Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Buggenhagen: Der Sport hat mir das Leben zurückgegeben

Rostock Buggenhagen: Der Sport hat mir das Leben zurückgegeben

Nach 26 Jahren hat die Rollstuhl- Leichtathletin aus Ueckermünde ihre Karriere beendet. Das bedeutet nicht Ruhestand.

Rostock. Mit einer Silbermedaille bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro beendete Marianne Buggenhagen (63) aus Ueckermünde, Deutschlands Vorzeige-Behindertensportlerin, ihre außergewöhnliche aktive Karriere. Am Rande einer Ausstellungs-Eröffnung in Rostock sprach die OSTSEE-ZEITUNG mit der Rollstuhl-Leichtathletin aus Berlin.

OZ-Bild

Nach 26 Jahren hat die Rollstuhl- Leichtathletin aus Ueckermünde ihre Karriere beendet. Das bedeutet nicht Ruhestand.

Zur Bildergalerie

Wie schwer ist Ihnen der Abschied aus den Sportarenen gefallen?

Marianne Buggenhagen: Eigentlich wollte ich ja noch bis zur EM 2018 in Berlin weitermachen. Aber zum einen hat mein Trainer nach Rio aufgehört. Auf der anderen Seite haben mir die Medien mein Alter schon etwas vorgehalten. Schließlich war ich in Rio die älteste Leichtathletin. Hinter vorgehaltener Hand war zu hören, das würde dem Behindertensport nicht gut tun. Solche Reaktionen brauche ich nicht. Vielleicht mache ich national noch den einen oder anderen Wettkampf.

Wurden sie denn angemessen verabschiedet?

Jein. Ich bin 26 Jahre im Behindertensport gewesen. Eine Verabschiedung vom Deutschen Behindertensportverband gab es noch nicht. Irgendwie hatte ich das erwartet. Ich habe ein Bild bekommen, aber ohne Kommentar. Das Silberne Lorbeerblatt vom Bundespräsidenten konnte ich nicht selbst in Empfang nehmen, weil das in meiner Arbeitszeit lag. Ich wollte nicht schon wieder einen Tag fehlen. Später habe ich es dann zugeschickt bekommen. Schön waren der Abschied von der Sporthilfe und die letzten Tage in Rio, wo meine Sportkameraden für mich eine Fahne bemalt haben.

Wie ergeht es Ihnen im sportlichen Ruhestand?

Der vergangene Winter war für mich ein Horror. Mein Mann hat zu mir gesagt: Du bis ein Porsche in der Garage. Zum einen wollte ich auf Arbeit (im Helius-Klinikum Berlin-Buch/d. Red.) noch etwas in der Stammzellenforschung tätig sein. Doch das verlief sich. Also bin ich zum 1. Januar Altersrentnerin geworden. Dazu das Ende im Leistungssport. Im Winter waren wir im Winter immer in Trainingslagern in der Wärme: Südafrika, Dubai, Lanzarote... Diesmal war ich hier und es lag richtig Schnee. Ich konnte nichts unternehmen. Dafür habe ich dreimal Frühjahrsputz im Haus gemacht.

Und trainieren Sie noch?

Nur noch zehn Stunden pro Woche. Muskelaufbau mache ich natürlich nicht mehr, nur noch Konditionelles, also eine Stunde Rad fahren oder Schwimmen. Aber wenn Sie mir einen Diskus in die Hand geben würden, bin ich mir hundertprozentig sicher: Ich würde die Norm bringen.

Wie sieht Ihr Alltag jetzt aus, welche Wünsche wollen Sie sich noch erfüllen?

Ich mache viele Sachen, die ich immer vor mir hergeschoben habe. Mein Mann und ich besuchen Freunde und machen gemeinsam Dinge, zu denen wir durch meine vielen Sportreisen nicht gekommen sind. Ich arbeite volles Programm im Garten, wo ich früher gedacht habe: Hoffentlich verletzt du dich nicht. Und ich möchte gern eine eigene Sportgruppe aufbauen. Das können auch geistig Geschädigte sein. Ein Angebot dafür habe ich schon. Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben. Weil ich weiß, wie wichtig der Sport nicht nur für die Kräftigung des Körpers, sondern für das eigene Ego ist. Mir hat der Sport das Leben zurückgegeben.

Was wünschen Sie sich für den Behindertensport?

Dass er mehr anerkannt wird. Dass die Wirtschaft erkennt, dass wir Leistungssportler sind und auch was rüberbringen können. Ich habe leider das Gefühl, Behinderung wird als ein Makel angesehen.

Damit macht man keine Auflage. Und wir haben leider das Problem mit den drei „Dopings“. Da ist das normale Doping durch Mittel. Dann das Klassifizierungs-Doping. In meiner Schadensklasse ist zum Beispiel eine, die kann laufen – aber wenn es nach der Klassifizierung geht, ist sie schwer behindert. Und dann das Materialdoping, da müsste mehr vereinheitlicht werden. Unterm Strich: Das Ziel ist wie ein Marathon, und wir haben erst die halbe Strecke geschafft.

Sie leben am Rande von Berlin. Welchen Bezug haben Sie noch zu Ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern?

Einen riesigen. Ueckermünde ist und bleibt meine Heimat. Wann immer ich im Sport mal ein Wochenende frei hatte, sind wir hochgefahren. Meine Lieblingsinsel ist Usedom. Dort werde ich in Trassenheide in diesem Jahr auch meinen Geburtstag verleben. Und ich hole mir auch immer einen Angelschein.

Interview: Kai Rehberg

14 Medaillen bei Paralympics

Marianne Buggenhagen (63) startete seit Barcelona 1992 bei sieben Paralympischen Spielen. Die Rollstuhl- Leichtathletin holte dabei 14 Medaillen, davon neun Mal Gold. Unter ihren 32 internationalen Medaillen sind 13 WM-Titel.

Sie erhielt zahlreiche Ehrungen, u.a. 1994 als Frau des Jahres in Deutschland. 1999 wurde sie Ehrenbürgerin ihrer Geburtsstadt Ueckermünde. Nach ihr wurden zwei Körperbehindertenschulen benannt. Die gelernte Krankenschwester hat jahrelang in der Früh-Reha gearbeitet und ist nun Rentnerin. Seit 39 Jahren ist sie mit ihrem Mann Jörg (61) verheiratet.

OZ

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Kreuztragungs-Szene im Doberaner Münster. Diese Figurengruppe entstand wahrscheinlich um 1360.

Osterbetrachtung von Bischof Dr. Andreas v. Maltzahn

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Mehr Sport
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Physik,Kernphysik,Wendelstein,Plasmaphysik,Atome Teaser der den User auf die Themenseite führen soll image/svg+xml Image Teaser Wendelstein 7-X 2015-09-23 de Sonderseite Golfen in MV Immer mehr Menschen schwingen im Nordosten den Golfschläger. 16 000 Mitglieder hat der Landesverband inzwischen – zehn Mal mehr als Anfang des Jahrtausends. Lesen Sie auf unserer Sonderseite Geschichten über die Golfszene, Spieler aus dem Land und Prominente, die gern in MV golfen.
Die besten Wettquoten der Ostsee gibt es im Bundesliga-Quotenvergleich von SmartBets.