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09:24 14.03.2018
Der Ueckermünder Hafen: Ein pittoreskes Örtchen, in dem das Vertrauen der Menschen zu ihrem Bürgermeister Gerd Walther derzeit auf die Probe gestellt wird. Der Linken-Politiker soll ein Drogenproblem gehabt haben. Quelle: Foto: Jens Büttner/dpa

Gerd Walther hat es sich nicht leicht gemacht. Es ist Mitte Februar, als er sich mit einem Reporter des Nordkuriers trifft, um über die Gerüchte zu sprechen, über die die Menschen in Ueckermünde ganz im Osten von Vorpommern schon lange hinter vorgehaltener Hand reden. Das Gespräch kreist darum, ob der Bürgermeister der Kleinstadt ein Drogenproblem haben könnte.

Ein schwuler Bürgermeister, der Drogen konsumiert haben soll – darf das sein in Vorpommern? Der Fall spaltet eine Kleinstadt.

Gerd Walther ist 47 Jahre alt und gefühlt schon ewig in der Politik. Ehe er 2013 Bürgermeister der pittoresken Kleinstadt am Stettiner Haff wurde, war Walther vier Jahre lang Mitglied im Landtag, seit November vergangenen Jahres führt er gemeinsam mit der Landtagsabgeordneten Jeannine Rösler erneut den Kreisverband „Peene-Uecker-Ryck“ der Partei Die Linke. Eine veritable Stasi-Vergangenheit mit Tätigkeiten als IM „Thomas Winter“ und einer Laufbahn als Unteroffizier auf Zeit beim Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ hat er auch. Soweit zu seiner offiziellen und bekannten politischen Vita, die man zum Teil im Internet nachlesen kann.

Zum Privatleben: Was er der in seiner Stadt ansässigen Lokalzeitung im Februar offenbart, gleicht einer Beichte, wobei im Dunkeln bleibt, was Walther damit bezwecken will. Nachdem der Artikel erschienen ist, hat der Bürgermeister in der öffentlichen Meinung vieler Ueckermünder ein Drogenproblem und einige Tage später Polizei und Staatsanwaltschaft vor der Tür, die sein Haus durchsuchen und mehrere „Gegenstände sicherstellen“, wie es später in einer Mitteilung der Behörden heißt. Ob diese „Gegenstände“ auf einen Drogenmissbrauch schließen lassen, bleibt offen.

Dass Ermittler anrücken, wenn ein Bürgermeister mit den Medien über Drogenprobleme spricht, davor hätte Walther jeder Wald-und-Wiesen-Anwalt angesichts der möglichen strafrechtlichen Relevanz warnen können, selbst wenn er zitierfähig nicht zugibt, dass er Drogen genommen hat, sondern lediglich sagt: „Ja, da war was.“

In der Kleinstadt wird die Geschichte dennoch rasch als Walthers „Drogenbeichte“ wahrgenommen, von der er sich offenbar mehr Mitgefühl als strafrechtliche Untersuchungen versprochen hat.

Gerüchte hat es lange gegeben. Immer wieder soll der Bürgermeister in der Vergangenheit über längere Phasen krankgeschrieben gewesen sein. Seine Stellvertreter in der Stadtverwaltung sollen intern oft über Mehrarbeit geklagt haben. Die CDU in der Stadtvertretung fordert nach der Beichte rasch den Rücktritt. „Er ist laufend krank gewesen, und andere mussten und müssen seine Arbeit machen – die haben die Schnauze voll“, eröffnet der Christdemokrat und örtliche Tankstellenbetreiber Klaus Laade in der Zeitung die flink anschwellende Debatte über die Frage, ob ein Bürgermeister ein Drogenproblem haben darf. Linke und SPD reagieren mit mehr Nachsicht. Walther beteuert in seiner Offenbarung, dass er Anfang 2017 die Substanzen auf die harte Tour von einem Tag zum anderen abgesetzt habe. Seit Februar dieses Jahres ist er wieder voll im Dienst.

Gerd Walther lebt offen homosexuell. Die Möglichkeiten, einen Partner kennenzulernen, seien in der 9000-Einwohner-Stadt begrenzt, sagt er, besonders wenn man der Bürgermeister ist und ein öffentliches Leben führe.

Als die Drogen-Debatte in den Medien nach und nach um sich greift, tritt ein Rechtsanwalt auf den Plan, der Fälle zu lieben scheint, die die Öffentlichkeit beschäftigen – Peter-Michael Diestel, der letzte DDR-Innenminister im Kabinett von Lothar de Maizière.

Diestel kann sich die Motivation Walthers, einem Reporter sein Herz auszuschütten, auch nicht restlos erklären. Ein wichtiger Punkt sei dem Politiker wohl gewesen, „auf die abschreckende Wirkung von Drogen hinzuweisen“. Der Schritt, das in dieser Form zu tun, „ist aber in der Tat nicht von extremer Klugheit gezeichnet“. Zu diesem Zeitpunkt sei der Ueckermünder Bürgermeister aber noch nicht sein Mandant gewesen. Diestel: „Ich habe ihm erst einmal erklärt, was rechtlich erlaubt ist.“ Und demnach sei die Bedingung einiger Stadtvertreter, dass Gerd Walther nur dann als Bürgermeister im Amt bleiben könne, wenn er ein amtsärztliches Attest vorlegt, aus dem hervorgeht, dass er inzwischen wirklich clean ist, völlig abwegig. „Solche Methoden haben wir zuletzt im Dritten Reich erlebt.“ Schon bei der Hausdurchsuchung seien keine Drogen gefunden worden. Die Zeit, über die Gerd Walther sein Amt noch retten kann, ist ohnehin begrenzt. 2019 stehen in Ueckermünde Bürgermeister-Wahlen an. Dann entscheiden die Menschen.

Benjamin Fischer

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