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Spur der Väter

Heiligendamm Spur der Väter

Der Schauspieler Heinrich George passte sich im Dritten Reich an, der Kommunist Max Emendörfer ging in den Widerstand. Beide trafen sich nach 1945 im Internierungslager der Sowjets. Spiegel-TV beleuchtet ihr Leben — und nähert sich den Männern über ihre Söhne.

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Max Emendörfer mit seinem Sohn Jan im Jahr 1967 in einem Strandkorb in Heiligendamm.

Heiligendamm. Es geht um eine Haltung. Gerade in Zeiten von Diktaturen. Mit dieser Grundthese arbeitet Spiegel-TV Geschichte am Beispiel zweier Männer und ihrer Söhne auf. Es ist die wohl ergiebigste Form, sich Historie zu nähern. Geschichte, erzählt an den Menschen und ihren Lebenswegen, an den Schicksalen. Das History-Programm von Spiegel-TV hat sich zwei Männer vorgenommen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, sich aber unter traurigsten Umständen kennenlernten.

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Max Emendörfer mit seinem Sohn Jan im Jahr 1967 in einem Strandkorb in Heiligendamm.

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Heinrich George (1893-1946), Ufa-Star in den 20er-Jahren, später Vorzeigeschauspieler bei den Nazis. Max Emendörfer (1911-1974), deutscher Widerstandskämpfer gegen die Nazis, später Vorzeigekommunist und Journalist in der DDR. Beide kamen nach 1945 durch unterschiedliche Umstände in Haft der Sowjets — im Speziallager Nr. 7 in Sachsenhausen. George überlebte die Haft nicht. Emendörfer wurde nach Sibirien deportiert, kam erst im Januar 1956 zurück und lebte — von der DDR halbherzig rehabilitiert bis zu seinem frühen Tod in Heiligendamm.

Spiegel-TV nähert sich diesen Personen der Zeitgeschichte über ihre Söhne, den Schauspieler Götz George (74) und den Journalisten Jan Emendörfer (49), bis 2012 Chefredakteur der OSTSEE-ZEITUNG, jetzt Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung. Beide Söhne beschäftigen sich, völlig unterschiedlich, mit ihren Vätern. Emendörfer sagt: „Als mein Vater starb war ich elf. Seit meiner frühen Jugend setze ich mich mit seinem Leben auseinander. Eigentlich möchte man auch mal loslassen. Aber es kommt immer wieder etwas Neues hoch.“

Jan Emendörfer hat 1997 das Buch „Verfemt. Mein Vater Max Emendörfer“ geschrieben. Götz George hat jetzt in dem Film „George“ mitgewirkt, in dem er seinen eigenen Vater spielt. Und das ist der Punkt, an dem Spiegel-TV ansetzt. Michael Kloft (52), Leiter des Programms Geschichte, beschäftigt sich seit Jahren mit den Leben von Heinrich George und Max Emendörfer. Er erinnert sich, dass Götz George schon seit Jahren davon träumt, seinen Vater zu spielen. „Götz George sagte damals, dieser Film werde ein 1-A-Freispruch für seinen Vater. Das hat mich gereizt.“

Als Gegengewicht zu dem Film „George“ (22. Juli Arte; 24. Juli ARD), will Kloft seine Arbeit dennoch nicht sehen. „Damit würde ich mich überbewerten. Aber ich glaube, dass man das etwas anders erzählen kann, als die Brüder Götz und Jan George das sehen.“

Der ARD-Streifen geht offenbar in die Richtung, Heinrich Georges Verstrickungen aus Sicht der Söhne zu erklären. Der Vater habe keine Wahl gehabt. Bei der Präsentation sagte Götz George in Berlin über seinen Vater: „Er wurde benutzt, und er ließ sich benutzen.“ Zeitgenossen spricht Götz George zum Beispiel das Recht ab, seinen Vater überhaupt zu bewerten. Dafür hält er alle lebenden Journalisten schlicht für zu klein.

Michael Kloft sagt: „All das, was Heinrich George gemacht hat“ (Wochenschau, den Propagandafilm „Kolberg“ und den antisemitischen Hassstreifen „Jud Süß“), „das musste man nicht machen. Aber deshalb hätte man ihn auch nicht nach Sachsenhausen stecken müssen.“ 20 000 der 50 000 nach 1945 in Sachsenhausen Inhaftierten starben dort.

