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Nachrichten Politik Wie Trump Gary Cohns Rückzug umdeutet
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22:28 07.03.2018
Gary Cohn während des Täglichen Pressebriefings im Weißen Haus. Inmitten der Debatte über US-Strafzölle auf ausländischen Stahl und Aluminium verlässt der Wirtschaftsberater von US-Präsident Trump das Weiße Haus. Quelle: Manuel Balce Ceneta
Washington

Im Weißen Haus unter der Regie von Donald Trump wird so viel Energie frei, dass es manch einem zu heiß wird. Das ist die Erklärung des US-Präsidenten für einen bisher nicht dagewesenen personellen Aderlass im Machtzentrum der US-Regierung.

Andere nennen es ein bloßes Chaos oder einen Braindrain - den puren Verlust von Kompetenz, ein geistiges Ausbluten, nach nur 13 Monaten. Im Weißen Haus rettet sich derzeit, wer kann. Auf allen Ebenen fliehen Mitarbeiter. Jüngstes und vielleicht für die Regierungszentrale schmerzhaftestes Beispiel: Gary Cohn.

Der frühere Top-Investmentbanker galt vielen in Washington nicht nur als eine der wenigen Stimmen der Vernunft im engeren Umfeld von Donald Trump. Er war auch für den Präsidenten selbst die Ikone, mit der dieser eine Einlösung eines seiner wichtigeren Wahlkampfversprechen dokumentieren konnte: Seht her, ich hole die besten Leute in meine Regierung! Cohn, ehemals Vizechef von Goldman Sachs, der größten Investmentbank der Welt, ein mit allen Wassern gewaschener Wall-Street-Insider, stand als einer der wenigen für diese Sicht.

Jetzt ist auch er weg. Nach Michael Flynn, Sean Spicer, Stephen Bannon, Dina Powell, Reince Priebus, Rob Porter und Hope Hicks, verlässt ein weiterer Top-Stratege das Weiße Haus. Während Donald Trump immer noch öffentlich behauptet, dass praktisch jeder überdurchschnittlich befähigte Mensch auf dieser Erde nichts sehnlicher anstrebe, als einen Job mit Trump als Chef, sehen das andere völlig entgegengesetzt. Chris Cillizza etwa, Chefkommentator von CNN, wundert es kaum, dass es über kurz oder lang zum Personalchaos kommen musste: „Wenn man als Donald Trump antritt, bekommt man nicht das A-Personal und auch nicht das B-Personal.“

Die Beschreibungen des totalen Chaos im West Wing des Weißen Hauses - von den Privatgemächern mit einer nach Lage der Dinge wohl mehrfach gehörnten Ehefrau und First Lady Melanie mal ganz abgesehen - mögen stimmen oder auch nicht. Tatsache ist, dass das personelle Ausbluten längst nicht zu Ende sein wird. Trump selbst kündigte an, er denke an noch weitere Mitarbeiter, die es zu ersetzen gelte - weil er stets nach Perfektion strebe. Die Anzeichen dafür, dass er dieser tatsächlich näherkommt, mehren sich jedoch keineswegs.

Stabschef John Kelly, Schwiegersohn Jared Kushner, Sicherheitsbereiter Herbert Raymond McMaster gelten als Kandidaten - und selbst die eigene Tochter Ivanka soll zur Disposition stehen. „Ich mag Konflikte“, sagt Trump. „Ich mag Leute, die unterschiedliche Meinungen austragen.“ Dies sei der beste Weg, erfolgreich zu sein. Ob er damit auch Cohns kolportierte Äußerung meinte, in der der Wirtschaftsfachmann den Präsidenten als „dumm wie ein Stück Sch...“ bezeichnete haben soll - man weiß es nicht.

Angeblich will Trump seinen Stabschef Kelly dazu benutzen, den wegen möglicher dubioser Geschäfte und angeblichen Russland-Verstrickungen angezählten Kushner nebst Ivanka aus dem Weißen Haus zu drängen. Seinen alten, nach nur zehn Tagen wieder geschassten Kommunikationschef Anthony Scaramucci soll Trump gleichzeitig dazu benutzen, öffentlich gegen Kelly zu schießen und dessen Ablösung zu fordern. „Was es mittel- und langfristig bedeutet, wenn man das Weiße Haus wie eine Reality-Show im Fernsehen managt, muss erst noch abgewartet werden“, schreibt Cillizza.

Im Falle Gary Cohn ist das Ausmaß besonders groß. Die Wirtschafts- und Handelspolitik ist eines der wenigen Themenfelder, auf denen Donald Trump über den bloßen Auftritt hinaus bisher überhaupt Akzente setzen konnte. Die von Trump gestützte Steuerreform, die vor allem seitens der Unternehmen viel Applaus einheimste, trägt auch Cohns Handschrift. Beim Thema Zölle für Stahl- und Aluminiumimporte hatte Cohn bis zuletzt versucht, eine mildere Variante durchzusetzen - offenbar erfolglos.

Die große Frage ist, wer Cohn nun ersetzen soll? Ist es Peter Navarro, der national-populistische „America-First“-Hardliner, der Deutschland einst vorwarf, den Euro zu manipulieren um den USA zu schaden? Oder eher Larry Kudlow, der zweite Favorit auf den Posten, der angeblich Cohn zum Bleiben überreden wollte. Kudlow ist stärker in der republikanischen Partei verwoben, hatte schon für Präsident Ronald Reagan gearbeitet. „Ich werde eine weise Entscheidung treffen“, sagt Trump.

Wie entscheidend diese Weisheit sein wird, mag ein Blick auf die Aktienkurse verdeutlichen: Schon als die Gerüchte um Cohn am Dienstag aufkamen, fiel der Dow-Jones-Index um mehrere Hundert Punkte. Nach der bewusst nachbörslich veröffentlichten Personalie setzten die Kurse ihre Talfahrt am Mittwoch fort: Ein Handelskrieg ist mit dem Abgang Cohns wahrscheinlicher geworden. Das Chaos im Weißen Haus jedenfalls ist noch ein bisschen größer geworden.

dpa

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