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Politik Schule vor dem Kollaps: Verlieren wir diese Kinder?
Nachrichten Politik Schule vor dem Kollaps: Verlieren wir diese Kinder?
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14:00 16.03.2019
Zu wenige Lehrer, mangelnde technische Ausstattung, zu wenig Geld für grundlegendste Reparaturen: Gesellschaft und Staat müssen endlich anfangen, Schulpolitik ernst zu nehmen. Quelle: cglade/Getty Images/iStockphoto
Frankfurt am Main

In allen Sonntagsreden und Wahlversprechen wird immer wieder die Bedeutung unserer Kinder, wird die Bedeutung von Bildung für die Zukunft der Gesellschaft heraufbeschworen. Mit Schulpolitik können Wahlen entschieden werden.

Wenn ich den Wahlversprechen der Parteien Glauben schenke, müssten nach den Wahlen die Länder, die Parteien und der Bund in einer Gemeinschaftsanstrengung alles tun, um den drohenden Kollaps vieler Schulen zu verhindern und die immer sichtbarer werdende Bildungskatastrophe noch abzuwenden, zumindest aber abzumildern.

Doch leider geschieht nichts davon. Das Desaster an Schulen ist flächendeckend: zu wenige Lehrer, mangelnde technische Ausstattung, zu wenige Sozialpädagogen und Erzieher, zu wenig Geld selbst für grundlegendste Reparaturen und Sanierungen – dafür viel zu viel Ideologie, zu viele Experimente und immer neue Aufgaben für die Lehrkräfte. Auch die Integration von Migranten stellt die Schulen vor sehr große Herausforderungen.

Die Politik sollte für die Schulen arbeiten, nicht umgekehrt

Kinder haben ein Anrecht auf Bildung und möglichst gerecht verteilte Bildungschancen. Es kann und darf nicht sein, dass man als Lehrerin – und so wie ich als Schulleiterin einer Brennpunktschule – oft jahrelang um eigentlich selbstverständliche Ressourcen kämpfen muss, und das häufig vergeblich. Die Ausstattung von Schulen muss gerade in Städten und Stadtvierteln mit sozialen Problemen überproportional verbessert werden.

Dort, wo die Eltern als Unterstützer ausfallen, müssen wir als Gesellschaft, als Staat für den entsprechenden Ausgleich sorgen – und zwar um jeden Preis. Erlebt habe ich aber leider eher das Gegenteil. Ich kämpfe seit Jahren für ein gestärktes Bewusstsein dafür, dass Behörden, Ämter, Ministerien, kurzum der staatlich-politische Überbau, für die Schulen, für die Kinder arbeiten sollten – und nicht umgekehrt.

Die Schulen werden durch immer neue Initiativen, ideologische Reformexperimente, scheinbar innovative pädagogische Konzepte auf Trab gehalten und die Lehrer davon abgehalten, sich mit ausreichender Zeit und Kraft um ihre Schüler zu kümmern. Die grundlegenden Fragen müssen sein: Welche Werte wollen wir unseren Kindern vermitteln, welche Werte schätzen wir als unabdingbar ein, wo und warum sind wir nicht bereit, von ihnen abzurücken?

Lehrkräfte müssen mehr Wertschätzung erfahren

Als Schulleiterin einer Grundschule in Frankfurt glaube ich nicht, eine umfassende Analyse der hochkomplexen Situation des föderal organisierten Schulsystems liefern zu können. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass vieles von dem, was ich an meiner Schule beobachte, symptomatisch ist für die Missstände, unter denen alle Schulen leiden.

Wenn wir die aktuelle Kindergeneration verlieren, wenn es uns nicht gelingt, Schulen zu reformieren, zu modernisieren, stehen wir gesamtgesellschaftlich vor einem Riesenproblem. Und was ist es, wenn nicht ein „Verlieren“, wenn Zehntausende Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlassen, wenn ein immer größerer Teil keinen Zugang zu qualifizierten Ausbildungen hat, wenn sich parallele Gesellschaften herausbilden, in denen es für selbstverständlich gehalten wird, vom Staat alimentiert zu werden. Von einem Staat, den man im Übrigen aber ablehnt.

Vieles von dem, was sich ändern muss, betrifft auf den ersten Blick Selbstverständlichkeiten. Dazu gehören die räumliche und sachliche Ausstattung der Schulen, gerade der Grundschulen. Hier muss alles den aktuellen Gegebenheiten (Herkunft der Schüler, soziale Situation der Eltern, Medienangebot) angepasst sein. Die Lehrkräfte müssen mehr Wertschätzung für ihre Arbeit erfahren, auch in finanzieller Hinsicht. Sie müssen sich ihrer Kernaufgabe widmen können: der Durchführung von gutem Unterricht.

Grundsätze wie Toleranz, Höflichkeit, Respekt werden in Frage gestellt

Ich habe in meinem Arbeitsalltag eine Erosion der Werte wahrgenommen. Immer mehr Menschen stellen Grundsätze wie Toleranz, Höflichkeit, Respekt in Frage oder gehen ignorant mit ihnen um. Kein Wunder, dass viele Lehrkräfte mürbe werden und müde sind, tagtäglich die immer gleichen Schlachten zu schlagen.

Aber wenn wir nicht mehr bereit sind, die grundlegenden Werte unserer offenen Gesellschaft jeden Tag zu vermitteln, vor allem aber zu leben, wie steht es dann um die Zukunft dieser Gesellschaft? Wie um die Zukunft der Demokratie, die darauf angewiesen ist, dass Menschen sich als aktiven Teil des Gemeinwesens verstehen, sich einbringen. Die begreifen, dass zum demokratischen Verfahren auch gehört, die Ergebnisse einer Mehrheitsentscheidung zu akzeptieren.

Die Kinder, die jetzt in meine Grundschule gehen, werden in zehn, 20 Jahren als Arbeitnehmer, als Eltern, als Staatsbürger die Säulen der Gesellschaft sein. Was, wenn sie unseren Werten indifferent gegenüberstehen, sie ablehnen?

Das Schulsystem ist mit der Integration überfordert

Es hat sich leider gezeigt, dass die bisherigen Versuche, die Integration der Zugewanderten zu einem großen Teil den Schulen zu überlassen, zum Scheitern verurteilt sind. Das Schulsystem ist mit dieser Aufgabe vollkommen überfordert. In all den Jahren wurden wir von den uns übergeordneten Behörden und damit auch von der Politik im Stich gelassen.

Oft hatte ich den Eindruck, dass Politiker, aber auch Teile der Gesellschaft die Augen vor der Wirklichkeit verschließen, dass sie, teils aus ideologischen Gründen, teils aus Angst, teils auch purer Überforderung, sich geweigert haben, die Zustände zu erkennen und Abhilfe zu schaffen.

Mein ganzes Berufsleben habe ich für das Gelingen der Integration an der Schule gekämpft. Ich bin sicher, dass der Glaube an den Erfolg der Integration unsere einzige Chance ist, unsere Gesellschaft weiter offen und lebenswert zu halten. Gelungene Integration stellt für unsere Gesellschaft einen großen Gewinn dar, davon bin ich nach wie vor fest überzeugt. Aber nur gemeinsam können und müssen wir für das Gelingen kämpfen.

Ingrid König Quelle: Muri Dolovac

Zur Person: Ingrid König, langjährige Grundschulrektorin in Frankfurt, hat das Buch „Schule vor dem Kollaps“ geschrieben (Penguin, 240 Seiten, 20 Euro).

Von Ingrid König

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