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Hannes Ocik wollte Gold und gewann Silber – der Traum des Ruderers, der sein Leben prägt, lebt weiter

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Ein zweites Zuhause hat Hannes Ocik bei Doreen und Andreas Stach gefunden. Das Rostocker Ehepaar nahm den Jungen bei sich auf, als er als 14-Jähriger zum Bundesleistungszentrum kam.

Quelle: Fotos: Privat (3), Ch.lüsch

Schwerin/Rostock/Ri. o de Janeiro. 1997, am Bootssteg der Schweriner Rudergemeinschaft. Das Wasser riecht nach Binnensee. Gegenüber glänzt das Gold der Kuppel des Schlosses.

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Hannes Ocik wollte Gold und gewann Silber – der Traum des Ruderers, der sein Leben prägt, lebt weiter

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Als wär’s ein Zeichen.

„Hannes war so ein großer Bengel. Den musste ich zum Rudern holen.“ Joachim Dreifke erinnert sich an seine erste Begegnung mit dem damals sechsjährigen Hannes Ocik. Der Bursche ist mit seiner Mutter von Rostock in die Landeshauptstadt umgezogen. Er sollte Schwimmer werden, Mutter Martina (53) nacheifern. Die wäre 1980 beinahe zu den Olympischen Spielen nach Moskau gefahren. Sie scheiterte jedoch in der Qualifika- tion, wechselte zum Flossenschwimmen, räumte Welt- und Europameistertitel ab.

Ihr Hannes hat es weit gebracht. Als Ruderer. Fast bis ans Ziel seiner Träume. Er bestimmte im Finale von Rio den Takt im Deutschland- Achter. Die Jungs waren auf Gold getrimmt. Vier Jahre hartes Training, tausende Trainingsstunden in muffigen Krafträumen, tausende Kilometer auf dem Wasser endeten nach 2000 Metern mit Silber. „Man muss anerkennen, dass die Briten besser waren. Ich kann das Ergebnis akzeptieren“, sagt Leistungssportler Ocik. Diejenigen, die ihn kennen, wissen: Ihm ist zum Heulen zumute. Sein Verstand und seine Freunde sagen ihm: „Sei stolz darauf, mit Silber nach Hause zu kommen.“ Aber es braucht Zeit, bis der Leistungssportler glaubt, was sein Verstand sagt.

Schon als kleiner Junge ist Hannes ein besonderer Mensch. „Er hatte so viel Energie. Ich musste ihn oft bremsen. Schon bevor er zu seinem ersten nationalen Wettkampf fuhr, hat er mir gesagt, gewinnen zu wollen“, erinnert sich Entdecker Dreifke (63), einst selbst Ruder-Olympiasieger. Bei der Bundesbestenermittlung – Hannes, 13 Jahre alt und schon 1,70 Meter groß – belegt er Platz 16.

„Egal, was er angefangen hat: Er wollte es immer gut machen.“, erinnert sich seine Mutter.

Schnell wird Landestrainer Hans-Joachim Lück auf das Talent aufmerksam, will den 14-Jährigen nach Rostock lotsen. Doch Pfeiffersches Drüsenfieber bremst den Aufstieg des Jungen. „Ich fühlte mich monatelang elend, kam nicht in Form. Es dauerte ein Jahr, um da rauszukommen“, berichtet der Blondschopf mit der Sturmfrisur. 2006 wechselt er nach Rostock und die Schule, zieht ins Internat, trainiert am Olympiastützpunkt.

Über Ruderkumpel Kevin findet er schnell Familienanschluss. Doreen und Andreas Stach, die in der Hansestadt eine Fleischerei betreiben, nehmen den Teenager auf. „Kevin und Hannes waren sich so ähnlich. Wie Brüder“, schwärmt Doreen Stach. Hannes, der sie mit „Muddi“ anspricht, verbringt seine Freizeit bei den Stachs, wird bekocht und betuttelt. Sogar in den Urlaub nach Miami fliegt er mit.

