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Rateb Hatahet – ein Weltmeister boxt sich durch

Rostock Rateb Hatahet – ein Weltmeister boxt sich durch

Der 34-jährige Syrer kam vor zehn Monaten als Flüchtling nach MV / Der Thaiboxer engagiert sich als Trainer beim PSV Rostock und Ziehvater eines syrischen Jungen (13)

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So wird’s gemacht: Thaibox-Weltmeister Rateb Hatahet (34) beim Training mit dem sechsjährigen Fabian Sascha.

Quelle: Stefan Ehlers

Rostock. Die Sonne scheint an diesem Nachmittag. Im Haus12 in Rostock-Schmarl ist kaum etwas los. Draußen herrscht reges Treiben. Die Mädchen und Jungen spielen, klettern und toben. Rateb Hatahet betritt das Gelände. Eine Erzieherin kommt auf ihn zu. „Die Kinder warten schon auf Sie. Moment bitte, ich hole sie.“

OZ-Bild

Der 34-jährige Syrer kam vor zehn Monaten als Flüchtling nach MV / Der Thaiboxer engagiert sich als Trainer beim PSV Rostock und Ziehvater eines syrischen Jungen (13)

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Es hat keine dreißig Sekunden gedauert, da hatte mich Rateb überzeugt.“Marko Zülske,

Geschäftsführer des PSV Rostock

Wenige Minuten später ist Hatahet umgeben von einer Handvoll Mädchen und Jungen. Ein paar Übungen zum Aufwärmen, dann weiht er die Sechs- bis 13-Jährigen in die Geheimnisse seines Kampfsports ein.

Rateb macht Schlagkombinationen vor – und die Kids eifern ihm nach. Was die Kinder nicht ahnen: Sie trainieren mit einem Weltmeister.

Rateb Hatahet ist mehrfacher Champion im Thaiboxen. Vor zwei Monaten sicherte sich der 34 Jahre alte Syrer in Stuttgart den WM-Titel des Verbandes ISKA.

Seit zehn Monaten lebt Hatahet in Deutschland. Bis zu seiner Flucht war er syrischer Nationaltrainer im Thaiboxen. In seiner Heimatstadt Damaskus herrscht in nahezu jedem Stadtteil eine andere Miliz.

Alle wollten den 1,85 Meter großen und 90 Kilo schweren Modellathleten vereinnahmen. „Ich mochte mich keiner Seite anschließen. Ich kämpfe gern im Ring, aber nicht mit der Waffe.“

Die Lage wurde immer brenzliger. Hatahet, ein angehender Rechtsanwalt, und fünf Mitglieder aus seiner Trainingsgruppe entschieden sich, ihr Heimatland zu verlassen. Drei Wochen lang war die Gruppe unterwegs – auf Booten, in Zügen, Bussen und zu Fuß. „Es war wie im Fernsehen“, berichtet Hatahet, der über die Türkei und Österreich am 16. September in die Erstaufnahme nach Schwerin kam. Im November folgte der Umzug nach Rostock. Stets an seiner Seite: Abdu. Der 13-Jährige sollte vom Militär eingezogen werden. Die Eltern baten Hatahet, Abdu in Sicherheit zu bringen.

Seine eigene Familie – Ehefrau Lujain und seine drei Söhne (8, 6 und 3 Jahre alt) – musste er in Damaskus zurücklassen. Die Trennung fällt ihm schwer. Rateb sorgt sich. Kontakt hält er per WhatsApp – so gut es geht. Nicht selten fällt in Syriens Hauptstadt tagelang der Strom aus, so dass Lujain ihr Handy nicht aufladen kann. Dann wiederum versagt das Internet.

Hatahet hofft, seine Familie schnellstmöglich nach Deutschland holen zu können. Der Termin bei der Botschaft ist für Januar 2017 anberaumt. „Wir versuchen, das Verfahren zu beschleunigen", versichert Marko Zülske, Geschäftsführer des PSV Rostock (2738 Mitglieder).

Zülske hatte Ende vergangenen Jahres einen Tipp aus der Asylunterkunft bekommen. Inhalt des Telefonats: ,Wir haben hier einen Weltklasse- Thaiboxer. Der hat die syrische Nationalmannschaft trainiert.’ „Den schaue ich mal an“, dachte sich Zülske. Hatahet gab in der OspaArena Kostproben seines Könnens. „Es hat keine 30 Sekunden gedauert, da war ich von Rateb überzeugt. Man hat sofort gesehen, was er drauf hat. Er macht ein technisch sehr hochwertiges Training“, schwärmt Zülske.

Fortan ging alles sehr schnell. Der PSV stellte neue Trainingsgruppen auf die Beine. Hatahet bekommt ein Übungsleiter-Honorar. Er lebt mit seinem Ziehsohn Abdu im Stadtteil Schmarl in einer Drei-Zimmer-Wohnung und ist krankenversichert. Hatahet, dessen Schwester Sumaia und deren Familie ebenfalls in Rostock leben, ist in seiner Wahl-Heimat längst angekommen. „Rateb ist in sehr kurzer Zeit ein kleiner Teil des PSV geworden“, sagt Zülske.

„Er bewegt sich und andere – egal, ob er dafür Geld bekommt oder nicht“, meint Jacqueline Einfeldt, die sich als ehrenamtliche Helferin für Flüchtlinge engagiert. Die Rostockerin, Mutter einer sechs- und einer 13-jährigen Tochter, gibt Migranten Deutsch-Unterricht, hilft ihnen als Dolmetscherin und bei Behördengängen.

Hatahet, der für seine Landsleute längst ein Vorbild ist, fühlt sich in Rostock wohl. Die Stadt sei sehr schön und die Menschen freundlich. Er danke all seinen Freunden, Bekannten und Kollegen im PSV. Der Syrer hat in Rostock noch viel vor. Er möchte Profikämpfe bestreiten, als hauptamtlicher Trainer sein Geld verdienen und ein Team aufbauen, das europaweit für Schlagzeilen sorgt. Die Polizei hat wegen Selbstverteidigungskursen angefragt. Auch reine Frauen-Gruppen sind geplant.

Ein blondes Mädchen im rotgepunkteten Kleid schaut beim Training zu. „Darf ich mitmachen?“, fragt sie schüchtern. „Ja, komm’ her“, entgegnet Hatahet und lächelt freundlich. Die Kleine reiht sich ein. „Und jetzt mit beiden Händen“, fordert Hatahet. Die Kinder machen mit – und seine Augen strahlen.

Stefan Ehlers

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