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Nachrichten Report: Die Ostukraine misstraut der neuen Führung in Kiew zutiefst
Nachrichten Report: Die Ostukraine misstraut der neuen Führung in Kiew zutiefst
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21:24 31.03.2014
Flaggen des Donezker Kohlereviers (Donbass) und Russlands sind während einer Demonstration in Donezk zu sehen. Foto: Friedemann Kohler
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Donezk

Viele Menschen im Osten der Ukraine fühlen sich durch den Umbruch in Kiew verunsichert und bedroht. Ihre Führungsfigur Viktor Janukowitsch haben sie verloren.

Der autoritäre Präsident wurde von der Protestbewegung in Kiew gestürzt, ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Eine Minderheit in Donezk und anderen Städten der Region will deshalb den Anschluss an Russland und fordert ein Referendum wie auf der Krim. Die Mehrheit will Umfragen zufolge bei der Ukraine bleiben - doch sie misstraut der neuen Führung in Kiew, an der Rechtsextremisten beteiligt sind, aber niemand aus dem Osten.

„Mit dieser Regierung können wir nicht leben“, sagt der Reklamefachmann Igor. „Die hat nationalistische Schieflage.“ Mit Frau Ljudmila sitzt er im „Park der schmiedeeisernen Figuren“ im Zentrum von Donezk, angelegt zur Fußball-Europameisterschaft 2012. In der rauen Bergbaustadt mit 1,1 Millionen Einwohnern, Zentrum des Kohle- und Stahlreviers Donbass, ist das einer der netten Orte. Doch das Paar hat Sorgen: Ljudmila hat ihre Arbeit in einer Computerfirma verloren. Daran sei die monatelange politische Krise schuld, sagt Igor.

Die Sichtweisen in der Ost- und der Westukraine auf die Ereignisse sind schwer vereinbar. Für den Westen ging es in Kiew um Bürgerrechte, die Annäherung an Europa, und zum Sturz eines diktatorischen Präsidenten nahm man die Hilfe gewaltbereiter Rechter in Kauf.

Aus Sicht des Ostens standen auf dem Unabhängigkeitsplatz (Maidan) in Kiew bezahlte Demonstranten, die Polizeitruppe „Berkut“ war nach Überzeugung vieler unschuldig am Blutvergießen, und Kiew wird nun von Bewaffneten des Rechten Sektors kontrolliert. „Bei uns in der Region läuft niemand mit Waffen herum“, sagt der Werkstattinhaber Waleri. Und wenn es im Osten Protest gebe, „dann gilt das gleich als Separatismus“.

Am schrillsten sind die Töne auf den prorussischen Kundgebungen jedes Wochenende am Fuße des Lenin-Denkmals von Donezk. „In Kiew regiert eine Junta!“, schreit die Immobilienmaklerin Natalja. „Eure Angela Merkel unterstützt Faschisten“, wirft sie dem deutschen Journalisten vor. „Die Ukraine ist für uns zur Stiefmutter geworden.“ Deshalb füllen die Demonstranten eifrig Probestimmzettel für einen Anschluss an Russland aus.

Im Vergleich zu den gewaltsamen Zusammenstößen in Donezk und Charkow mit mehreren Toten Anfang Anfang März hat sich die Lage aber beruhigt. Die damals untätige Polizei greift nun wieder durch, auch wenn sich die aus Kiew eingesetzten Gebietsführungen der Loyalität der Sicherheitskräfte nicht ganz sicher sein können. Der befürchtete Zustrom russischer Agitatoren blieb zunächst aus.

In Donezk lavieren der neue Gouverneur Sergej Taruta und Parlamentschef Andrej Schischazki zwischen Vorgaben aus Kiew und dem Unmut der Bevölkerung. Eine Volksabstimmung über eine Abspaltung ist verboten. Das Gebietsparlament bittet aber die Oberste Rada in Kiew, Referenden zu lokalen Fragen zu erlauben.

Schischazki hat eine Liste von Forderungen an das Zentrum: Dezentralisierung steht darauf, die Gebiete wollen selbst über die Verwendung ihrer Steuereinnahmen entscheiden, die Erträge aus der Benzinsteuer will man behalten. Kiew könne außerdem Vertrauen schaffen und Russisch zur zweiten Staatssprache machen, sagt Schischazki. In solchen Fragen wird Kiew den Regionen entgegenkommen müssen - gerade dem wirtschaftlich unersetzbaren Donbass.

Nach dem Sturz von Janukowitsch und seiner Partei der Regionen steuern die Ostukrainer führungslos auf die Präsidentenwahl am 25. Mai zu. Der frühere Vizeministerpräsident Sergej Tigipko wäre ein möglicher Kandidat. Dagegen will der reichste Mann der Ukraine, Rinat Achmetow aus Donezk, nicht in die Politik. Wer nach Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko oder Boxweltmeister Vitali Klitschko fragt, erntet in Donezk nur Abwinken. „Mike Tyson ist auch nicht die Politik gegangen“, sagt Werkstattbesitzer Waleri.

Dass ihre Region bald freiwillig oder zwangsweise russisch werden könnte, glauben die Besucher im Skulpturenpark von Donezk nicht. „In Russland gibt es nichts Gutes“, sagt Waleri. Und auch Reklamefachmann Igor mit seiner arbeitslosen Frau meint: „Die Russen brauchen die Krim, die Ostukraine brauchen sie nicht.“



dpa

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