Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° wolkig

Navigation:
Geschwächter Bundestrainer Löw erwartet wahre EM-Stärke

Paris Geschwächter Bundestrainer Löw erwartet wahre EM-Stärke

Die Weltmeister fühlen sich bereit für das Gruppenfinale gegen Nordirland. Bedenken werden strikt zur Seite geschoben. Mit einem Sieg soll auch die EM-Stimmung in der Heimat angeheizt werden. Doch einen Automatismus für Erfolge gibt es nicht, warnt Stürmer Müller.

Paris. Der Bundestrainer ist leicht geschwächt, die deutschen Fußball-Weltmeister wollen gegen Nordirland aber endlich ihre wahre EM-Stärke beweisen.

„Die Konzentration ist absolut vorhanden, die Stimmung ist gut“, übermittelte Joachim Löw, der wegen einer Erkältung bei der offiziellen UEFA-Pressekonferenz fehlte. So musste Assistenztrainer Thomas Schneider die letzten Informationen vor dem Gruppenfinale geben. Die klare Botschaft hatte Bundestrainer Löw bereits zuvor verbreitet: Für Zweifel ist kein Platz, wenn der Bus des deutschen Nationalmannschaft mit der Aufschrift „Wir meistern das“ in den Pariser Prinzenpark einfährt.

Wie immer in dritten Vorrundenspielen unter Turniertrainer Löw soll auch am Dienstag (18.00 Uhr) gegen hartnäckig verteidigende und mit viel Euphorie konternde Nordiren nicht allein als Vorrundenerster der Sprung in die K.o.-Runde gelingen. Abwehrboss Jérôme Boateng und seine Kollegen möchten auch dafür sorgen, dass sich bei den Fußballfans in der Heimat die Skepsis in Zuversicht verwandelt. Denn noch hat der Weltchampion bei der Europameisterschaft in Frankreich das Feuer nicht entzündet.

Selbstzweifel sind im DFB-Tross fremd. „Wir haben viele Spieler, die ständig solche Spiele haben, die sehen es ganz nüchtern. Sie wissen um ihre Stärke. Das werden wir entsprechend umsetzen“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff. Ob jedoch nach einer eher quälenden Qualifikation, nach Defensivlücken zum Endrundenauftakt gegen die Ukraine (2:0) und Offensivschwächen gegen Polen (0:0) sozusagen auf Knopfdruck der Schalter umgelegt werden kann, bleibt abzuwarten.

Weder an der Art des Widerstandes beim Gegner noch an der personellen und taktischen Ausrichtung von Löws Team wird sich im dritten Gruppenspiel Entscheidendes ändern. „Sie werden auf jeden Fall mit sehr vielen Spielern rund um den eigenen Strafraum agieren. Es ist dann egal, wie hoch die fußballerische Qualität mit dem Ball ist. Es wird auf keinen Fall ein Spaziergang“, sagte Thomas Müller.

Der Torjäger, der noch ohne EM-Treffer ist, lief wie seine Offensivkollegen zuletzt den eigenen Stärken hinterher und stellte schon einmal das Wesentliche in den Vordergrund: „Keine Frage, dass wir der Favorit sind. Aber ich würde auch einen zähen Sieg mitnehmen.“ Wie das deutsche Team im Gegensatz zur Nullnummer gegen Polen zu mehr Torabschlüssen kommen kann, ist den Protagonisten zumindest in der Theorie klar. „Möglichst viel Tiefe schaffen, schnelle Spielverlagerungen“, sagte Mario Götze: „Es gibt grundsätzlich viele Möglichkeiten, da haben wir die nötige Qualität.“

Für größere Korrekturen seiner Turnierstrategie sieht der Bundestrainer keinen Grund. Ihm fehlen offenbar dafür auch stärkere Alternativen im 23-Mann-Kader. Nicht zufällig standen in den ersten beiden Turnierspielen jeweils zehn Weltmeister in der Startelf. Hoffnungsträger wie Marco Reus, Ilkay Gündogan und Antonio Rüdiger fehlen verletzt, andere Akteure wie Sebastian Rudy oder Karim Bellarabi sortierte Löw kurz vor EM-Start aus. Für die Jungprofis Joshua Kimmich oder Leroy Sané kommt ein Alles-oder-nichts-Match bei der EM aus Sicht von Löw noch zu früh.

