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Nachrichten Politik Organspende: Ist Widerspruch die Lösung?
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10:26 28.11.2018
Derzeit warten mehr als 10.000 Patienten in Deutschland auf eine Organspende. Quelle: Caroline Seidel/dpa
Berlin

Ein Jahr. Vielleicht auch ein wenig mehr. So lange werde sein Herz noch schlagen, aber dann sei Schluss. Andreas Wolf erinnert sich noch genau daran, was ihm sein Arzt im Herbst vor einem Jahr erklärt hatte: „Wir können hier nichts mehr machen.“

Nach etlichen Operationen könne sein Leben jetzt nur noch durch eine Transplantation gerettet werden, eröffnete ihm der Herzspezialist damals. Nachdem klar war, dass Wolf eine derartige Operation überhaupt überstehen kann, steht er seit diesem Sommer auf der Warteliste für ein neues Herz, Status „High Urgency“ – hochdringlich. Ob die Zeit ausreicht, bis sich ein Spender findet, ist nicht absehbar.

„Wir können hier nichts mehr machen“: Andreas Wolf wartet auf ein Spenderherz. Quelle: Thomas Imo/photothek.net

So wie Wolf geht es derzeit mehr als 10.000 Patienten in Deutschland. Damit mehr Menschen ihre Organe spenden und damit weniger Patienten als bisher auf der Warteliste sterben, machen sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und andere Politiker im Bundestag für die Umkehrung der geltenden Spenderregelung stark: Während der Organspende heute ausdrücklich zugestimmt werden muss, soll künftig jeder Mensch Spender sein, wenn er nicht widerspricht. An diesem Mittwoch wird sich der Bundestag in einer ersten „Orientierungsdebatte“ mit dem Thema beschäftigen. Beschlüsse sind noch nicht geplant. Immerhin zweieinhalb Stunden sind eingeplant – eine vergleichsweise lange Dauer. Es ist allerdings auch eine vergleichsweise schwierige Plenardebatte, es geht schließlich um Leben und Tod. Und es geht um Menschen wie Andreas Wolf.

Wer Wolf im Berliner Paulinenkrankenhaus besucht, ist überrascht. Der 50-Jährige läuft umher, macht Späßchen mit den Krankenschwestern. Fester Handgriff, hellwacher Geist. Doch der erste Eindruck täuscht. Wolf ist ein „Patient in akut lebensbedrohlicher Situation“. Er muss aber auch deshalb rund um die Uhr im Krankenhaus bleiben, damit er schnell für eine Operation vorbereitet werden kann, wenn ein Spenderherz zu Verfügung steht.

„Jeder möchte leben“

Der Magdeburger wurde mit einem schweren Herzfehler geboren. Er hat nur eine Herzkammer. Toben und Rennen ist als Kind nicht möglich, als Schüler ist er so schwach, dass er seine Schulmappe nicht allein tragen kann. „Meinen Eltern wurde immer wieder gesagt, dass ich schon im Kindesalter sterben werde.“ Doch Wolf lebt. Er arbeitet in einer Bücherei, malt in seiner Freizeit. Mehrfach sprang er dem Tod von der Schippe. Spezialisten des Deutschen Herzzentrums in Berlin gelang es immer wieder, ihn ins Leben zurückzuholen und zu stabilisieren. Doch sein Zustand wurde zuletzt immer schlechter. Bei einer komplizierten Operation verblutete er fast.

Vom Krankenhausbett verfolgt Wolf nun die neue Debatte über die Widerspruchslösung für Organspenden sehr aufmerksam. „Es ist doch nicht zu viel verlangt, wenn sich jeder Mensch mit dem Thema beschäftigen muss“, sagt er. Denn spätestens dann, wenn das eigene Leben durch eine Transplantation gerettet werden könnte, wollten doch alle ein neues Organ haben, meint er: „Jeder möchte leben.“

Das ist seine Meinung – und die ist durchaus strittig. Die Forderung einer Widerspruchslösung reicht Jahrzehnte zurück – und scheiterte bislang immer an ethischen Bedenken.

Die Debatte um die Widerspruchslösung begann 1973

Angestoßen wird sie 1973 von den Justizministern der Länder. Schon damals geht es um die grundsätzliche Frage, unter welchen Umständen einem Menschen, der nicht mehr zu retten ist, Organe entnommen werden dürfen, um damit ein anderes Leben zu bewahren. Die Länder fordern, die Organtransplantation gesetzlich zu regeln. Zwei Jahre später schlägt eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe die „Ausweislösung“ vor. Danach sollte eine Transplantation zulässig sein, wenn im Personalausweis eines potenziellen Spenders kein Widerspruch vermerkt ist und dem Arzt auch sonst kein anderer Wille bekannt ist. Ein entsprechender Gesetzentwurf wird zwar vom Bundeskabinett verabschiedet, er scheitert aber Ende der 1970er-Jahre im Bundesrat.

Doch der Druck wächst weiter, da die Diskrepanz zwischen benötigten und zur Verfügung stehenden Organen immer größer wird. Schließlich nimmt sich Mitte der 1990er-Jahre die Bundesregierung erneut der Sache an. Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) dringt auf eine bundeseinheitliche Regelung, auch um die Frage zu klären, wann ein Mensch als tot gelten darf. Im Sommer 1997 wird schließlich die „erweiterte Zustimmungslösung“ beschlossen: Eine Organentnahme ist danach nur erlaubt, wenn Spender zu Lebzeiten zugestimmt haben. Ist kein Wille bekannt, werden die Angehörigen befragt. Als Todeszeitpunkt gilt der Hirntod.

