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Aktuelle Beiträge Tödlicher Schubser im Hausflur: 28-Jähriger steht vor Gericht
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09:54 10.05.2017

Anwohner und Nachbarn sind geschockt: Anfang Juli wird im Treppenflur in der Helsinkier Straße 50 die Leiche einer 27-Jährigen gefunden (die OZ berichtete).

Seit gestern muss sich nun wegen Totschlags der mutmaßliche Täter vor dem Rostocker Landgericht verantworten. Laut Anklage stieß Christoph U. seine angetrunkene Freundin bei einem Streit gegen die Tür der Nachbarwohnung. Die Frau schlug mit dem Hinterkopf so heftig dagegen, dass sie an den Folgen ihrer Verletzungen starb. Der Anklage zufolge habe der 28-Jährige die tödlichen Verletzungen billigend in Kauf genommen. Er sitzt seither in Untersuchungshaft. Bereits zuvor war der Mann wegen mehrerer Raub-Straftaten zeitweise inhaftiert gewesen.

Die 27-Jährige war laut Anklage am Tatabend an der Wohnungstür ihres Freundes erschienen, um diesen zu besuchen. Als der 28-Jährige sie nicht in die Wohnung lassen wollte, habe sie gegen die Tür geschlagen. Beide stritten sich laut. Der Angeklagte öffnete die Tür und stieß seine Freundin zur Seite. Dabei sei sie gegen die Wohnungstür des Nachbarn gefallen, stand jedoch nach kurzer Zeit wieder auf.

Die 27-Jährige schlug wieder gegen die Tür, wieder öffnete ihr Freund. Dieses Mal stieß er sie so stark, dass die Frau stürzte und stark blutende Verletzungen am Hinterkopf erlitt. Rund 20 Minuten später verließ der 28-Jährige die Wohnung laut Anklage. Er soll die schweren Verletzungen seiner Freundin erkannt haben, sie jedoch ohne Hilfe liegen gelassen haben. Die Frau erlitt einen Schädelbruch und starb noch am Tatort an den Folgen starker Hirnblutungen. Eine Nachbarin fand die blutüberströmte Leiche im fünften Stock.

Nach Verlesen der Anklage verweigerte der Beschuldigte gestern die Aussage. Gegenüber der Polizei hatte er sich jedoch nach seiner Festnahme geäußert. Das berichteten gestern zwei Beamte.

„Weinerlich“, „traurig“ und „aufgeregt“ war der 28-Jährige bei der Vernehmung, erinnern sich die Zeugen. Er hatte die 27-Jährige 2014 in einer Disco kennengelernt. Als sie von Bekannten bedrängt wurde, stellte er sich schützend vor sie, erzählte er den Beamten. Daraus habe sich seine erste Beziehung seit Jahren entwickelt. Es lief gut, sagte der 28-Jährige — solange seine Freundin keinen Schnaps trank. Das jedoch habe sie oft getan — und sei aggressiv geworden. Mitunter soll sie den Angeklagten mit Fäusten ins Gesicht geschlagen haben.

Auch am Tatabend war seine Freundin stark angetrunken. Sie lag schlafend vor seiner Wohnungstür, als der 28-Jährige eintraf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er ebenfalls Alkohol im Blut. Drei halbe Liter Bier habe er getrunken. Zu den Beamten sagte der Angeklagte, er sei „Pegeltrinker“. Sechs bis sieben halbe Liter Bier brauche er täglich. An dem Abend habe er zudem 1,3 Gramm Haschisch mit einem Bekannten geraucht. Beide waren in der Wohnung, als die 27-Jährige auf dem Flur erwachte und gegen die Tür schlug. Sie ließen sich eine Pizza kommen.

Bei der Polizei gab der Angeklagte zunächst an, die Frau nur so geschubst zu haben, dass sie mit dem Körper gegen die Nachbartür knallte und auf dem Hintern landete. Sie sei ansprechbar gewesen. Als er und sein Bekannter später die Wohnung verließen, sei sie ihnen gefolgt, draußen aber in eine andere Richtung gegangen. Ein Zeuge schilderte das anders. Mit dieser Aussage konfrontiert, korrigierte der 28-Jährige seine Angaben.

Die Verteidigung legte gestern Widerspruch gegen die Aussagen der Polizisten ein. Begründung: Die Verteidigungsrechte des Angeklagten seien eingeschränkt worden. Ein Anwalt habe im Sommer mehrfach versucht, den Angeklagten während der Vernehmung anzurufen. Er sei jedoch „weggedrückt“ worden. Dann wurde das Handy abgeschaltet. Eine Beamtin wies die Vorwürfe zurück. Der Angeklagte sei über seine Rechte belehrt worden. Es habe keinen Versuch gegeben, ein Gespräch mit dem Anwalt zu verhindern.

Polizisten lockten Angeklagten mit Trick in die Falle
Der Angeklagte war nach der Tat zunächst auf der Flucht. Mit einer vorgespielten Geschichte versuchte die Polizei, den 28-Jährigen über ein Telefonat mit einer Bekannten zurück in die Helsinkier Straße zu locken. Das Vorhaben klappte. Bei der Festnahme leistete der Mann keinen Widerstand. Bei der Vernehmung äußerte er sich umfassend, teilweise aber widersprüchlich.

 



André Wornowski

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