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13:23 22.02.2017
Ein US-Soldat überwacht das Geschehen am Boden in Nord-Afghanistan. Quelle: Szilard Koszticsak/archiv
Kabul

Zum dritten Mal werden Afghanen per Sammelabschiebung von Deutschland in ihr Heimatland gebracht. Was erwartet sie dort?

Wie gefährlich ist die Lage in Afghanistan wirklich?

Laut jüngsten Berichten der UN ist 2016 die Zahl der „bewaffneten Auseinandersetzungen“ in Afghanistan im Vergleich zu 2015 um 22 Prozent angestiegen (bis Oktober). Es gab konfliktbedingte Binnenfluchtbewegungen in 31 der 34 Provinzen, und mehr als 650 000 Menschen flohen aus ihren Heimatdörfern. Für 2017 erwarten die UN weitere 450 000 Kriegsvertriebene im Land selbst. Der Inspekteur des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan berichtete im Januar, es seien nur noch rund 57 Prozent des Landes in Händen der Regierung.

Wie wirkt sich das auf das Leben der Menschen aus?

Die Unsicherheit verstärkt humanitäre und Entwicklungsprobleme. Wegen der Gefechte und vieler Straßenblockaden der Taliban - zunehmend mit Minen oder Sprengsätzen - erreichen die Menschen ihre Märkte oder Kliniken vielerorts nur schwer. Rund 40 Prozent aller Afghanen haben laut Welternährungsprogramm nicht regelmäßig Zugang zu genug Essen. Mehr als eine Million Kinder sind unterernährt. Helfer haben zunehmend weniger Zugang zu den Provinzen.

Deutsche Politiker sprechen von „sicheren Gebieten“, in die Flüchtlinge zurückkehren können - wo sind die?

Die Politiker spezifieren oft nicht, was sie meinen. Innenminister Thomas de Maizière hat gesagt: „Afghanistan ist ein großes Land. Dort gibt es unsichere und sichere Gebiete.“ Manchmal verweisen Politiker auf die großen urbanen Zentren, zum Beispiel die Hauptstadt Kabul, oder auf die zentral gelegene Provinz Bamian.

Sind das denn sichere Regionen?

Bamian ist relativ sicher, aber sehr arm. Die beiden Straßen in die Provinz werden von Taliban kontrolliert. Die großen Städte leiden seit Jahren unter einem Ansturm der Menschen vom Land. Es gibt weder genug Arbeit noch genug Wohnraum. Die Slums wachsen. Die vielen Regierungsinstitutionen und Sicherheitskräfte in den größeren Städten ziehen außerdem Anschläge der Taliban an. In Kabul ist laut dem jüngsten Bericht der UN zu den zivilen Opfern des Krieges die Zahl der bei Anschlägen getöteten und verletzten Menschen im vergangenen Jahr um 75 Prozent gestiegen.

Andersherum: Wo sind die unsichersten Gebiete?

Im Norden waren 2016 die Provinzen Kundus und Baghlan besonders umkämpft; dort war bis 2013 noch die Bundeswehr stationiert. Im Süden konzentrieren sich die Extremisten vor allem auf die Provinzen Helmand und Urusgan; im Westen auf die Provinzen Fariab und Farah. Im Osten und im Zentrum gelten Nangarhar, Kunar, Logar, Wardak, Ghasni und Ghor als besonders unsicher. Viele Gefechte spielen sich in ländlichen Gebieten ab. Die Taliban haben 2016 aber auch erstmals fünf urbane Zentren kurz- oder längerfristig belagert.

dpa

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