George habe sich von der Propaganda der Nazis instrumentalisieren lassen. Dass es anders ging, zeige das Leben Max Emendörfers. Während der eine, George, im Frankfurt der 20er Jahre Karriere macht, muss sich der andere durchschlagen, wird Schuhmacher und überzeugter Kommunist. Max Emendörfer wurde von der Gestapo verfolgt, in Esterwegen und Sachsenhausen inhaftiert. Die Gestapo wollte ihn als Spitzel anwerben. Er jedoch meldete sich, kaum auf freiem Fuß, an die Ostfront, und dort, kaum auf russischem Boden, floh er zu den Sowjets, die nicht an einen Überläufer glaubten und ihn wieder inhaftierten. Später wird er in Moskau Mitbegründer des von den Russen initiierten Nationalkomitees „Freies Deutschland“, sitzt als Prolet zwischen Generälen wie von Seydlitz und Daniels und Funktionären wie Pieck und Ulbricht.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wird Emendörfer am 10. August 1945 in Berlin verhaftet. Er kam ins Internierungslager Hohenschönhausen und später wieder nach Sachsenhausen. In beiden Lagern war auch Heinrich George inhaftiert, weil er „sein Können in den Dienst des Faschismus gestellt“ hatte, wie es später in der DDR hieß. Im Lager kreuzten sich die Wege des Schauspielers und des Kommunisten. Jan Emendörfer schreibt in seinem Buch über eine Episode in Sachsenhausen: „Kurz vor seinem Tod am 16. September 1946 schenkte George, der von der Lagerhaft schwer gezeichnet und gerade am Blinddarm operiert worden war, Emendörfer seine goldene Taschenuhr. Mit den Worten: ‘Hier, Max, nimm du sie, ich kann sie ja doch nicht mehr brauchen‘, überreichte George sein letztes noch verbliebenes Erinnerungsstück.“

Bei der Aufarbeitung des Lebens seines Vaters ging es Jan Emendörfer nach eigenen Worten nicht um Heldenverehrung. Eher ums Verstehen, Erinnern, Bewahren. Dass der Vater in der DDR eine ungewöhnliche Figur war, hat er als Kind registriert, wenn der Alte zum Beispiel russische Offiziere auf das Anwesen in Heiligendamm zur Grillparty lud und Soldaten auf der Zieharmonika spielten. „Da hab‘ ich zum ersten Mal russische Schaschlikspieße probiert.“ Aber die komplexe Rolle des Vaters und seinen außergewöhnlichen und tragischen Lebensweg verstand er erst später: „Mein Vater war ja in der Endphase der DDR ein glorifizierter Antifaschist. Aber dass der auch von seinen eigenen Leuten weggesperrt wurde, und insgesamt 13 Jahre seines Lebens in Lagern verbracht hat, das war völlig tabuisiert und das habe ich erst später herausgefunden. Die ganze Sache mit Sibirien — das wusste hier in Heiligendamm keiner.“ Filmemacher Kloft sagt: „Mich interessieren diese beiden Wege von George und Emendörfer. Der eine hat eine Haltung, kämpft sich durch. Der andere ist ein Star, passt sich an.“ Und beide landen nach dem Krieg im Lager Sachsenhausen.

Heinrich George — Die wahre Geschichte: Sky-Kanal Spiegel Geschichte 18. Juli (Teil 1); 23. Juli (2) 23 Uhr.

Vater und Sohn Journalisten
Max Emendörfer wurde am 2. November 1911 in Tübingen geboren. In Frankfurt lernte Emendörfer den Beruf des Schuhmachers. Dort trat er 1931 auch der KPD bei. Nach der Machtübernahme der NSDAP wurde er mehrfach verhaftet und in Sachsenhausen inhaftiert. Die Gestapo versuchte den jungen Kommunisten als Spitzel zu gewinnen. Um diesen Anwerbeversuchen zu entgehen, meldete er sich 1941 an die Ostfront. 1942 desertierte er und meldete sich freiwillig bei der Roten Armee. 1943 wurde er erst Mitglied und später Vizepräsident des in Moskau gegründeten Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD). Nach seiner Rückkehr im August 1945 nach Berlin wurde er verdächtigt, V-Mann der Gestapo gewesen zu sein, verhaftet und von den Sowjets ebenfalls in Sachsenhausen inhaftiert. 1952 wurde er zu zehn Jahren Verbannung in Sibirien verurteilt. Nach seiner Entlassung 1956 lebte Emendörfer zuerst in Halle, wo er Redakteur der SED-Bezirkszeitung „Die Freiheit“ wurde, und in Heiligendamm, wo er am 18. Juni 1974 starb. 1990 wurde er endgültig rehabilitiert.

Jan Emendörfer wurde am 1. August 1963 in Halle/Saale geboren. Er absolvierte eine Ausbildung zum Baumaschinisten, wurde Wirtschaftsredakteur von „Die Freiheit“ in Halle und 1990 Redakteur der OSTSEE-ZEITUNG. 1999 wurde Emendörfer Mitglied der Chefredaktion der OZ und 2008 deren Chefredakteur. Seit April 2012 ist er Chefredakteur der Leipziger Volkszeitung. Er lebt in Leipzig und Heiligendamm.

 

 

Michael Meyer

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