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„So kann es nicht weitergehen“

„So kann es nicht weitergehen“

Box-Weltmeister Jürgen Brähmer aus Schwerin spricht über neue Konzepte im Boxen, den Kampf gegen Cleverly, sein Gym und Heiratspläne.

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Er redet Klartext: Box-Weltmeister Jürgen Brähmer (37).

Quelle: Stefan Ehlers

Sie haben 2011 Ihren WM-Titel am grünen Tisch an den Waliser Nathan Cleverly verloren. Im vergangenen Jahr platzte der Kampf erneut. Nun kommt es am 1. Oktober im Neubrandenburger Jahnsportforum zu dem Duell. Endlich – oder?

Jürgen Brähmer: Der Kampf war schon lange geplant, kam aber aus unterschiedlichen Gründen nie zustande. Umso mehr freut es mich, dass es jetzt geklappt hat und dass wir den Kampf hier in Deutschland machen können. Das ist auch ein Dankeschön an die Fans.

Sie werden am 5. Oktober 38 Jahre alt. Wird das Ihr letzter Auftritt als Profiboxer?

Brähmer: Ich plane von Kampf zu Kampf. Solange ich Lust spüre, zum Training zu gehen, sportlich mithalten kann und mir nicht alles wehtut, werde ich boxen.

Wie stellen Sie sich Ihren Abschied vor – ähnlich groß aufgezogen wie einst bei Henry Maske?

Brähmer: Auf gar keinen Fall! Ich mach’ um solche Sachen keinen großen Terz. Ich boxe, weil es ein toller Sport ist, der mir Spaß macht und nicht, weil ich im Mittelpunkt stehen möchte.

Henry mag das damals gefallen haben. Aber ich bin ein anderer Typ. Manchmal reicht ein kurzer Satz und dann ist alles gesagt.

Sie haben Anfang des Jahres Tyron Zeuge unter Ihre Fittiche genommen. Wie verkraften Sie die Doppelbelastung als Coach und Boxer?

Brähmer: Auf Dauer geht das nicht alleine. Ich habe mit Trainer Conny Mittermeier eine große Hilfe, aber neben dem Training geht es ja auch um die gesamte Organisation drum herum. Ich besorge Sparringspartner, kümmere mich um buchhalterische Aufgaben und mache die Kampfplanung. Das ist ein Fulltimejob – von morgens um sieben bis abends um zehn. Und das schon schon seit Wochen. Das ist natürlich sehr anstrengend. Und ich muss mich schließlich auch auf meinen Kampf konzentrieren, das gehört zu meinem professionellen Anspruch. Und gerade weil ich professionell arbeiten möchte, stelle ich mir aktuell ein Team aus Experten zusammen.

Sie wollen in Schwerin ein Trainingszentrum eröffnen. Wie sehen Ihre Pläne konkret aus?

Brähmer: Ich plane ein eigenes Gym mit allem, was dazugehört: einer Trainingshalle, einem Physiotherapeuten, einem Fitnesscoach und Büroräumen. Alles an einem Standort. Ich möchte das aufholen, was uns in den vergangenen Jahren gefehlt hat: eine rundum professionelle Betreuung.

Haben Sie schon eine geeignete Immobilie gefunden?

Brähmer: Ja, aber Einzelheiten möchte ich erst verraten, wenn die Verträge unterschrieben sind.

Wann soll das Gym eröffnet werden?

Brähmer: Ich hoffe, dass wir Anfang kommenden Jahres mit dem Trainingsbetrieb beginnen können.

Stehen weitere talentierte Boxer in den Startlöchern?

Brähmer: Ich habe enorm viele Anfragen und weiß gar nicht, wie wir die alle zu Beginn unterbringen sollen. Wir müssen sicherlich sortieren. Ich setze auf Qualität, gepaart mit der Bereitschaft, sich zu quälen und dem Sport vieles unterzuordnen. Die Leute, die zu uns kommen, müssen versorgt sein. Jeder soll sich individuell weiterentwickeln, damit er sein Potenzial ausschöpfen kann.

Ich möchte auch die Zusammenarbeit mit den Amateuren forcieren – und zwar deutschlandweit. 2013 waren wir erfolgreicher als England, 2016 sind wir ganz weit hinten. Und es wird noch schlechter, wenn es so weitergeht. Es kann ja nicht das Ziel sein, dass sich sechs deutsche Boxer für die Olympischen Spiele qualifizieren und fünf von ihnen in der ersten Runde ausscheiden.

Der Sechste ist der in Schwerin trainierende Artem Harutyunyan, der Bronze geholt hat

Brähmer: Das ist schön für Mecklenburg-Vorpommern. Aber es ist viel mehr Qualität da. Man muss es nur nutzen, strukturierter und professioneller arbeiten. In England trainieren Amateure und Profis zusammen – und alle Seiten profitieren davon. Die Auffassung, dass die Profis den Amateuren die Sportler wegnehmen, ist Quatsch. Der Deutsche Boxsport-Verband bildet keinen Boxer aus – er profitiert von den ausgebildeten Sportlern. In die Nationalmannschaft wird man doch erst berufen, wenn man gut ist. Ich habe dem DBV meine Hilfe angeboten. Mal schauen, wie sich das entwickelt und ob der Verband dazu bereit ist. Die Profis sind es.

