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00:05 02.12.2017
Die Angeklagten Ronny und Nicole B. im Saal des Schweriner Landgerichts, Montag könnte das Urteil fallen. Quelle: Foto: M. Prochnow
Grevesmühlen

Am kommenden Montag könnte im Verfahren um die Misshandlung eines dreijährigen Jungen in Grevesmühlen im Jahr 2016 das Urteil verkündet werden. Angeklagt sind der leibliche Vater und dessen Ehefrau, sie sollen das Kind wiederholt verprügelt, gedemütigt und vernachlässigt haben. Im Mai 2016 wurde der Junge, der innerhalb weniger Monate von fast 14

Kilogramm auf knapp zehn Kilogramm abgemagert war, in das Hanseklinikum in Wismar eingeliefert. Inzwischen lebt er bei seiner Großmutter.

In dem Verfahren vor dem Schweriner Landgericht geht es allein um die strafrechtliche Aufarbeitung des tragischen Falls. Die Angeklagten haben inzwischen die Vorwürfe weitgehend eingeräumt.

Juristisch könnte der Fall kommende Woche abgeschlossen werden. Doch beendet ist das Thema damit noch längst nicht.

Denn die Aussage eines Jugendamtsmitarbeiters, der damals für die Familie zuständig war, wirft neue Fragen auf. Als der Fall im Frühjahr 2016 publik wurde, betonten Landrätin Kerstin Weiss und ihre zweite Stellvertreterin Karla Krüger unisono, dass vonseiten der Behörde alles getan worden sei, um das Kind zu schützen. „Der Vater hat Hilfe gesucht und sie auch bekommen“, so Karla Krüger damals in einem Interview mit der OSTSEE-ZEITUNG. Doch diese Aussage hat der Sozialarbeiter, der inzwischen die Kreisverwaltung verlassen hat, widerlegt. Er schilderte im Zeugenstand vor dem Schweriner Landgericht, dass die Familie Anträge auf Unterstützung durch das Jugendamt Nordwestmecklenburg gestellt, er sie jedoch nicht bearbeitet habe. Sogar als die jetzigen Angeklagten im April 2016 beim Kinder- und Jugendnotdienst anriefen und ihre Situation schilderten, griff der Sozialarbeiter nicht ein – obwohl er über den Hilferuf informiert worden war.

Die Frage ist nun: Wie war es möglich, dass dieser Fall nicht zum Notfall erklärt worden ist? Wie konnte es sein, dass ein einzelner Sozialarbeiter über das Schicksal des Jungen allein entscheidet?

Die Behörde bleibt indes bei ihrer Aussage. Wörtlich heißt es in einer Antwort des Landkreises: „Wir haben die Abläufe in diesem Fall mit dem Jugendamt analysiert und sind zu der Auffassung gelangt, dass der zuständige Bereich in Ermangelung konkreter Anhaltspunkte zu keiner anderen Einschätzung kommen konnte.“

„Ich bin entsetzt“, kommentiert Simone Oldenburg, Kreis- und Landtagsabgeordnete aus Gägelow, die jüngsten Informationen zu diesem Fall. „Ein Evaluationsbericht, den es inzwischen gibt, reicht nicht aus, um die Pannen beim Jugendamt zu beseitigen.“ Sie kündigt an, das Thema des misshandelten Jungen beziehungsweise die Abläufe im Jugendamt erneut untersuchen zu lassen. „In der nächsten Woche ist Kreistagssitzung, das Jugendamt steht ohnehin auf der Tagesordnung. Wir sollten die Möglichkeit nutzen, um Informationen zu diesem Fall zu erhalten.“ Dass die Kreisverwaltung Presseanfragen nicht zeitnah beantwortet, ist für die Linken-Politikerin nicht nachvollziehbar. „Das kann nicht der richtige Weg sein, um Probleme zu lösen.“

Wie aus der Stellungnahme des Landkreises weiter hervorgeht, sei der Fall des Jungen zu keiner Zeit als Notfall angesehen worden. Dass der Familie die beantragte „Hilfe zur Erziehung“ nicht gewährt worden war, hing offenbar damit zusammen, dass beide Elternteile den Antrag unterschreiben müssen. „Im Fall B. hat das Familiengericht Schwerin am 11. Dezember 2015 entschieden, der Kindesmutter das alleinige Sorgerecht zu entziehen und zeitgleich beiden Elternteilen das Sorgerecht zu übertragen. Deshalb waren beide in das Verfahren einzubeziehen, und beide hatten nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich um das Kind zu kümmern“, teilt der Landkreis dazu mit. Nur: Die leibliche Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits erkrankt, selbst der Vater hatte keinen Kontakt zu ihr. Die Anrufe beim Kinder- und Jugendnotdienst hätten als Alarmsignal ebenfalls nicht ausgereicht. „Es gab zwei Anrufe beim Kinder- und Jugendnotdienst. Dieser wird im Auftrag des Landkreises durchgeführt, aber nicht von ihm selbst. Beide Male wurde von dort eingeschätzt, dass keine Kindeswohlgefährdung vorliege.“

Chronologie

1. Oktober 2015: Das Jugendamt Schwerin bittet um Amtshilfe beim Jugendamt NWM, der Vater des Jungen hat einen Antrag gestellt, dass das Kind zu ihm nach Grevesmühlen ziehen soll. Der zuständige Sozialarbeiter müsste einen Hausbesuch machen. Vor Gericht gibt er an, aufgrund von Arbeitsüberlastung habe er das nicht getan. Ein objektive Einschätzung der Wohnsituation gibt es nicht.

November 2015: Das Amtsgericht Schwerin ordnet den Umzug des damals zwei Jahre alten Jungen an, obwohl das Kind seinen Heimbetreuern deutlich signalisiert, dass es nicht zu seinem Vater will.

Januar 2016: Der Vater stellt zwei Anträge beim Landkreis: auf einen Kita-Platz für den Jungen und Hilfe zur Erziehung. Als Grund gibt er an, dass es Probleme gäbe zwischen ihm und dem Kind.

Februar 2016: Der Bereichssozialarbeiter kommt zum Hausbesuch. Vor Gericht gibt er später an, dass er eine normale Familie vorgefunden habe. Der Junge habe einen guten Eindruck gemacht. Das Kinderzimmer besichtigt er nicht, räumt er auf Nachfrage des Gerichts ein. Er habe damals lediglich beim Ausfüllen der Anträge geholfen. Die bleiben allerdings bei der Behörde liegen, da die leibliche Mutter des Jungen, die schwer krank ist, nicht unterschrieben hat. Versuche, diese Unterschrift per Gerichtsbeschluss zu ersetzen, gibt es nicht.

Februar 2016: Die Großmutter des Jungen stellt einen Antrag auf Umgangsrecht, da sie ihren Enkel in Gefahr sieht.

April 2016: Das Amtsgericht bestellt eine Rechtsanwältin als Verfahrensbeistand, sie soll die Zustände vor Ort klären. Doch der Vater sagt sämtliche Termine ab.

April 2016: Nicole B., die Ehefrau des Vaters, ruft beim Kinder- und Jugendnotdienst des Landkreises an, sie schildert, dass sie mit dem Kind überfordert seien, es massive Probleme gäbe.

13. Mai 2016: Der Vater erscheint mit dem Kind beim Jugendamt, aufgrund der vielen Verletzungen schickt eine Mitarbeiterin des Jugendamtes den Jungen sofort in die Klinik nach Wismar.

Michael Prochnow

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