Weil damit im Grunde das bisher übliche Verfahren in Gesetzesform gegossen wird, bleiben die Spenderzahlen auf einem niedrigen Niveau. 2012 kommt es sogar zu einem dramatischen Einbruch – als aufgedeckt wird, dass Ärzte in mehreren Kliniken die Wartelisten manipuliert hatten, um Patienten schneller mit einem Organ versorgen zu können. Ein großer Vertrauensbruch. Obwohl namhafte Experten danach fordern, das gesamte Transplantationssystem in Deutschland auf den Prüfstand zu stellen, veranlasst die damalige schwarz-gelbe Regierung nur einige kleine Korrekturen.

Gesundheitsminister Spahn regt Organspende-Debatte an

Um die Spenderzahlen zu erhöhen, werden unter anderem die Krankenkassen verpflichtet, die Versicherten regelmäßig über das Thema Organspende zu informieren. Aus der bisherigen „Zustimmungslösung“ wird offiziell die „Entscheidungslösung“, obwohl sich inhaltlich gar nichts ändert. Die Zahl der Spender sinkt weiter, die Warteliste wird länger.

Erst durch den neuen Vorstoß von Spahn kommt nun wieder Schwung in die Debatte. Er und sein bekanntester Mitstreiter, der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, halten es ethisch und verfassungsrechtlich für zulässig, die Bürger mit der Frage der Organspende zu konfrontieren und ihnen einen Widerspruch abzuverlangen, sollten sie kein Spender sein wollen.

Fordert die Widerspruchslösung: Gesundheitsminister Jens Spahn. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE

Die Gegner sammeln sich schnell und erarbeiten einen fraktionsübergreifenden Gegenantrag. „Die Widerspruchslösung ist ein unzulässiger Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht“, sagt einer der Initiatoren, der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger. Das Argument: Ein „Nichts-Sagen“ dürfe vom Staat nicht als Zustimmung gewertet werden. Aus der freiwilligen Organspende werde so eine „Organabgabepflicht“. Dem stimmt der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, zu: „Eine solche Regelung würde den menschlichen Körper zu einem Objekt staatlicher Sozialpflichtigkeit machen.“

Die Kritiker befürchten, dass damit die ohnehin vorhandene Skepsis der Bevölkerung gegenüber einer Organspende noch weiter wächst. So warnt der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, die Regelung würde das Vertrauen in das Transplantationssystem weiter schwächen.

Die Kritiker argumentieren drittens, dass es keinen wissenschaftlich fundierten Beleg für die These gebe, wonach sich die Widerspruchslösung tatsächlich positiv auf die Zahl der Spender auswirkt. Sie verweisen auf Erfahrungen in Schweden, wo die Zahlen trotz Einführung der Widerspruchslösung niedrig geblieben sind.

Informationen und Aufklärung – eine gute Alternative?

In dem Gegenantrag wird deshalb dafür plädiert, die Bürger stattdessen besser über die Organspende zu informieren, beispielsweise bei der Ausstellung eines Personalausweises. Ärzte sollen für Aufklärungsgespräche Geld von der Krankenkasse bekommen. Ein „Ja“ zur Organspende wird künftig nach dem Vorschlag der Abgeordneten in einem neuen Register vermerkt, damit potenzielle Spender besser identifiziert werden können. Eine verbindliche Erklärungspflicht („Ja“, Nein“ oder „Ich möchte mich noch nicht entscheiden“) soll es nach Ansicht der Parlamentarier aber nicht geben.

Es könnte allerdings sein, dass sich später noch andere Abgeordnete zusammenfinden, die diese verbindliche Entscheidungslösung in einem weiteren Gruppenantrag vorschlagen. Mehrere FDP-Politiker sowie die Grünen-Chefin Annalena Baerbock befürworten diese Variante, wobei man etwa bei der Abholung seines Personalausweises erklären müsste, ob man sich zur Organspende bereiterklärt oder nicht. Wie sich der Bundestag bei der Schlussabstimmung, die vor dem nächsten Sommer geplant ist, entscheiden wird, ist völlig offen. Nach Schätzungen ist derzeit ein Drittel der Abgeordneten klar für die Widerspruchslösung und ein Drittel dagegen. Die übrigen sind unentschieden.

Wolfs größter Wunsch? „Ein neues Herz zu Weihnachten.“

Für Andreas Wolf ist es eine Selbstverständlichkeit, das „Ja“ auf dem Organspendeausweis angekreuzt zu haben: „Aber ich weiß natürlich, dass meine Organe wahrscheinlich keiner mehr brauchen kann.“ Im Fall der Fälle will er seinen Körper der Forschung zur Verfügung stellen: „Vielleicht nützt das ja noch jemandem.“

Der Tod ist für ihn keine abstrakte Größe. Seine größte Angst: „dass sich kein Spender findet und ich hier im Krankenhaus sterben muss.“ Dann wäre es nämlich sinnvoller gewesen, gleich zu Hause zu bleiben und dort auf den Tod zu warten, meint Wolf: „Gerade in der Weihnachtszeit will man doch bei seiner Familie und Freunden sein.“ Sein größter Wunsch? „Ein neues Herz zu Weihnachten. Sonst wird es langsam eng für mich.“

Von Timot Szent-Ivanyi

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