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Neuanfang in Australien: Paralympics-Star nimmt Auszeit

Rostock Neuanfang in Australien: Paralympics-Star nimmt Auszeit

Als Jugendliche verlor Vanessa Low beide Beine. 2016 gewinnt sie Gold in Rio und erhält den Schumi-Award.

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Der Sprung zu Gold: Vanessa Low krönt ihren Paralympics-Sieg mit Weltrekord.

Quelle: Foto: Jens Büttner/dpa

Rostock. Ein kalter Nachmittag im Februar. Auf dem Bildschirm im Wartebereich der Orthopädie- Technik Scharpenberg läuft eine Aufzeichnung von den Paralympics in Rio de Janeiro. Vanessa Low wird groß eingeblendet. Weitsprung. Die Paradedisziplin der Schwerinerin. Der dritte Versuch. Low nimmt Anlauf, springt ab und fliegt in die Sandgrube. 4,93 – Weltrekord!

OZ-Bild

Als Jugendliche verlor Vanessa Low beide Beine. 2016 gewinnt sie Gold in Rio und erhält den Schumi-Award.

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Vanessa Low sieht ihren Flug zu Gold nicht. Dabei sitzt die 26-Jährige gleich um die Ecke. In Kabine 4 lehnt sie lässig mit dem Rücken an der Wand. Die Arbeit mit Orthopädietechniker-Meister Hendrik Hörenz ist beendet. „Die Prothesen brauchten ein kleines Update“, erklärt die beidseitig beinamputierte Frau ihren Besuch im Sanitätshaus am Rostocker Werftdreieck.

Es war ein Tag im Juni 2006, der Vanessas Leben komplett veränderte. Wenige Wochen vor ihrem 16. Geburtstag wurde sie auf dem Bahnhof Ratzeburg von einem Regionalexpress erfasst. Ob sie im Gedränge auf dem Bahnsteig das Gleichgewicht verlor oder geschubst wurde, ist bis heute nicht geklärt. Das ist auch nicht wichtig, meint Low, die zwei Monate lang im Koma lag.

Noch im Krankenbett setzte sie sich Ziele. „Ich wollte nicht im Rollstuhl sitzen, sondern wieder auf die Beine kommen und Sport treiben“, berichtet die Mecklenburgerin, die nie mit ihrem Schicksal haderte. „Mir ging es nie richtig schlecht.“ Zwei Jahre lang besuchte sie die Geh-Schule. Die ehrgeizige junge Frau fiel oft auf die Nase – und stand immer wieder auf.

Vanessa Low weiß, dass „keine Prothese der Welt ein gesundes Bein ersetzen kann“, dennoch ist sie dankbar für die technischen Hilfsmittel. „Sie haben mir Lebensqualität und Mobilität zurückgegeben“, sagt die Blondine. „Ich brauche weder eine behindertengerechte Wohnung noch ein umgebautes Auto.“ Rund 100000 Euro kostet ein Paar Alltagsprothesen. Die Kosten für die Hightech-Produkte übernimmt die Krankenkasse. Ein Mikrochip steuert die Hydraulik. Dadurch lassen sich die Widerstände beim Treppensteigen, Unebenheiten und Schrägen anpassen.

Die rund 30000 Euro teuren Sport-Prothesen, die privat finanziert werden müssen, sollten auch optisch etwas hermachen, meint Vanessa. „Wenn man auf großer Bühne steht und Wettkämpfe macht, möchte man, dass es vernünftig aussieht.“

2012 in London blieb ihr Medaillentraum noch unerfüllt. Low dachte ans Aufhören, lernte dann aber Roderick Green kennen. „Ich kann dich zu Gold trainieren“, sagte er und lockte die ehrgeizige Leichtathletin damit nach Amerika. Drei Jahre lang trainierte sie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die harte Arbeit zahlte sich aus. Sie wurde Weltmeisterin und war zweimal Europas Beste.

2016 in Rio holte sie neben Gold im Weitsprung auch Silber im 100-Meter-Sprint. Aus Dankbarkeit ließ sie sich die Unterschrift des Trainers auf den rechten Unterarm tätowieren. „Das hatte ich ihm versprochen, somit haben wir beide unser Wort gehalten.“

Vanessa Low erhielt für ihre sportlichen Erfolge das Silberne Lorbeerblatt, wurde zur Behindertensportlerin des Jahres gekürt und mit dem „Keep Fighting Award“ der Familie von Michael Schumacher geehrt. Formel-1- Weltmeister Nico Rosberg verwies in seiner Laudatio auf den außergewöhnlichen Kampfgeist der Athletin: „Die Ärzte haben gesagt, du würdest nicht mehr gehen können. Durch die harte Zeit hast du dich durchgebissen und bist wieder gegangen. Und hast deine Leidenschaft zum Sport weiterverfolgt.“

„Der Award ist eine riesengroße Ehre für mich“, sagte Vanessa Low, die ihre Sport-Prothesen derzeit im Schrank verstaut hat. Sie nimmt eine Auszeit. Mit Blick auf die Paralympics 2020 in Tokio gönnt sie ihrem Körper eine Verschnaufpause, verzichtet auf eine WM-Teilnahme und konzentriert sich stattdessen auf ihr Studium.

Zudem möchte sich die Mediengestalterin in Canberra richtig einleben. Im Oktober ist sie zu ihrem Freund Scott Reardon (26), der 2012 in London Silber über 100 Meter gewonnen hatte, nach Australien gezogen. „Es gibt kein schöneres Land. Die Lebensqualität ist extrem hoch. Es fühlt sich jeden Tag wie Urlaub an.“ Der Tagesablauf sei unspektakulär, meint Vanessa Low. Zwei Trainingseinheiten am Tag gehören ebenso dazu wie Spaziergänge mit Milo, einem Boston Terrier. In ein paar Tagen neigt sich Vanessas Besuch bei ihren Eltern in Ratzeburg dem Ende entgegen. Dann steigt sie wieder in den Flieger Richtung Fünfter Kontinent – mit Prothesen aus Rostock.

Stefan Ehlers

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