Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Politik Warum Merkel mächtigste Frau der Welt wurde
Nachrichten Politik Warum Merkel mächtigste Frau der Welt wurde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:42 20.11.2016
Nach ihrer Ernennung durch den Bundespräsidenten legt die neugewählte Bundeskanzlerin Angela Merkel 2005 im Bundestag vor Bundestagspräsident Norbert Lammert den Amtseid ab. Quelle: Peter Kneffel
Anzeige
Berlin

Das Interview ist bald 20 Jahre alt und dennoch haben es viele in Erinnerung. Denn Angela Merkel sprach damals im Gegensatz zu heute noch ganz offen über innerste Ansichten.

So sagte sie 1998 der Fotografin Herlinde Koelbl für deren Band „Spuren der Macht“: „Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. Dann will ich kein halbtotes Wrack sein.“

Kein halbtotes Wrack. Noch zeigt Merkel keine Ermüdungserscheinungen. Am Sonntag kündigte sie erst im CDU-Präsidium und dann im CDU-Vorstand ihre erneute Kandidatur für den Parteivorsitz und das Kanzleramt an. Sie habe „Stunden über Stunden darüber nachgedacht“, sagt sie vor der CDU-Spitze, wie ein Teilnehmer berichtet. Deutschland und die CDU hätten ihr viel gegeben. Das wolle sie zurückgeben - „auch in einem nicht einfachen Wahlkampf“.

Merkel ist nun mehr als 16 Jahre CDU-Vorsitzende und an diesem Dienstag genau elf Jahre Bundeskanzlerin. Sie ist länger als der CDU-Mitbegründer Konrad Adenauer Parteivorsitzende. Den Rekord hält Helmut Kohl, der die CDU 25 Jahre führte und 16 Jahre Kanzler war.

Merkel ist ein Phänomen in der Politik der Nachkriegsgeschichte. Geboren in Hamburg, Tochter eines Pfarrers, in der DDR aufgewachsen, mit der Wende als Naturwissenschaftlerin in die Politik gekommen. Erst war sie Frauen-, dann Umweltministerin unter ihrem politischen Ziehvater Helmut Kohl. 1999 distanzierte sie sich als CDU-Generalsekretärin in der Spendenaffäre von ihm und forderte die Partei auf, sich von ihrem Übervater zu emanzipieren. Es war eine ihrer mutigsten und einschneidendsten Entscheidungen.

2000 übernahm sie als erste Frau den Vorsitz der CDU. 2005 wurde sie als erste Frau Bundeskanzlerin. Und als Jüngste. Deutschland steht heute im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wirtschaftlich gut da. Merkel überstand die internationale Finanzkrise, die Euro-Krise, die Griechenland-Krise. Sie hat die CDU weit in die politische Mitte gerückt: Atomausstieg, Ende der Wehrpflicht, modernes Familienbild. Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge in Deutschland 2015.

Stärken und Schwächen der 62-Jährigen:

AUSDAUER: Merkel schreibt sich selbst „kamelartige Fähigkeiten“ zu: Reserven anlegen, dosiert einsetzen. Krank ist sie selten - wenn doch, erfährt man es in der Regel nicht. Man muss wohl Nerven aus Stahl haben, um Kanzleramt und Parteivorsitz zu meistern. US-Präsident Barack Obama sagt, Merkel sei „hart“, „tough“ und „zäh“.

GEDULD: Merkel kann zuhören - und abwarten. Selten reagiert sie im Affekt. Reißt ihr aber die Hutschnur, ist Feierabend. Wie bei der Entscheidung für Sanktionen gegen Russland wegen des Ukraine- Konflikts oder der Entlassung von Norbert Röttgen aus ihrem Kabinett.

IDEOLOGIEFREI: Merkel zeigt sich erst einmal für alles offen und denkt nicht in Grenzen - auch nicht in denen ihrer Partei. Das führt zu Konflikten mit der Schwesterpartei CSU und auch mit der CDU-Basis.

UNEITEL: Anhänger wie Gegner schätzen Merkels Bodenhaftung, ihre unaufgeregte Art. Keine Skandale, keine Eskapaden. Sie ist unprätentiös und gilt als unbestechlich. Geld interessiert sie nicht so sehr. Sie verdiene genug, hat sie einmal gesagt. Auf etwa 300 000 Euro wird das Jahresgehalt geschätzt, das die Regierungschefin für ihre Verantwortung für rund 80 Millionen Menschen bekommt. Ein Bruchteil der Summen von Firmenbossen mit einigen Tausend Beschäftigten. Ihr Lohn sei die Macht, soll Merkel einmal gesagt haben. Die Macht, dass es am Ende so gemacht wird, wie sie es will.

KEIN REDETALENT: Merkel kann ein Publikum nur selten mitreißen. Öffentlich formuliert sie oft umständlich und wenig pointiert. Im kleinen Kreis ist sie dagegen humorvoll und selbstironisch.

KEINE NACHWUCHSFÖRDERUNG: Dass die CDU in den vergangenen Jahren nie einen anderen Namen als Merkel für den Parteivorsitz und die nächste Kanzlerkandidatur genannt hat, zeigt auch, wie wenig sich Merkel um die Förderung von Talenten bemüht hat. Konkurrenten hat sie oft kalt gestellt.

KEINE VISIONEN: Kritiker beklagen, Merkel habe keine eigenen Ziele, sondern sammele Ideen anderer und suche dann die Mehrheitsmeinung. In der Flüchtlingskrise bewies sie exakt das Gegenteil.

dpa

Mehr zum Thema
Politik CDU will neue Orientierung - Bald Klarheit über Merkels Zukunft?

Vieles deutet darauf hin, dass Merkel am Sonntag ihre Kandidatur als CDU-Vorsitzende und Kanzlerin ankündigt. Der Vorstand sendet zugleich das Signal: Die Partei will enttäuschte Wähler zurückgewinnen.

19.11.2016

Wann beantwortet Angela Merkel die K-Frage? Tritt sie zum vierten Mal als Kanzlerkandidatin an? Und wenn ja - sagt sie es am Sonntagabend? Was für und was gegen ihre erneute Kandidatur spricht.

20.11.2016
Politik Vierte Amtszeit angestrebt - Merkel tritt wieder an

Jetzt ist alles klar: Die CDU-Chefin tritt beim Parteitag wieder an - auch zur Kanzlerkandidatur und noch einmal für volle vier Jahre. Die SPD hält Merkel für besiegbar, ist aber noch ohne Kandidaten.

20.11.2016

Lange hat sie sich für ihre Entscheidung Zeit gelassen, sie zum „geeigneten Zeitpunkt“ zugesagt.

20.11.2016
Politik Kommentar zu Merkels Kanzlerkandidatur - Die Unvermeidliche

Angela Merkel will am Sonntagabend ihre Kanzlerkandidatur verkünden. Die außergewöhnlich lange Amtszeit wird zur Normalität. Ein Kommentar.

20.11.2016
Politik Porträt über die Bundeskanzlerin - So wurde Merkel die mächtigste Frau der Welt

Von Kohls Mädchen zur emanzipierten Chefin: Angela Merkel hat schon jetzt deutsche Geschichte geschrieben. Die ehrgeizige Pfarrerstochter aus der Uckermark hat es zur mächtigsten Frau der Welt geschafft. Ein Porträt über ihren Aufstieg.

20.11.2016
Anzeige