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Nachrichten Südsudan — Warten auf die Katastrophe
Nachrichten Südsudan — Warten auf die Katastrophe
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02:25 29.03.2014

Juba — Für Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (58, CSU) ist es „der schlimmste Ort dieser Erde, den ich kenne“. Und eben hier hat er seine bisher radikalste Absage an militärische Auslandseinsätze auch der Deutschen formuliert. „Wir werden Aggressionen niemals stoppen, wenn wir nicht endlich mehr Mittel in den zivilen Aufbau stecken als in militärische Maßnahmen“, sagte er im Südsudan.

Müller besuchte auf seiner Reise in den Südsudan und nach Mali zunächst das schrecklichste Flüchtlingslager dieser Zeit. In Tomping, direkt am Rande des Flughafens der südsudanesischen Hauptstadt Juba, vegetieren derzeit zehntausende Flüchtlinge. Sie brachten sich nach dem 15. Dezember überhastet bei den Vereinten Nationen in Sicherheit, aus Furcht vor einem noch immer nicht beendeten parteipolitisch motivierten Massaker, das sich aus der früheren Unabhängigkeitsbewegung des Landes heraus entwickelte.

Angesichts katastrophaler hygienischer Zustände rechnen die UN-Helfer demnächst mit Cholera, Ruhr, Malaria und sozialen Unruhen. Wenn Ende April die Regenzeit beginnt, droht das Lagergelände innerhalb der UN-Basis von Juba zu einem einzigen hochinfektiösen Schlammteppich zu werden. „In der Pipeline steckt die Katastrophe“, sagt selbst Hollyn Hamond aus Georgia, USA.

Dabei sei dieses Lager, das keinerlei Mindeststandards der internationalen Flüchtlingshilfe genügt, „noch die beste Spitze eines ganz schrecklichen Eisberges“ im Südsudan. Das Land, weitgehend ohne Straßen, ohne Telefon, ohne Strom, ist mit diversen unrühmlichen Weltrekorden ausgestattet. Über vier Millionen Menschen sind direkt von Nahrungshilfe abhängig, es geht um Leben und Tod. Dabei ist das Land grün, es galt einmal als „der Brotkorb“ der gesamten Region. Aber in einem Staat ohne Infrastruktur, zerfranst durch ethnisch aufgeheizte Machtkriege parteiischer Machos, ist zurzeit die Überlebensfrage wichtiger als die zeitaufwendige Hilfe zur Selbsthilfe. Nirgendwo sonst ist die Müttersterblichkeit größer und die Wahrscheinlichkeit höher, noch vor Ende der Schulausbildung durch Unterernährung zu sterben. Seit mehr als vier Jahrzehnten herrscht Krieg, Bürgerkrieg, Flüchtlingsdesaster. 180 Ärzte kommen auf knapp elf Millionen Südsudanesen. Die Einnahmen aus den Ölexporten fließen zu 95 Prozent in den Militärhaushalt.

Die jüngste Flüchtlingswelle ist das Ergebnis eines Parteikrieges zwischen Staatspräsident Salva Kiir und seinem geschassten Vize Riek Machar. Zwei Unabhängigkeitskämpfer früherer Jahre haben Ethnien instrumentalisiert. Unterhändler verhandeln im wohl ausgestatteten Addis Abeba.

Zuhause, insbesondere im Nordosten des Landes, da wo auch die sprudelnden Ölquellen liegen, bellen Gewehrsalven von hüben nach drüben. Als der Afrikabeauftragte der Bundeskanzlerin, Günter Nooke (CDU), vor einiger Zeit seinen Antrittsbesuch in Juba beim Präsidenten mit dem ledernen Cowboyhut als Markenzeichen abstattete, begrüßte ihn dieser mit freudigem Gesicht. „Wir schießen alle mit deutschen Waffen“, sagte er. Deutschland ist also in der Region schon sehr gut vertreten. Unter Wüstenbedingungen lässt sich immer noch viel mit alten Produkten aus dem thüringischen Suhl anfangen, auch mit dem in Nachbarstaaten gefertigten deutschen G3-Gewehr.

„Wir kümmern uns da, wo die Not am größten ist“, rät Nooke. Zehn Millionen Euro an Flüchtlingssoforthilfe sollen jetzt zur Verfügung gestellt werden. Minister Müller will sich darum kümmern, sobald er wieder daheim ist. Ganz deckungsgleich mit Müller ist auch Nooke auf Abwehr zu den ständigen Rufen nach deutschem Militär in Afrika und anderswo gegangen: „Afrika ist nicht der Kontinent, auf dem man ausprobieren kann, wo man am schnellsten und am leichtesten deutsche Soldaten hinschicken sollte.“ „Der deutsche Beitrag ist enorm wichtig“, so startete die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in ihre Afrika-Mission zu Beginn dieses Jahres. Am 5. Februar führte das zu ihrem von der medialen Öffentlichkeit als wegweisend gefeierten Satz: „Ich fliege jetzt nach Afrika, um mir selbst ein Bild zu machen.“ Wenn derart Banales als heiße Meldung die Runde macht, dann hat es ein Minister natürlich schwer, dem nicht viel mehr bleibt, als sich ständig auch vor Ort im weltweiten Krisenreigen umzusehen, um daraus dann politische Schlussfolgerungen für die Entwicklungszusammenarbeit zu ziehen.

15 Bundeswehrsoldaten und sieben Polizisten sind zurzeit im Südsudan. Sie berichten übereinstimmend von der bedrohlich wachsenden Gefahr einer ganz großen humanitären Katastrophe. Das UN-Flüchtlingskommissariat hat eine dramatische Unterfinanzierung der Hilfsprogramme bilanziert. Für Südsudan heißt das: 1,27 Milliarden Dollar sind notwendig, momentan fehlen noch 1,01 Milliarden.

Sollte Deutschland die nach dem Dezember-Krieg gestoppte Projekthilfe wieder aufnehmen, verlangt Müller vom Südsudan eine Co-Finanzierung. Angesichts der Mittel für das Militär sei das machbar.



Dieter Wonka

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