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20:10 20.04.2018
Die Konsequenz der #MeToo-Debatte darf nicht aus dem Betonen weiblicher Hilflosigkeit bestehen, sondern sollte Frauen Mut zu mehr Selbstermächtigung machen. Quelle: iStockphoto
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Berlin

Seit Monaten bestimmt die #MeToo-Debatte die Feuilletons und Talkshows. Männliche Gewalt, behauptet der Hashtag-Feminismus, ist allgegenwärtig: im Büro, im Bett, im Leben einer jeden einzelnen Frau.

Und ja, es stimmt: Handfeste, brutale Gewalt von Männern gegen Frauen (und auch gegen Männer) existiert. Männer sitzen immer noch in signifikant mehr Machtpositionen als Frauen. Einige von ihnen nutzen ihre Macht schamlos aus. Auffällig ist aber, dass eine Perspektive in der gegenwärtigen Diskussion weitgehend ausgespart wird: die Frage nämlich, was Frauen zur Festigung der männlichen Macht, die immerhin keineswegs mehr rechtlich legitimiert ist, selbst beitragen.

Tatsächlich sind es Initiativen wie #aufschrei, #neinheißtnein und #MeToo, die patriarchale Denkmuster blindlings wiederholen und damit ebenjene Wirklichkeit festschreiben, die sie beklagen. Zu dieser Festschreibung gehört – unter anderem – die Behauptung, dass Frauen schlechterdings nicht die Möglichkeit zu autonomem Handeln besitzen. Gegen einen zudringlichen Mann ist die Frau machtlos. Zumal dann, wenn es sich um einen Mann in einer Machtposition handelt.

Mut machen zur Selbstermächtigung

Um es klar zu sagen: Es gibt Situationen, in denen Frauen keine Chance haben. Allein, das Fehlen einer jeden Handlungsoption ist immer noch die Ausnahme. Wenn ich belästigt werde, dann bin ich – in aller Regel – der Situation keineswegs ausgeliefert. Ich kann kontern oder auch auf charmante Weise zum Ausdruck bringen, dass ich kein Interesse habe. Ich kann es ablehnen, ein Bewerbungsgespräch im Hotelzimmer zu führen. Und ich kann mich übrigens auch mit Frauen, die vielleicht zu jung, zu unerfahren oder zu prekär situiert sind, um Stellung zu beziehen, entschieden solidarisieren.

Wenn ich sehe, dass eine Praktikantin oder eine Putzfrau von männlichen Vorgesetzten in welcher Weise auch immer aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert wird, kann ich mich vor sie stellen und klarmachen: So nicht, meine Herren. Niemand hindert mich daran, dies zu tun. Außer meine eigene Feigheit.

Eine solch selbstbestimmte Haltung ist oft und aus verschiedenen Gründen nicht leicht. Zumal dann nicht, wenn Frauen schon oft Gewalt erfahren haben, traumatisiert und verängstigt sind. Die Frage ist aber, ob wir solchen Frauen Mut machen, in die Selbstermächtigung zu finden, oder in einer Endlosschleife wiederholen, dass sie als Traumatisierte genau dazu nicht in der Lage sind. Die erste Option, das Mutmachen, steht für die Dynamisierung einer Entwicklung, die zweite für die Festschreibung eines Status quo.

Es war noch nie einfach, Selbstbestimmung zu leben

Auch ist Widerstand dann nicht einfach, wenn eine Frau von der Gunst eines Mannes abhängig ist. Vielleicht riskiert sie durch entschiedenes Widersetzen sogar den eigenen Arbeitsplatz. Aber – und genau dieser Punkt wird von Hashtag-Feministinnen übersehen – es war noch nie einfach, Selbstbestimmung nicht nur zu fordern, sondern auch konkret zu leben. “Wer wirklich nach seinen eigenen Wünschen, Überzeugungen und Prinzipien leben will, der muss imstande sein, Widerstände zu überwinden“, schreiben Michael Pauen und Harald Welzer in ihrem Buch “Autonomie“.

Die Geschichte wäre keinen Deut vorangekommen, wenn Menschen sich zu allen Zeiten mit dem Argument gerechtfertigt hätten, dass sie, würden sie sich wehren, Einbußen zu befürchten hätten. So funktioniert kein Fortschritt. Und so funktioniert auch keine selbstbewusste Weiblichkeit. Um es zugespitzt zu sagen: Mit welchem Argument beanspruchen Frauen für sich, paritätisch Führungspositionen zu besetzen, wenn sie sich auf solche Weise selbst infantilisieren?

Hören wir auf, uns schwächer zu machen

An dieser Stelle entgegenzuhalten, dass #MeToo sehr wohl ein Akt der Selbstermächtigung sei, weil “ein Schweigen gebrochen“ werde, ist eine fadenscheinige Argumentation. Was nützt ein nachträgliches Anprangern von Überschreitungen, die man hätte verhindern können? Halte still und beklage dich hinterher – ist dieses hilflose Nachtreten wirklich das Verständnis von Emanzipation, das wir unseren Töchtern mit auf den Weg geben wollen?

Anstatt den Mann zu kastrieren, muss die Frau selbst in die Potenz finden. Anstatt dem Mann die Schuld für die eigene Passivität in die Schuhe zu schieben – beruflich, sexuell, existenziell – kommt die potente Frau in die Lust. Anstatt die männliche Sexualität zu entwerten, wertet sie ihre eigene auf. Anstatt den Mann für seinen Willen zu hassen, befreit sie den ihren aus der jahrhundertelangen Latenz.

Gewiss: Um Möglichkeiten zu ergreifen, bedarf es einer entsprechenden Wirklichkeit. Doch wir Frauen sind Teil dieser Wirklichkeit. Hören wir also auf, die männliche Macht zu stützen, indem wir uns schwächer machen, als wir sind. Fangen wir an, das Mögliche im Wirklichen zu realisieren. Und zwar genau jetzt.

Svenja Flaßpöhler Quelle: dpa

Zur Person: Die Philosophin, Journalistin und Autorin Dr. Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des “Philosophie-Magazins“. Ihre Streitschrift “Die potente Frau“ (Ullstein, 48 Seiten, 8 Euro), in der sie für eine neue Weiblichkeit plädiert, erscheint am 2. Mai.

Von Svenja Flaßpöhler

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