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Analyse: VW stellt sich Kraftakt der Krisenbewältigung

Wolfsburg Analyse: VW stellt sich Kraftakt der Krisenbewältigung

Die Botschaft der VW-Obersten ist klar: Die monatelange Schockstarre der Abgas-Krise ist vorüber. Konzernchef Müller kündigt fundamentale Veränderungen an - aber nicht mit dem „Megafon vom Balkon“.

Wolfsburg. Eigentlich müsste langsam Schluss sein mit der Abgas-Krise. VW-Chef Matthias Müller braucht Unsummen, um bisher verschlafene Branchentrends aufzuholen - doch er wird den Bremsklotz noch nicht los.

Die Milliardenkosten und der Imageverlust durch „Dieselgate“, weiter nicht vorhersehbare juristische Risiken, dazu das streng hierarchische System der Vergangenheit - er muss an allen Fronten gleichzeitig kämpfen. Müller wählt die Flucht nach vorne, Angriff als Verteidigung.

Bei der Vorlage der schlimmsten Bilanz der Konzerngeschichte am Donnerstag versucht er Aufbruchstimmung zu verbreiten: „Wir lassen uns von der Krise nicht lähmen.“ Die gesamte Autowelt ist angesichts von alternativen Antrieben und Digitalisierung im Wandel - VW darf nicht zu spät kommen.

Um die Zeitenwende zu bewerkstelligen, muss auch ein neuer Führungsstil bei VW her. Müller will nun endgültig mit dem zentralistischen Führungsprinzip unter seinem Vorgänger Martin Winterkorn brechen. Europas Branchenprimus will künftig mehr denn je dezentraler arbeiten, Verantwortung delegieren, rascher agieren und: mit Mut Neues wagen. „Das kommt bei uns einem Paradigmenwechsel gleich, aber der Kraftakt wird sich lohnen“, sagt Müller. Doch springt der Funke über? Und was will Müller umstellen?

„Die Rekordjagd der vergangenen Jahre ist zumindest unterbrochen“, räumt er ein. Aber: „Um es klar zu sagen: Mich bekümmert das nicht im Geringsten. Wir verfolgen in diesem Jahr eine andere Agenda - und justieren unsere Prioritäten neu.“ Neue Prioritäten, andere Agenda - der VW-Kompass ist nicht mehr richtig genordet. Statt immer neue Bestmarken auszurufen, sind die Töne nun leise, die Wolfsburger wollen sich schlicht „solide entwickeln“. Zu der neuen Bescheidenheit sagte Müller: „Diese Jahresprognose ist nicht das „Höher - Schneller - Weiter“, das Sie von Volkswagen kannten.“ Doch wenn es nicht mehr nur um Quantität geht, was ist dann die neuen Qualität, die Müller will?

Den großen Wurf dazu will der Vorstandschef erst im Juni vorstellen, mit seiner Strategie 2025, die Winterkorns Strategie 2018 ablöst. Doch Müller ließ erste Eckpfeiler durchblicken. Einer davon: VW will für das Zukunftsfeld Mobilitätsdienstleistungen ein eigenes Tochterunternehmen gründen.

Und sein zentrales Thema seit seinem Amtsantritt: Jeder soll sich verantwortlicher fürs große Ganze fühlen und über den Tellerrand schauen. „In der Vergangenheit wurde bei uns stark nach Funktionen gearbeitet: Die Entwicklung entwickelt, die Beschaffung beschafft, die Produktion produziert“, sagte Müller. „Auch kleinere Entscheidungen wurden häufig vom Vorstand oder Vorstandsvorsitzenden selbst getroffen.“

Damit solle in Zukunft nun Schluss sein, die Marken und sogar die einzelnen Baureihen sollen selber entscheiden und dann auch die Gesamtverantwortung tragen. Einmal mehr ist von einer neuen Führungskultur die Rede und von Geduld bei der Umsetzung. Es reiche nicht aus, „sich mit einem Megafon auf den Balkon zu stellen“ und diese Kultur auszurufen.

Von Wolfsburg aus habe man sich jahrelang angemaßt zu wissen, welche Autos die Bedürfnisse der Märkte in Südamerika treffen, schimpft Müller. Und nun gebe es die Quittung: Es fehle dort das richtig Angebot. Die Lehre daraus: Mehr Freiheit und Verantwortung für die Leute am Ort.

So will Müller VW zum „allumfassenden Mobilitätsdienstleister“ umbauen. Dazu gehören: Mehr Elektroautos, mehr Internet im Auto, mehr miteinander vernetzte Fahrzeuge, mehr individuelle Mobilität, mehr Geschäfte mit IT und Software - und am Horizont das Zukunftsthema autonomes Fahren. Bei einigen Trends hinkt VW hinterher, aber der Diesel-Skandal soll zur Chance werden, um die notwendigen Reformen zu beschleunigen. Aus dem Silicon Valley hat sich Müller als neuen Digitalstrategen den früheren Apple-Manager Johann Jungwirth geholt, Spitzname „Jay Jay“ - eine Schlüsselfigur.

Volkswagen steht mitten in diesem Wandel aber vor einem Spagat. Der Weltkonzern muss Milliarden in E-Mobilität und Digitalisierung stecken. Zu allem Überfluss schlägt nun auch noch die milliardenteure Abgas-Krise ins Kontor. Gut 16 Milliarden Euro hat VW dafür schon zurückgestellt. Das Ende der Fahnenstange ist bisher noch nicht absehbar. Die Wirtschaftsprüfer haben in der Bilanz schon festgehalten, dass diese Fragezeichen groß seien.

Kein Wunder, dass die Stimmung in Wolfsburg hochnervös ist. Es drohen Konflikte mit dem mächtigen Betriebsrat, denn längst geht es auch um die Arbeitsplätze. Mehr als 3000 Bürojobs im Bereich der 120 000 VW-Haustarifbeschäftigten sollen wegfallen, wenn auch sozialverträglich, etwa über Altersteilzeit.

Aber harte Kursänderungen im Geschäftsmodell sind für Volkswagen eigentlich ohne Alternative. Wegen strengerer Umweltvorschriften muss die Branche alternative Antriebe wie den Elektromotor mit Wucht vorantreiben - und das kostet zunächst, daran ändern die jüngst auch hierzulande beschlossenen Kaufprämien wenig. Denn bislang verdient noch keiner in der Branche Geld mit Elektroautos.

Das Image von VW ist angekratzt, das räumt inzwischen auch Müller ein. Aber er will den Konzern endlich aus der Starre nach dem Abgas-Skandal befreien und in die Vorwärtsverteidigung gehen: „Wir werden kämpfen, um jeden Kunden und um jedes Auto.“

dpa

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