„Es war wichtig und schön, ein zweites Zuhause zu haben.“

Der junge Mann, seit 2013 im Heimathafen des Deutschland- Achters in Dortmund stationiert, ist ein Mensch mit warmem Herzen. Liebgewonnene Weggefährten und Förderer, wie Dreifke, Juniorentrainer Karsten Timm oder Sponsor Ostseesparkasse, vergisst er nicht. Nie würde er seinen Verein verlassen: „Bei der Schweriner Rudergemeinschaft hat alles angefangen. Die waren immer für mich da“, begründet er.

Hannes’ Leben wirkt monoton: Training und Wettkämpfe bestimmen die Jahre. Tage ohne Sport sind rar. Erfolg heißt das Elixier, das Schweiß, schmerzende Knochen und totale Erschöpfung erträglich macht.

Dass sich sein Leben von dem anderer Jungen seines Alters unterscheidet, wird ihm selten bewusst. „Ich kannte und wollte es nicht anders“,versichert der 25-Jährige. Er ist 18 Jahre alt, als er zum ersten Mal mit Freunden in eine Disko geht. Für einen Außenseiter hält ihn niemand. Ocik ist Eroberer im Spitzensport: Junioren-Weltmeister im Achter 2009, ein Jahr später U-23-Vizeweltmeister im Vierer mit Steuermann, Weltmeister 2011. Immer volle Pulle. Für ihn gibt es nur eine Richtung: nach ganz oben.

2012 sitzt der Mecklenburger als Zuschauer beim Olympia-Finale in London am Ufer. Der DeutschlandAchter fängt die Briten kurz vor dem Ziel ab. „Ich hatte Gänsehaut und dachte: Da will ich hin.“ Sein Traum, im Großboot mitrudern zu dürfen, erfüllt sich ein Jahr später. Bundestrainer Ralf Holtmeyer holt den leistungsstarken Rostocker an Bord. Es passt: Die neue Crew rudert zu EM-Gold und WM-Silber.

Zum Jahreswechsel 2014/15 kommt es knüppeldick: Der angehende Polizeimeister hat gerade 16 Prüfungen bestanden. Für ihn normal: bei vollem Training. „Ich hatte meinen Körper in den Keller gewirtschaftet“, umschreibt der Hüne sein sportliches Burnout. Er ist „total kaputt“ und erlebt „die schwerste Krise“ seiner bisherigen Karriere. Ocik muss eine Wettkampfpause einlegen. Der als harter Hund bekannte Holtmeyer stärkt seinem Schlagmann den Rücken: „Junge, wenn du wieder fit bist, kommst du zurück. Dieses Jahr ist nicht so wichtig.“ Ocik sieht das anders: „Für mich war es extrem hart. Ich war fünf Jahre in Folge bei der WM gerudert. Nun musste ich den Jungs zuschauen. Mit Abstand betrachtet, hat mich dieses ScheißJahr aber weitergebracht.“

Hannes Ocik steht in Rio am Ufer der Ruderstrecke. In der Hand wiegt er die glänzende Silberplakette. Er weiß: etwas Großes ist erreicht. Er spricht von Olympia, Tokio 2020. Davon, die Briten zu bezwingen. Dann sagt er: „Es geht weiter, immer weiter.“

STIMMEN

Ulrike Sennewald (27), ehemalige Trainingspartnerin von Hannes Ocik und Olympia-Teilnehmerin: Ich haben Hannes in jedem Rennen die Daumen gedrückt. Er ist ein herausragender Sportler, der seit vielen Jahren fokussiert am seinem großen Ziel gearbeitet hat. Ich freue mich sehr für ihn.

Tom Gröschel (24), Ocik-Freund und Mittelstreckenläufer vom TC Fiko Rostock: Hannes muss nicht enttäuscht sein. Silber beim ersten Olympia-Start ist ein Traum-Ergebnis. Es wird ihn motivieren, beim nächsten Mal Gold zu holen. Dann hat er noch mehr Erfahrung.

Traudi Landrat, langjährige Betreuerin von Hannes Ocik am Internat Rostock: Ich habe so sehr mitgefiebert. Hannes war auf Gold aus. Ich denke, mit ein bisschen Abstand wird er sich freuen. Die Silbermedaille wird ihn anstacheln.

Christian Lüsch

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