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Sorge dich nicht, spiele!

Dortmund Sorge dich nicht, spiele!

Sepp Herberger und seine 1500 Bücher – eine Ausstellung in Dortmund gibt Einblicke in die Privatbibliothek des legendären Fußball-Bundestrainers

Dortmund. Was haben Mao Tse-tung, Niccolò Machiavelli und Sepp Herberger gemeinsam? Sehr viel, wie eine gestern im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund eröffnete Ausstellung zur bislang wenig bekannten Privatbibliothek des Weltmeistercoachs beweist. „Herbergers Welt der Bücher – die unbekannten Seiten der Trainer-Legende" zeigt bis zum Jahresende viele aufschlussreiche Aus- und Bezüge der 1500 Werke umfassenden Sammlung des „Weisen aus der Kurpfalz“.

FCK-Legende Horst Eckel hatte sich ebenso zu Ehren seines 1954er Weltmeistertrainers in Dortmund eingefunden wie Otto Rehhagel, der selbst als belesener Fußball- Lehrer gelten darf – und wie zum Beweis spontan Gedichte auf der Museumsbühne rezitierte. Das Publikum sollte einfach mal lauschen, denn auch Herberger habe sich „nicht beirren lassen, ihm hat man aufmerksam zugehört – aber heute wird gleich alles hinterfragt“, kritisierte Rehhagel die aktuelle Kabinenkultur. „Wenn man nicht gut zuhört, kann man kein guter Fußballer werden“, hatte Eckel schon vorher festgestellt. Herberger habe „immer und immer wieder die Mannschaft versucht aufzubauen“, betonte der Vogelsbacher: „Das war für uns ganz wichtig.“

Und fundiert sei es gewesen: „Was Herberger gesagt, war immer 100 Prozent.“ Kein Wunder, denn in akribischer Vorbereitung blieb der Bundestrainer unübertroffen. Überraschend das wichtigste Werkzeug dabei: eben seine –– von ihm intensiv ausgewerteten – Bücher. Museumsdirektor Manuel Neunkircher war vor gut zehn Jahren darauf gestoßen, als er mit Voraus-Blick auf den sich morgen zum 120. Mal jährenden Geburtstag Herbergers in den 360 Ordnern Nachlass stöberte, dabei auch ein Buch in die Hand nahm – und viele Unterstreichungen samt Kommentaren fand.

Im nächsten Buch: das Gleiche. „Dann haben wir uns eingegraben“, erinnerte sich Neunkircher – „und mussten erst mal Herbergers Handschrift entziffern lernen “

Als das geschafft war, wurde klar: Herberger war vom Ehrgeiz gepackt, seine Mannschaft vor allem als Motivator und Menschenfänger zum Erfolg zu führen. Der vom Coach, so Neunkircher, „immer etwas vertuschte“.

Hintergrund: Ausgerechnet in Psychologie hatte der ansonsten sehr gute Jahrgangsbeste nur eine Drei im Abschluss-Diplom. Mit einschlägigen Ratgebern machte sich Herberger ans Ausmerzen der Scharte, griff beispielsweise zum US-Motivationsguru Dale Carnegie, der in Bestsellern wie „Sorge dich nicht, lebe!“ auch für die Wirkung knackiger Leitsätze warb. Carnegies „Ein Sandkorn nach dem anderen“

könnte so zu „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ mutiert sein. Auch die „Theorie der indirekten Beeinflussung“ griff Herberger auf: etwa wenn er nicht an Fritz, sondern dessen Frau Italia über die Bedeutung kommender Turniere schrieb – der Brief liegt derzeit in Dortmund.

„Herberger kopierte nicht“, betonte Neunkircher, „er adaptierte“. Gerne auch von großen Kriegs- und Machtstrategen. Machiavellis Worte zur Bedeutung militärischer Befehlsketten unterstrich Herberger fürs Teamhierachie-Denken. Und Maos „Guerilla-Taktik“ (Rückzug in Defensiveblöcke plus verwirrende Blitzoffensiven) nutzte Herberger als Blaupause für sein variables „Wirbel-Spiel“ – das die sehr statische Taktik von Otto Nerz ablöste. In der Emanzipation von seinem Vorgänger und dessen Vorliebe fürs Marschieren und militärischen Drill nutzte Herberger auch ein weiteres Mal Carnegie: In „Wie man Freunde gewinnt“ beschreibt dieser die Lust des Menschen, des „Homo Ludens“, auf alles Spielerische. Herberger las es, notierte „neue Trainingsmethode: Ball!“ – und ließ seine Jungs erst mal Fangen spielen

Christian Schneider

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