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Eine schwierige Geburt

Eine schwierige Geburt

Wie aus einer anfangs verspotteten Idee eine schillernde Fußball-Europameisterschaft wurde

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Der erste Europameister: Die siegreiche Mannschaft der Sowjetunion 1960 mit Pokal.

Frankreich ruft – und fast alle kommen. Bei der größten EM aller Zeiten firmiert die Grande Nation zum dritten Mal als Ausrichter. Die Franzosen dürfen für sich reklamieren, dass die EM zu ihren Wurzeln zurückkehrt.

Einer der Initiatoren des Europapokals, Monsieur Pierre Delaunay, Generalsekretär der Uefa, setzte 1957 die Einführung eines „Europapokals der Nationen“ durch. Es war eine Frage der Familienehre, er kämpfte um das Vermächtnis seines kurz zuvor verstorbenen Vaters Henri, der schon 1927 für die EM-Idee eingetreten war.

17 Nationen nur meldeten 1958 ihre Mannschaften zur Qualifikation, der Ostblock trat geschlossen an. Aber halb Europa sah zu – darunter Deutschland, England und Italien. Sepp Herberger wurde so zitiert: „Zwischen den Weltmeisterschaften ist der Neuaufbau einer starken Nationalelf die erste Aufgabe. Da stört ein Europaturnier nur.“

In Deutschland blieb der Bildschirm dunkel, mal abgesehen von der zweiten Halbzeit des Finales zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien (2:1 n. V.), die das Deutsche Fernsehen übertrug. „Es war eine traurige Propaganda für den Fußball“, sagte ein Mitglied des französischen Verbands. Zu den vier Endrundenpartien kamen 76949 Zuschauer, sie erbrachten 587659 Francs – umgerechnet etwa 300

000 Euro. Fünf Prozent erhielt die erst 1954 gegründete Uefa, die offiziell erst ab 1968 Ausrichter der EM war. Erst seitdem heißt die Veranstaltung Europameisterschaft. Über die Kinderkrankheiten der EM können wir heute nur schmunzeln.

Zumal die EM mittlerweile WM- Ausmaße angenommen hat: Frankreich sieht das erste Turnier mit 24 Mannschaften. Es ist vor allem die Konsequenz einer steilen Erfolgsgeschichte, Teilnehmer- und Zuschauerzahlen stiegen ständig.

Doch zwanzig Jahre vergingen, bis von einem Turnier die Rede sein konnte. Nach fünf Endrunden, die mit dem Halbfinale begannen und binnen einer Woche beendet waren und teils noch während der Saison (!) stattfanden, unternahm die Uefa einen Rettungsversuch. Sie verdoppelte die Teilnehmerzahl auf acht und führte Gruppenspiele ein. Mehr Spiele bedeuteten aber nicht automatisch mehr Spaß. Italien 1980 ging als EM der leeren Stadien in die Geschichte ein, getrübt von Hooligan-Ausschreitungen und überschattet von einem Wettskandal, der die Fußball-Lust der „Tifosi“ lähmte. Daran änderte auch das erste EM-Maskottchen (Pinocchio) nichts, und nicht nur der DFB-Präsident dachte laut über die Abschaffung des Wettbewerbs nach.

So mussten die Franzosen ihre eigene Idee retten. 1984 waren sie zum zweiten Mal Gastgeber und verhalfen der EM mit einem glänzend organisierten und vermarkteten Turnier zum Durchbruch. Es kamen mehr Zuschauer als zu den drei vorherigen Turnieren zusammen.

Die Deutschen mit ihren größeren Stadien pulverisierten 1988 den Rekord mit rund 935000 Zuschauern, der 1996 nur fiel, weil sich Teilnehmerzahl und Spiele verdoppelten. Die Uefa strich 1988 einen Gewinn von rund 35 Millionen DM ein. Damals viel, heute lächerlich. Im Vergleich zu 1992 hat sich ihr Gewinn um das 64-Fache gesteigert, der Umsatz lag 2012 bei rund 1,4 Milliarden Euro.

England sah 1996 das erste von fünf Turnieren mit 16 Teilnehmern, was der neuen Landkarte des Kontinents geschuldet war. Der Ostblock war zerfallen, das Ende des Sozialismus bedeutete den Anfang für ein Dutzend neuer Staaten. 51 meldeten sich, fast jeder Dritte durfte nach England. Ausgerechnet das so konservative Mutterland war Schauplatz revolutionärer Änderungen: Erstmals mussten bei einer EM alle Zuschauer sitzen (woran sich nicht alle hielten) und ein gewisser Oliver Bierhoff erzielte das erste Tor, das ein Spiel in der Verlängerung jäh beendete. Das Golden Goal.

Die Idee fand schnell mehr Gegner als Befürworter und wurde 2004 dem Silver Goal geopfert, das Griechenland 2004 zum Sensationschampion machte, weil ein gewisser Traianos Dellas in der 105. Minute der Verlängerung des Halbfinals gegen Tschechien traf und das Spiel so schon nach Ende der ersten Verlängerung abrupt beendete. Beide Spielarten, den Nervenkitzel zu erhöhen, sind zum Glück wieder Geschichte.

Neues bringt die EM trotzdem immer wieder hervor. 2000, 2008 und 2012 gab es jeweils zwei Gastgeber, was trotz doppelter Chance für keinen von ihnen zum Turniersieg führte. Frankreich hingegen hat 1984 und 1998 (WM) als Gastgeber auch den Titel geholt. Pierre Delaunay hätte gewiss nichts dagegen. Unabhängig vom Ausgang dieser EM kann ihr noch lebender Gründervater für sich reklamieren, dass er 1957 recht hatte: „Wir müssen nur den ersten Schritt tun, alles andere kommt dann von selbst.“

Morgen lesen Sie: Die größten deutschen Erfolge bei der EM

Udo Muras

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Berlin

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