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„Sport ist die beste Medizin“

Heute beginnen die Paralympics: Zwölf Starter aus MV sind in Rio dabei – so viele wie noch nie „Sport ist die beste Medizin“

Sie ist Kämpferin und Vorbild: Simone Briese-Baetke. Die 50-jährige Rollstuhlfechterin strebt in Brasilien eine Medaille an.

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Starke Kämpferin: Simone Briese-Baetke (r.), hier im Trainingsduell mit Sylvi Tauber.

Quelle: Fotos: Stefan Ehlers (4), Imago (2), Peter Hartig, Werner Franke, Oz–archiv (3)

Rostock. 1988 in Kotzow, inmitten der Mecklenburgischen Seenplatte. Liebevoll hält Simone Briese-Baetke ihren wenige Wochen alten Sohn Norman im Arm. Für die junge Mutter scheint das Glück perfekt. Doch plötzlich spürt sie: „Mit meinem Körper stimmt etwas nicht.“ Der Nacken fühlt sich steif an, der Kopf schmerzt. Die Leichtathletin fühlt sich schwach. Ihr Gang wird unsicher. „Ich bin über Teppichkanten gestolpert“, erinnert sich die gebürtige Wittstockerin, die fortan eine Frage beschäftigt: Was ist das?

OZ-Bild

Sie ist Kämpferin und Vorbild: Simone Briese-Baetke. Die 50-jährige Rollstuhlfechterin strebt in Brasilien eine Medaille an.

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Briese-Baetke, die zudem beinahe täglich epileptische Anfälle bis zur Bewusstlosigkeit erleidet, konsultiert mehrere Ärzte. Immer wieder muss sich die gelernte Wirtschaftskauffrau erklären und rechtfertigen – gegenüber ihrer Krankenkasse, Gutachtern (einer bezeichnet sie als Simulantin) und sogar im persönlichen Umfeld. Die Beziehung mit Normans Vater geht in die Brüche. „Er hat zu mir gesagt: ,Ich heirate doch keine kranke Frau’“, erzählt Simone Briese-Baetke, die nach der Trennung das gemeinsame Haus verkaufen muss.

Sieben quälende Jahre dauert es, bis sie endlich eine Diagnose erhält: MS. Multiple Sklerose, eine chronische Erkrankung des Nervensystems. Um die Epilepsie in den Griff zu bekommen, unterzieht sie sich 1996 einer Operation. Bei dem Eingriff wird der Sehnerv verletzt. Ihr Gesichtsfeld ist seitdem stark eingeschränkt. „Aber ich war endlich frei von Anfällen.“

Doch mit jedem MS-Schub verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand. Seit 2001 sitzt sie im Rollstuhl. „Da kam der eigentliche Aufschwung. Von da an habe ich nicht mehr über meine Krankheit nachgedacht“, sagt Briese-Baetke. Aufgeben kommt für sie nicht infrage. Sie spürt: „Da geht noch was!“

Die Mecklenburgerin versucht sich in mehreren Sportarten, ehe sie im März 2007 einen Tipp von ihrer Augenärztin erhält – Rollstuhlfechten. Zehn Monate später feiert Simone Briese-Baetke beim Weltcup in Malchow ihr internationales Debüt. Vor den Augen ihres Mannes Peter, den sie 1999 kennenlernte („Er ist Teil meines Erfolgs und mein Rückgrat“), und ihres Sohnes holt sie Silber. „Von da an stand für mich fest: Ich habe die richtige Sportart für mich gefunden.“

Sie schafft den Sprung ins Paralympics-Team. Doch fünf Tage vor den Spielen in Peking 2008 wird ihr die Wildcard wieder entzogen. Klaglos packt sie ihre Tasche wieder aus und denkt: „Hurra, jetzt habe ich vier Jahre Zeit, um mich auf London vorzubereiten!“ Simone Briese-Baetke nutzt die Zeit. Mit Silber kehrt die Weltranglistenerste aus der englischen Metropole zurück. Im Flur ihres Eigenheims in Hohenbarnekow (Nordvorpommern) hängt ein Bild von ihrem bislang größten Erfolg, gleich daneben ein Degen.