Glauben Sie, dass derartige Reformen umzusetzen sind?

Brähmer: Klar ist, dass es so nicht weitergehen kann. Wir haben noch richtig viel Luft nach oben. Und da kann und muss man meiner Meinung nach auch mal etwas Neues probieren und neue Konzepte entwickeln. Der gesamte Sport wird viel athletischer und schneller. Wenn man da etwas verpennt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn man hinterherhinkt. Und dann wird es immer schwieriger, mitzuhalten oder aufzuholen. Wenn einer wie Florian Schulz, der Vize-Europameister ist und als Hoffnungsträger im Superschwergewicht für die Zukunft galt, mit 22 aufhört, dann sollten die Alarmglocken schrillen. Wenn sich dann noch einer hinstellt und sagt, wir haben in Rio eine Bronzemedaille geholt, damit sind wir zufrieden, finde ich das traurig.

Warum?

Brähmer: Ich bin früher als Amateur zu einem Turnier gefahren, weil ich es gewinnen wollte. Ich möchte Artems Erfolg überhaupt nicht schmälern. Das ist eine herausragende Leistung. Er musste sich auf das Profisystem mit zwölfmal drei Runden umstellen, dann wieder aufs Amateursystem mit dreimal drei. Das ist doch Wahnsinn! Und die Leistungsträger werden von einem Turnier zum nächsten gejagt. Wie soll ein junger Sportler da immer Höchstleistung bringen? Es gibt keine ordentliche Vorbereitung mehr und die wichtigen Regenerationsphasen. Da gibt es ganz viele Punkte, die man hinterfragen muss.

Sie sind Weltmeister, Trainer, Berater, haben eine Promoter-Lizenz in der Tasche. In welcher Rolle sehen Sie sich perspektivisch?

Brähmer: In der eines Geschäftsführers, der in organisatorischen Dingen die Fäden in der Hand hält.

Wenn es nach Ihrer Lebensgefährtin Tatjana ginge, hätten Sie Ihre aktive Laufbahn längst beendet. Wie steht Sie zu Ihren Zukunftsplänen?

Brähmer: Auf allen Hochzeiten kann man nicht tanzen. Ich werde mich in absehbarer Zeit für etwas entscheiden müssen, was ich hundertprozentig mache. Es wird eine schwierige Entscheidung.

Momentan ist es eine enorme Belastung. Gewisse Dinge kommen zu kurz, aber sie dürfen nicht auf Dauer zu kurz kommen. Deswegen möchte ich das alles in gewisse Bahnen lenken.

Stichwort Hochzeit: Tatjana und Sie sind seit fast 18 Jahren ein Paar. Wann werden Sie heiraten?

Brähmer: Das Thema ist immer aktuell. Es vergeht keine Woche, in der ich nicht gefragt werde, ob wir schon geheiratet haben oder nicht. Ich glaube, nach der sportlichen Laufbahn werde ich nicht mehr drum herumkommen ...

Sie haben zwei Kinder – Jasmin ist 4 Jahre alt, Joris wird im November 2. Ist die Familie damit komplett?

Brähmer (lacht): Wenn meine Frau ein noch kleineres Kind als Joris auf dem Arm hat, wird sie komisch. Das scheint ansteckend zu sein. Da muss ich sehr aufpassen. Spaß beiseite, da ist nichts geplant. Kinder sind etwas Tolles. Ich habe vor wenigen Tagen einen Bericht über Kinderarmut in Deutschland gesehen. Das ist traurig und gibt einem zu denken, wenn man sieht, dass dafür kein Geld da ist, aber für viele andere Sachen. Da wird viel zu wenig getan. Die Kinder aus sozial schwachen Familien haben Schwierigkeiten, aus dem Kreislauf herauszukommen. Das spricht nicht gerade dafür, dass wir ein kinderfreundliches Land sind.

Eintrittskarten für die Neubrandenburger Box-Nacht am 1. Oktober sind in allen OZ-Servicecentern erhältlich

48 Siege als Profi

Jürgen Brähmer wurde am 5. Oktober 1978 in Stralsund geboren und begann als 13-Jähriger beim ESV Lok mit dem Boxsport. Zwei Jahre später wechselte er an das Sportinternat nach Schwerin.

95 Siege in 100 Kämpfen verbuchte der Rechtsausleger während seiner Amateurlaufbahn. Brähmer wurde mehrfach deutscher Meister, erkämpfte 1995 bei der Junioren-EM Bronze und gewann ein Jahr später die Junioren-WM.

2009 wurde er Weltmeister bei den Profis. Seit dem 14. Dezember 2013 ist der Halbschwergewichtler, der 48 seiner 50 Profikämpfe gewann, im Besitz des WBA-Gürtels.

Interview von Stefan Ehlers

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