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Politik „Nörgeln gehört zur Berliner DNA“
Nachrichten Politik „Nörgeln gehört zur Berliner DNA“
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12:02 03.05.2018
„Niemand soll durch Miethaie vertrieben werden“: Berlins ehemaliger Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sieht vor allem Chancen. Quelle: Foto: dpa
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Berlin

Herr Wowereit, Berlin ist nicht mehr so arm, aber immer noch sexy, sagen Sie. Ist es vielleicht aber doch so, dass die Stadt droht, ihren Sexappeal zu verlieren?

Das ist die spannende Frage. Die Gefahr besteht sicherlich. Die wirtschaftliche Entwicklung ist gut, dadurch steigen aber auch die Preise, und das gefährdet die Vielfalt, die Berlin ausmacht. Da muss kluge Stadtpolitik dagegensteuern. Das ist aber schwer.

Tut der aktuelle Senat unter Ihrem Nachfolger Michael Müller genug?

Berlin ist sicher keine einfache Stadt. Einerseits ist noch viel Platz in der Stadt, immerhin hatten wir vor dem Zweiten Weltkrieg einmal 4,5 Millionen Einwohner, jetzt gehen wir erst wieder allmählich auf die vier Millionen zu. Die Einkommen steigen und damit auch die Mieten – aber die Einkommen steigen eben nicht bei allen gleichermaßen. Der Senat hat das Ziel von 300 000 Sozialwohnungen, dazu kommen die Genossenschaftswohnungen. Ein Viertel der Mietwohnungen ist also schon einmal nicht gewinnorientiert. Jetzt werden 5000 neue Studentenwohnungen gebaut, auch die entlasten den normalen Wohnungsmarkt. Berlin darf nicht den Fehler von anderen Metropolen machen, dass die innerstädtischen Bezirke unbezahlbar und Normalverdiener an den Stadtrand gedrängt werden. Dann wäre die Stadt garantiert nicht mehr sexy.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch „Nicht jeder kann am Kollwitzplatz wohnen“. Die Verdrängung geht ja weit über den Prenzlauer Berg hinaus. Heißt es auch „Nicht jeder hat das Recht, in Kreuzberg zu wohnen“?

Das Recht schon, aber er muss dort erst einmal eine Wohnung finden und bezahlen können. Wir sehen ja seit Jahren die Ausweichprozesse in andere Bezirke, Nord-Neukölln ist eine gefragte Wohnlage geworden. Zu meiner Zeit war der Stadtteil bereits gekippt, wir haben mit Quartiersmanagement dagegengesteuert. Manchmal ist es ja auch wünschenswert, dass sich etwas entwickelt. Entscheidend ist, dass wir flächendeckende, brutale Entkernung vermeiden. Niemand soll durch Miethaie vertrieben werden.

Aber das geschieht doch längst.

Und wir können in unserem Rechtssystem nicht einfach die Mieten festsetzen oder Unternehmen vorschreiben, wo sie sich ansiedeln sollen.

Also kommt Google nach Kreuzberg und verschärft dort die Entwicklung. Ist es nicht möglich, an die soziale Verantwortung zu appellieren?

Das wäre sicherlich wünschenswert. Übrigens ist die Start-up-Szene relativ breit gestreut in der Stadt. Die sitzen nicht alle nur in Mitte und Kreuzberg. Wenn jemand meint, er müsse mittendrin sein, dann muss er eben suchen. Es wird Verlagerungsprozesse geben.

Also wird es auch Entmischung geben. Wird Berlin dann eine normale Großstadt mit sozial segregierten Vierteln? Und ist damit die Epoche der Stadt der Freiräume vorbei?

Die Gefahr ist da. Es gibt Verdrängung, das ist nicht zu leugnen. Aber die Berliner Politik konnte und kann ja nicht darauf abzielen, den schlechten Zustand der 1990er-Jahre zu konservieren. Die Arbeitslosenquoten nahe 20 Prozent waren ja nun wirklich nicht schön. Wir müssen bauen, und wir müssen auch viel bauen. Das ist bei vielen noch nicht angekommen. Und wir müssen die verbliebenen Freiräume schützen. Das Atelierprogramm des Senats muss aufgestockt werden, um Künstler zu halten. Die Probebühnen der Theater müssen gesichert werden. Die Clubszene braucht Unterstützung, um die Konflikte mit der Nachbarschaft in Neubauten, die auf Ruhe pochen, zu überstehen. Wenn man solche Freiräume durch intelligente Politik erhält, bleibt Berlin eine sexy Stadt.

Weltweit wird Berlin durch die rosarote Brille gesehen – die Berliner aber nörgeln. Woran liegt das?

Erst einmal ist es ja toll, dass Berlin so einen Ruf genießt. Und das zu Recht. In manchen Feldern stimmt eben beides – das Lob von außen und das Nörgeln der Berliner. Unser Nahverkehrssystem ist hervorragend. Aber die Stadt wächst rasant, die Zahl der Pendler auch, und jetzt muss nachgesteuert werden. Da müssen mehr Waggons an die Züge, da müssen mehr Busse fahren. Zur Berliner DNA gehört das Nörgeln dazu, hier ist das Glas immer halb leer, nicht halb voll. Dennoch zeigen Umfragen, dass die Berliner gerne in ihrer Stadt leben.

Am 4. Mai erscheint „Sexy, aber nicht mehr so arm: mein Berlin“, das dritte Buch von Klaus Wowereit (mit Enrik Lauer). Edel Books. 256 Seiten, 19,95 Euro.

Von Jan Sternberg

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