Die wichtigsten Trophäen bewahrt die mehrfache WM- und EM-Medaillengewinnerin, die nach Stationen in Tauberbischofsheim und Reutlingen Anfang dieses Jahres wieder nach Mecklenburg-Vorpommern zurückgekehrt ist, in ihrem Arbeitszimmer auf. „Zu jeder Medaille läuft ein Film ab“, sagt die 50-Jährige, die auch in Rio auf Edelmetall hofft. „Ich setze mir kleine Ziele – Treffer für Treffer.

Sport ist für mich die beste Medizin.“

Von zu Hause aus arbeitet Simone Briese-Baetke für den Fechtausstatter allstar. Nebenan schreien ihre drei Graupapageien. „Da ist immer Stimmung in der Bude. Die sabbeln so viel, da brauchst du kein Radio“, erzählt die Weltklasse-Fechterin des TuS Makkabi Rostock mit einem Lächeln auf den Lippen. Krank fühlt sich Simone Briese-Baetke, die nach ihrer aktiven Laufbahn als Trainerin arbeiten möchte, nicht. „Ich fühle mich auch nicht behindert.“ Sie möchte Menschen mit Handicap Mut machen. „Achtzig Prozent der Behinderten in Deutschland haben sich zurückgezogen“, sagt sie. „Die Frage ist doch: Wie gestalte ich mein Leben?“ Die Antwort lebt sie vor. In dem Wissen: „Die Krankheit kann jeden treffen.“

DREI FRAGEN AN...

1 Bei den heute beginnenden Paralympics in Rio de Janeiro sind zwölf Athleten aus MV – so viele wie noch nie – Woran machen Sie den Erfolg fest? Wir haben in den vergangenen zehn Jahren in Zusammenarbeit mit dem Landessportbund, dem Ministerium, den Landesverbänden und Vereinen Förderstrukturen aufgebaut. Wir haben in Rio gestandene Athleten wie die Brussig- Schwestern, Stefan Nimke, Jana Schmidt und Simone Briese-Baetke dabei, aber auch junge Sportler wie die Goalballer, die Greifswalderin Lindy Ave oder Denise Grahl. Dahinter stehen mit Neele Labudda oder Katherina Rösler weitere Talente in den Start-

löchern.

2 Was trauen Sie dem MV-Team zu? Vom Leistungsniveau her können alle um die Medaillen mitkämpfen. Bei den Nachwuchsathleten weiß man nicht, wie sie mit dem Druck umgehen. Man hat ja schon vor ein paar Wochen bei den Olympischen Spielen gesehen, wie knapp es oftmals im Sport zugeht und wie schnell am Ende ein undankbarer vierter Rang

herauskommen kann, der in der Öffentlichkeit kaum Beachtung findet.

Dabei ist es großartig, sich überhaupt für die Paralympischen Spiele zu qualifizieren. Wenn dabei noch die eine oder andere Medaille herauskommt, ist es perfekt.

3 Sie fliegen für fünf Tage nach Rio. Worauf freuen Sie sich am meisten? Bei den Wettkämpfen unserer Athleten live dabei zu sein und mit ihnen mitzufiebern. In diesen Genuss komme ich ja nur selten. Meistens sitze ich am Schreibtisch und erledige organisatorische Aufgaben. Paralympische Spiele sind für unsere Athleten das Größte.

Ich freue mich wahnsinnig auf die Eröffnungsveranstaltung, die Wettkämpfe, auf die Stadt, bin gespannt auf die Atmosphäre im paralympischen Dorf und hoffe auf einen Besuch im Deutschen Haus.

Stefan Ehlers

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