Da sich Kapitän Bastian Schweinsteiger nach zwei Knieverletzungen erst mühevoll an Wettkampfniveau heranarbeiten musste, dazu Mario Gomez als klassischer Mittelstürmer gegen Nordirland wohl wieder nur als Joker in Frage kommt, dürften die bisherigen Stammkräfte einschließlich des bisher wenig überzeugenden Götze wieder von Beginn an auflaufen. Möglicherweise rückt nur der Wolfsburger André Schürrle für Julian Draxler in die Startformation.

Manager Bierhoff hält die Kritik an Götze für nicht differenziert genug: „Wenn wir mehr Chancen herausspielen, wird auch er mehr glänzen können beim Abschluss.“ Löw sieht in Mesut Özil und Götze „hervorragende Passspieler, Toni Kroos auch, Götze kann Tore vorbereiten“. Und der Bundestrainer schloss zuversichtlich an: „Ich war nicht zufrieden mit der Offensive, aber ich weiß, was sie können und glaube an ihre Fähigkeiten.“

Für Löw sind die als 25. der FIFA-Weltrangliste in die EM gegangenen Nordiren „eine positive Überraschung“ des bisherigen Turnierverlaufs: „Sie haben eine unglaubliche Kampfkraft und Power in das Spiel gelegt, wahnsinnig viel Energie ausgestrahlt. Und sie können genauso gut verteidigen wie die richtig guten Mannschaften“, bemerkte Löw.

Mit hohen Bällen würde man diesem Gegner „genau in die Karten spielen“, ergänzte der Bundestrainer: „Das Entscheidende ist, dass wir mit Tempo in die Spitze reingehen und dort mit vielen Leuten präsent sind. Nur dann kann man Tore erzielen.“

Ein Stück Ungewissheit bleibt trotz Gegneranalyse, eigenem Matchplan und dem Wissen, dass man namentlich die bessere Mannschaft ist. „Der Gegner macht auch mit“, warnte Müller, in Turnieren eigentlich ein Torgarant. Und es sei kein Automatismus, dass es auf dem Platz funktioniert, was man sich auf dem Reißbrett aufmalen würde.

Ein Sieg gegen Nordirland wäre der 25. Erfolg der DFB-Elf bei einer EM-Endrunde. Der Gruppensieg wäre dennoch nicht garantiert, da ein hoher Erfolg der Polen im Parallelmatch gegen die schon ausgeschiedene Ukraine das deutsche Team auch noch auf Rang zwei befördern könnte. Dann würde Deutschland im Achtelfinale schon am kommenden Samstag in St. Etienne auf die Schweiz treffen.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Deutschland: 1 Neuer (Bayern München/30/67) - 4 Höwedes (FC Schalke 04/28/36), 17 Boateng (Bayern München/27/61), 5 Hummels (Borussia Dortmund/27/47), 3 Hector (1. FC Köln/26/16) - 6 Khedira (Juventus Turin/29/62), 18 Kroos (Real Madrid/26/67) - 19 Götze (Bayern München/24/54), 8 Özil (FC Arsenal/27/75), 9 Schürrle (VfL Wolfsburg/25/54) - 13 Müller (Bayern München/26/73)

Nordirland: 1 McGovern (Hamilton Academical FC/31 Jahre/13 Länderspiele) - 18 Hughes (Melbourne City FC/36/101), 4 McAuley (West Bromwich Albion/36/63), 20 Cathcart (FC Watford/27/30), 5 J. Evans (West Bromwich Albion/28/51) - 13 C. Evans (Blackburn Rovers/25/35), 8 Davis (FC Southampton/31/85), 16 Norwood (FC Reading/25/36) - 19 J. Ward (Nottingham Forest/30/24), 11 Washington (Queens Park Rangers/24/6), 14 Dallas (Leeds United/25/15)

Schiedsrichter: Turpin (Frankreich)

dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
vian-les Bains

Mit weltmeisterlicher Souveränität begegnet Bundestrainer Löw in einer 45-Minuten-Fragerunde der Aufregung rund ums deutsche Team. Kurs halten lautet die zentrale Chef-Botschaft. Gegen Nordirland ist kein Radikalumbau geplant. Boatengs Kritik wird gut geheißen.

mehr
Mehr aus Fußball