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Wer langsamer läuft, kann mehr erleben

Rostock Wer langsamer läuft, kann mehr erleben

Laufzeit ist Lebenszeit — also bitte nicht so hasten, sondern genießen / Ultramarathons bieten sich dafür an, auch ein ruhigeres Tempo beim Marathon / Jeder kann das

Rostock. Der Aufschlag fühlte sich dumpf an. Keine Ahnung, wie ich in die Horizontale gekommen war, wahrscheinlich zu schnell bergab gelaufen, erinnern konnte ich mich nur an den Aufprall der Stirn auf Asphalt. Dann merkte ich, wie mir ein Läufer auf die Beine half, ein anderer reichte mir die Sonnenbrille. Vorsichtig, noch taumelnd, trabte ich wieder los, mal sehen, was noch ging . . .

Der Schaden war zum Glück nur optisch, zerschrammtes Gesicht, die letzten 20 Kilometer gingen dann erstaunlich gut. Aber der Sturz hätte eine prima-Ausrede für einen Ausstieg sein können. Nach 36 Kilometern — der Two Oceans Marathon im südafrikanischen Kapstadt geht über 56 Kilometer mit teils langen Anstiegen — mag durchaus das Gefühl aufkommen, die ganze Mühe lohne eigentlich gar nicht.

Dass sie sich doch lohnt, weiß jeder, der schon solche toten Punkte überwunden hat. Im Marathon übt man genau das: Neben dem reinen Lauftraining, in dem es um Ausdauer, Kraft und Koordination geht, befördert er eine mentale Stärkung, die weniger im „eisernen Willen“ besteht, sondern in Gelassenheit gegenüber Tiefpunkten. Aufzugeben hätte bedeutet, die schon gelaufenen Kilometer wären (fast) umsonst. Oder die Monate der Trainingsvorbereitung. Außerdem hatte ich die 56 Kilometer Kapstadt als Training für die 100 Kilometer von Biel zwei Monate später geplant.

Tote Punkte also. Bei meinem ersten Marathon, August 2004 in Rostock, gab es davon viele. Der schlimmste gleich hinterm Ziel: „Nie wieder!“ — nahm ich mir da vor. Aber zwei Tage später sah die Welt schon anders aus, fünf Wochen später lief ich beim Usedom-Marathon, nach weiteren sechs Wochen in Dresden. Bald begann ich, Urlaub als Marathon-Reise zu planen, London, Washington, Athen, Boston, irgendwann kam der erste Ultramarathon in Schwäbisch Gmünd dazu. Was Detlef Ackermann über die ultralangen Läufe sagte, wird jeder Mitläufer sofort bestätigen: „Es ist ein Abenteuer — außerhalb der eingefahrenen Routine des Alltags. Es ist aber auch ein besonderes Gefühl der Freiheit, sich fast grenzenlos im Raum bewegen zu können.“

Nach nun 38 Marathons sind mir diese langen Strecken fest ins Motivationsgefüge eingewachsen — und wirken auf den Laufalltag zurück. Wenn sich mal der „innere Schweinehund“ meldet, geht man trotzdem laufen. Andererseits lehrt Lauferfahrung, die Körpersignale genauer zu unterscheiden: Nicht immer ist es der innere Schweinehund, der eine Sportpause fordert — manchmal ist es ein erhöhtes Regenerationsbedürfnis. Und dem sollte man unbedingt folgen!

Dass Regeneration die wichtigste Phase des Trainings ist, spüren Läufer mit zunehmendem Alter immer deutlicher. Auf der Suche nach veränderten Marathon-Trainingsmethoden für über 60-Jährige, die dies berücksichtigen, empfahl beispielsweise der Amerikaner Jeff Gallowey (Erfinder der Run-Walk-Run-Methode) den Umstieg auf drei 16-Kilometer-Einheiten pro Woche. Es funktioniert. Anwender berichten, dass sich ihre Zeiten sogar verbessert hätten.

Aber um Spitzenzeiten geht es wohl den wenigsten Läufern. Wahrscheinlich ist im mittleren und hinteren Feld der großen Marathons mehr Spaß im Spiel. Dort findet man Läufer in sonderbarsten Kostümen.

Oder jonglierende Marathonis, was in New York letztes Jahr verboten sein sollte, aber trotzdem zu erleben war. Oder einen Mann, der den ganzen Mallorca-Marathon mit Fußball durchdribbelte. Oder die vielen stolz verkleideten Griechenkrieger in Sandalen, Helmen und Gewändern beim Athen-Marathon, der wegen einer historisch nicht belegten Läuferlegende über die Abwehrschlacht der Griechen gegen die Perser bei Marathon 590 vor Christus als Vorbildstrecke heutiger Marathonläufe gilt. Natürlich jagen die Spaßläufer nicht nach der Spitzenzeit, sondern folgen mit viel Energie ganz speziellen Spuren. Dort, weit hinter den Bestzeit-Jägern, wird Marathon zum Kulturereignis und Volksfest. Wer langsamer läuft, erlebt mehr, kann beim französischen Médoc-Marathon Weine kosten oder beim Boston-Marathon dem sirenenhaften Kreischen von 500 College-Schülerinnen nachgeben, die auf halber Strecke an der Straße variantenreich locken: „Küss mich . . .“ Na, warum denn nicht!

Von Dietrich Pätzold

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