nach 18 Jahren an der Saar für die SPD die Macht von der CDU zurückholen will, verkündet die 100 Prozent. Der Rest ist Jubel. Die SPD, die manche Vorsitzende hinterrücks meuchelte, wie der anwesende Kurt Beck bezeugen kann, hat sich an Schulz und sich selbst berauscht. „Es dürfte der fröhlichste und optimistisches Übergang zu einem neuen Parteivorsitz sein, den unsere Partei so in den letzten Jahrzehnten erlebt hat“, sagt Gabriel. Gewonnen ist noch lange nichts.

dpa

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