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Aktuelle Beiträge Nach Attacken auf Polizisten: Beamte in Angst
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06:12 29.07.2015
„Wir sind alle bestürzt.“ Rostock Polizeichef Michael Ebert (l.) im Gespräch mit dem Beamten, der am Doberaner Platz attackiert wurde. Quelle: Ove Arscholl
Rostock

Polizisten als Freiwild? Rostocker Ordnungshüter sind in einer Sinn-Krise. Nach Attacken auf Beamte und schweren Verletzungen wird die Forderung nach mehr Schutz für die Schützenden laut. Polizeichef Michael Ebert sieht Politik und Justiz in der Pflicht, damit Angriffe auf Beamte schneller und härter geahndet werden können. Gewalt gegen Beamte gebe es täglich. „Wir werden beleidigt, bespuckt, angegriffen, bedroht“, so Ebert. In zwei Fällen wurden Beamte verletzt: In der Doberaner Straße schlugen Männer mit der Faust zu, vor der Discothek Stadtpalast fiel eine Gruppe Männer über zwei Beamte her (die OZ berichtete). Der größte Schaden sei dabei in der Psyche der Polizisten entstanden.

Ein Polizist weint. Bernd S. (Name geändert) ist harttrainierter Ausbilder und Kampfsportspezialist. Er wirkt ruhig und besonnen. Am 14. Juli wurden er mit seinen Kollegen von brutalen Schlägern angegriffen. Am Doberaner Platz wollten sie zwei Männer kontrollieren. Plötzlich flogen Fäuste und Beine. S. traf es im Gesicht. Seinen Kollegen auch; Diagnose hier: Schädelhirntrauma. Widerstand gegen Polizisten nehme zu. 71 Fälle registriete die Rostocker Polizeiinspektion im Vorjahr. 18-Mal seien Beamte verletzt worden. Ähnlich entwickele es sich in diesem Jahr.

Als S. mit seinen Kollegen die beiden Gewalttäter am Doberaner Platz festnehmen will, stehen 20, 30 Beobachter dabei. „Für die war es wie eine Show“, sagt S. Dann kam der Moment, den er nicht vergessen könne: Aus dem Pulk feuerte jemand die Gewalttäter an. „Wehr dich, es sind doch nur Bullen!“ Ein Satz wie ein Zementsack. Polizist S. senkt den Blick, als er dies erzählt. Seine Frau habe ihn gebeten, anonym zu bleiben – zum eigenen Schutz. Nur Bullen? „Wir wollen unseren Job gut machen“, sagt Bernd S. „Einer muss es tun.“ Er sei Polizist geworden, weil er an ein Ordnungssystem und friedliches Miteinander glaube. Dieser Glaube ist nun tief erschüttert – bei vielen Beamten. „Wir sind alle bestürzt über die Brutalität des Angriffs“, sagt einer.

„Viele Kollegen denken: Die Gesellschaft hasst die Polizei“, erklärt Polizeichef Michael Ebert. Dabei gehe es hier um Menschen wie andere auch: mit Familie und Privatleben. Auch der Angriff auf zwei Beamte vor dem Stadtpalast werde intensiv diskutiert. Ein Mann lag gestern noch mit Nasen- und Jochbeinbruch im Krankenhaus, seine Kollegin ist auch verletzt. Ermittelt wird gegen Sicherheitsleute, die die Disco absichern sollten. Weitere Fälle sind bekannt: Im Peter-Weiss- Haus sei eine Polizistin attackiert worden; vor dem Landgericht muss sich derzeit ein Mann verantworten, der Steine auf Beamte geworfen haben soll.

Viele Polizisten seien in psychologischer Betreuung. Sie fragten sich: „Kann ich weiterhin in dieser Stadt leben?“, so Ebert. Die Polizei werde die Angriffe auf Beamte mit größter Gründlichkeit aufarbeiten. Dann sei die Justiz am Zug.



Frank Pubantz