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Der Niedergang einer Sportart

Eiskunstlauf-WM in Helsinki Der Niedergang einer Sportart

Dem deutschen Eiskunstlauf fehlt es an Gesichtern und Perspektive – eine Analyse zum Start der Weltmeisterschaft in Helsinki.

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Das derzeit beste deutsche Paar: Aljona Savchenko und Bruno Massot.

Quelle: dpa

Helsinki. Sie hatte etwas, das ihr nicht antrainiert werden musste: den unbedingten Siegeswillen und die Fähigkeit, unter dem größten Druck aufzublühen. Mit ihrem Charme, ihrem eisernen Ehrgeiz und ihrer Wettkampfmentalität prägte die Chemnitzerin Katarina Witt den internationalen Eiskunstlauf in ihrer Glanzzeit in den Achtziger-Jahren. Als Vorzeigeathletin der DDR, als „das schönste Gesicht des Sozialismus“, wie es in der Kapitalismushochburg Amerika hieß. Sie war zweimal Olympiasiegerin (1984, 1988), viermal Weltmeisterin und sechsmal Europameisterin. Es war die Zeit, in der Deutschland im Eiskunstlauf, geprägt von den Erfolgen der DDR-Spitzenathleten, wie eine Weltmacht anmutete. Es war eine Zeit, die längst vergessen scheint.

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Katarina Witt in den 1980ern, das Traumpaar Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler in den 1960ern: Sie waren die bekanntesten Gesichter des deutschen Eiskunstlaufs – aber nicht die einzigen.

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Am Mittwoch beginnt in Helsinki die Eiskunstlauf-WM. Das deutsche Hoffnungspaar: die gebürtige Ukrainerin Aljona Savchenko und der gebürtige Franzose Bruno Massot. Zwischen 2006 und 2014 prägte Savchenko mit dem Greifswalder Robin Szolkowy den deutschen Eiskunstlauf mit fünf WM-Titeln, Olympiabronze und zahlreichen EM-Medaillen. Doch die zwei waren kein Paar für die Massen, keines wie einst das glamouröse deutsche Traumpaar Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler.

Die Frankfurterin und der Garmischer gehörten in den frühen Sechziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts zu den ersten Sportstars der Bundesrepublik Deutschland. Sie wurden nicht allein wegen ihrer zwei WM-Titel und fünf Europameisterschaftstriumphe ähnlich angehimmelt wie die zweimalige Olympiasiegerin Katarina Witt in der DDR in den Achtziger-Jahren. Es war damals noch eine Selbstverständlichkeit, dass die Großereignisse des Eiskunstlaufs von ARD und ZDF oder vom Deutschen Fernsehfunk in der DDR live und stundenlang zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurden – es war eine TV-Sportart, die ihre Stars hatte.

„Wenn wir nicht im Fernsehen gezeigt werden, sind wir aus einer breiteren Öffentlichkeit raus“

Heute berichtet nur noch der Spartensender Eurosport einigermaßen ausdauernd, aber ohne überragende Einschaltquoten. Während andere Wintersportarten sich an den Wochenenden vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag die besten Sendezeiten für die langen Übertragungsstrecken zwischen Ende November und Mitte März seit Jahren teilen, hält die Internationale Eislauf-Union (ISU) bis heute in elitärem Dünkel an ihren Abendveranstaltungen bei der Kür ihrer Welt- und Europameister fest. Mit der Folge, dass immer mehr europäische Fernsehsender ausstiegen. „Wenn wir nicht im Fernsehen gezeigt werden, sind wir aus einer breiteren Öffentlichkeit raus“, sagt Elke Treitz, die Vizepräsidentin der Deutschen Eislauf-Union (DEU).

Ein weiterer Grund für die Krise des deutschen Eiskunstlaufs: Die DEU schöpft schon lange nicht mehr aus reichen Ressourcen. Einerseits fehlt es in dem zu einer deutschen Randsportart geschrumpften Eiskunstlaufen seit Jahren an stimmigen Ideen, griffigen Konzepten, verheißungsvollen Talenten, Persönlichkeiten in der Verbandsführung und an charismatischen Trainern, um mit den führenden Wintersportarten Biathlon, Skispringen und Ski alpin in puncto Publikumserfolg mithalten zu können.

Mit der Aussicht auf Fördergelder können nur die begabtesten Läuferinnen und Läufer rechnen

Andererseits haben sich die Zeiten geändert – zum Nachteil der aufwendigen, trainings- und zeitintensiven Sportart. „In unseren Hallen“, sagt Elke Treitz, „kämpfen oft fünf Eissportarten um die Zeit zwischen 16 und 20 Uhr, in der Kinder und Jugendliche nach der Schule Zeit zum Training haben. Es ist der Kampf um Ressourcen zwischen Eisschnelllauf, Eishockey, Eiskunstlauf, Curling und Eisstockschießen.“ Kinder, die sich für das Eiskunstlaufen begeistern, gibt es zwar genügend, „sie gehen uns aber verloren“, sagt die Mannheimerin Treitz, „wenn der Schulwechsel ansteht und die Anforderungen von G8 und Ganztagsschulen spürbar werden“. Zudem ist die Sportart vergleichsweise teuer angesichts von Trainings-, Athletik- und Ballettstunden, die bezahlt werden müssen. Mit der Aussicht auf Fördergelder können nur die begabtesten Läuferinnen und Läufer rechnen.

Wenn die WM am Mittwoch (17.10 Uhr, Eurosport) mit dem Kurzprogramm der Paare beginnt, wird es auf Savchenko/Massot ankommen. Nicole Schott aus Essen und der Berliner Paul Fentz hoffen auf eine Top-20-Platzierung. Vielleicht ist das der Punkt: Es fehlt ein Gesicht, das den Eiskunstlauf und Talente beflügeln könnte, eine Läuferin mit dem Potenzial einer Katarina Witt oder ein Paar mit dem Glamourfaktor wie seinerzeit Kilius/Bäumler.

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Von Roland Zorn

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