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Robert Habeck, der Erfolg und der „Tüünkraam“

Grüne schielen nach Norden Robert Habeck, der Erfolg und der „Tüünkraam“

Überall müssen die Grünen sich wegen mieser Umfragen rechtfertigen - außer in Schleswig-Holstein. Das Spitzenpersonal in NRW und im Bund muss sich fragen: Was haben die, was wir nicht haben?

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Der vierfache Vater steht nicht auf der Landesliste, ist aber mit Spitzenkandidatin Monika Heinold das wichtigste Zugpferd der Nord-Grünen.

Quelle: Kay Nietfeld/archiv

Kiel/Berlin. Robert Habeck sitzt am Wasser, wo sonst. Jeans, Kapuzenpulli, im Schneidersitz auf einem Holzsteg, neben ihm ragt ein bisschen Schilf ins Bild. „Das ist alles Spökenkiekerei und Tüünkraam“, sagt der Norddeutsche.

Und meint damit Spekulationen, er könnte als Retter in der Not aus Schleswig-Holstein nach Berlin eilen, um die darbenden Bundesgrünen ans Licht zu führen. Hellseherei und Geschwätz, sagt der 47-Jährige in seinem Facebook-Video.

Dass der Minister für „alles, was draußen ist“ (Habeck über Habeck) sich gegen derlei Mutmaßungen wehrt, ist wenige Tage vor der Landtagswahl am kommenden Sonntag Pflicht. Der vierfache Vater steht nicht auf der Landesliste, ist aber mit Spitzenkandidatin Monika Heinold das wichtigste Zugpferd der Nord-Grünen, die auf zwölf Prozent hoffen dürfen. Und damit sehr viel besser dastehen als die Kollegen in Nordrhein-Westfalen, die vor der Fünf-Prozent-Hürde zittern, und im Bund, wo sich die Ökopartei mit Umfragewerten von 6,5 Prozent herumschlägt.

Die Mutmaßungen selbst hat Habeck Parteifreunden zu verdanken. Nicht nur in Berlin gibt es Kollegen, die ihn sich laut herbeisehnen. Die offen bedauern, dass die Parteibasis Habeck gerade mal 75 Stimmen weniger gab als Cem Özdemir, der damit zum Spitzenkandidaten neben Katrin Göring-Eckardt wurde. So bekam die SPD ihren Martin Schulz samt Aufbruchsstimmung, die Grünen bekamen altbekanntes Personal. Göring-Eckardt wird wohl nur deshalb weniger in Frage gestellt, weil sie in der Spitzenduo-Wahl keine Konkurrentin hatte.

Seit Monaten spekulieren die Grünen, Habeck könne nach der Bundestagswahl das Amt von Parteichef Özdemir übernehmen. „Wenn die Grünen die Wahl gewinnen und wieder in die Regierung kommen, dann werde ich Minister in Schleswig-Holstein“, sagt Habeck selbst. Aber dass es reicht für eine Neuauflage der „Küstenkoalition“ aus SPD, Grünen und der Dänen-Partei SSW, ist längst nicht sicher.

Warum stehen die Nord-Grünen so viel besser da als Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann und ihr Team in NRW? „Eine Erklärung dafür habe ich nicht wirklich. Dafür bin ich zu weit weg“, sagt Habeck in einem Gewerbegebiet im dänischen Sonderburg, rund 30 Kilometer vor Flensburg. Er will ein Stück im E-Mobil um die Flensburger Förde fahren und für die Energiewende werben. Dann Plastik sammeln am Strand. Wahlkampfendspurt im Norden eben. Es regnet leicht.

In Schleswig-Holstein laufe es für die Grünen, weil sie den Mut hätten, eine Grenze zu ziehen zur Bundespartei. Weil sie keine Verbotspartei seien und auch nicht so wahrgenommen würden. Sie wollten Politik machen „nicht nur für ein kleines Milieu“, sondern für die ganze Gesellschaft. „Der Vorwurf, wir sind abgehoben, wir sind elitär, eine Nischenpartei, der trifft hier Null. Hier sind wir eine kleine Volkspartei.“

Diese Philosophie hat Habeck schon im Wahlkampf zur Spitzenkandidatur vertreten - bei manchen Parteilinken stößt er damit auf Misstrauen bis hin zu Ablehnung. Das klingt einigen allzu sehr nach Baden-Württemberg und nach Winfried Kretschmann. Noch so eine grüne Erfolgsgeschichte. Sie blieb bisher auf ein Bundesland beschränkt.

Dass es in NRW dagegen gar nicht läuft, erklärt die Berliner Parteispitze nicht mit Personal oder Inhalten, sondern mit den schwierigen Strukturen, mit der rund laufenden rot-grünen Koalition, die grüne Erfolge verschlucke, und drittens mit Sylvia Löhrmanns Ressort - mit dem Bildungsministerium sei eben wenig zu gewinnen.

Auf die vielen Habeck-Fragen dagegen reagieren die Bundesgrünen inzwischen fast ein wenig genervt. Özdemir sei viel bekannter, laut ARD-„Deutschlandtrend“ der beliebteste Oppositionspolitiker. Einen Messias gebe es in der Politik nicht, und wenn, dann nur sehr kurzfristig - siehe den bereits nachlassenden „Schulz-Effekt“.

Trotzdem: Nach der Wahl am kommenden Sonntag wird von Habeck mehr zu sehen sein. „Sobald sich der Pulverdampf etwas verzogen hat, werde ich versuchen, den Kollegen in NRW zu helfen“, verspricht er. Auch im Bundestagswahlkampf soll er prominent platziert werden. Vielleicht bekommen die Grünen ihn dann doch noch, ihren „Habeck-Effekt“.

dpa

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