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Die Spur der Steine

Hameln Die Spur der Steine

Gunter Demnig ist der Mann, der Europa mit Zehntausenden Stolpersteinen bepflastert. Sie sollen an die verfolgten und ermordeten Juden im Nationalsozialismus erinnern. Was treibt ihn an? Ein Arbeitsbesuch.

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Hameln. Der rote Kleinbus rumpelt aufs Pflaster der Fußgängerzone, vor der Menschentraube bleibt er stehen. Ein Mann steigt aus, den Stetson tief ins Gesicht gezogen, rotes Halstuch, Weste mit vielen Taschen. Er geht ums Auto und öffnet die Hecktüren, aber die Menschen beachten ihn nicht. Zu ihnen spricht der Bürgermeister von Hameln, anschließend halten Schüler Referate über Menschen, die einst im Haus hinter ihnen lebten und dann nicht mehr. Der Mann mit Hut trägt Kelle, Mörtel und einen goldglänzenden Stein heran und macht sich ans Werk; ans Erinnerungswerk.

Er heißt Gunter Demnig, 67 Jahre alt, aus Köln. Er bepflastert die Republik mit Stolpersteinen — jenen Betonquadern mit einer Oberseite aus Messing, die im Telegrammstil Auskunft gibt über das Schicksal von Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben, ermordet wurden. „Hier wohnte ...“, „hier wirkte ...“, „hier lernte ...“— so beginnt der Text, gefolgt vom Namen des Opfers, seinem Geburtsjahr, Deportationsjahr, Todesort. Manche halten die Stolpersteine für eine Initiative der Bundeszentrale für Politische Bildung oder sonst einer offiziellen Stelle. So sehr scheint sich das Projekt schon institutionalisiert zu haben, was verständlich ist angesichts der mehr als 50000 verlegten Steine. „Nee, nee“, sagt Gunter Demnig, und sein leicht spöttisches Lächeln lässt wiederum auf Steine schließen, die ihm von offizieller Seite in den Weg gelegt worden sind, „das ist mein Kunstwerk.“ So sieht er sich: ein Künstler, der jenen ihre Namen zurückgibt, die von den Nationalsozialisten zu Nummern entwürdigt wurden. Das Erinnern an Tod und Vertreibung ist Demnigs Lebenswerk.

Ein endloser Road Trip

Seit 20 Jahren schon ist der Bildhauer mit seinem Werkzeug und den Steinen im Kleinbus unterwegs. Ein endloser Road Trip, am Abgrund der Geschichte. In jüngster Zeit aber werden seine Termine zahlreicher und die Wege länger. 2014 war er 265 Tage auf Achse, manchmal suchte er drei, vier Orte pro Tag auf. In Deutschland, aber auch in den Niederlanden, in Polen, Norwegen, Österreich, Rumänien, Tschechien.

Sein Terminkalender spiegelt das ungeheuerliche Ausmaß der NS-Vernichtungspolitik. Aber Demnig hat eine weitere Erklärung dafür, dass ausgerechnet jetzt so viele lokale Initiativen, Schulen, Gemeinden und Privatleute die 120 Euro pro Stein zahlen und ihn zu sich einladen. „Die Generation der Täter und der Opfer sprach nicht über ihre Erlebnisse“, sagt er. „Jahrzehntelang wurde geschwiegen, aber das ist jetzt vorbei. Die heutigen Jungen wollen wissen, was geschehen ist.“ Ist das so? Erst kürzlich hat die Bertelsmann-Stiftung zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung eine Studie veröffentlicht, wonach 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung gern „hinter sich lassen“ würden. 58 Prozent möchten einen „Schlussstrich“ ziehen. „Das deckt sich nicht mit meiner Erfahrung“, sagt Demnig an diesem trüben Wintermorgen in Hameln und deutet auf die Schülergruppe, die gleich, bei der nächsten von insgesamt 20 Steinverlegungen an diesem Tag, aus dem Leben weiterer NS-Opfer berichten wird. „Mit der monströsen Zahl von sechs Millionen Holocaust-Opfern können die im Geschichtsunterricht doch nichts anfangen — wer kann das schon? Sobald aber vom Einzelschicksal die Rede ist, sind sie interessiert und betroffen.“

Demnigs Geschichtsunterricht endete mit der Weimarer Republik. Der Vater hat über seine Zeit als Besatzer in Frankreich geschwiegen. Am Sterbebett rief er aus, er sei im KZ. „Mein Geschichtslehrer war Rudi Dutschke“, sagt Demnig. „Ich hab‘ den noch in der Berliner Falken-Baracke reden hören.“ Er malte damals US-Flaggen mit Totenköpfen, was ihm einige Tage in Haft einbrachte. Seine Kunst war immer schon politisch, sagt er und bezweifelt, dass es überhaupt so etwas wie unpolitische Kunst geben kann. Die Stolpersteine sind sein Beitrag zur Überwindung des Schweigens, wie es damals bei ihm zu Hause herrschte.

Die ersten 7000 Steine hat Demnig noch selbst gegossen. Inzwischen aber ist die Anfrage so groß und die Organisation so aufwendig, dass er ein Team von fünf Leuten um sich geschart hat, darunter ein Bildhauer, der in Berlin die Steine herstellt. Dass die nun immer häufiger im Ausland verlegt werden, erklärt er mit dem Stand der Aufarbeitung dort. Immer neue Erkenntnisse treten zutage, und Demnig staunt über die vielen unbeleuchteten Folgen der NS-Gewaltherrschaft. „Im September war ich in der griechischen Stadt Thessaloniki, wo einst eine jüdische Mädchenschule war. Von einem Tag auf den anderen verschwanden alle 174 Schülerinnen. Oder neulich, in Rom: Dort verlegte ich Steine für zwölf Carabinieri. Sie hatten sich geweigert, der SS beim Aufspüren von Juden zu helfen, und wurden deportiert.“

Ausgerechnet ein Deutscher

Ob die Leute das nicht seltsam finden, dass ausgerechnet ein Deutscher sie an die Vergangenheit erinnert? „Im Gegenteil“, sagt Demnig, „immer wieder höre ich: Schön, dass endlich mal ein Deutscher zu uns kommt und mit uns der Opfer gedenkt.“ Nicht jeder mag, was Demnig macht. München zum Beispiel ist für ihn tabu, weil Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, sein Projekt „unerträglich“ findet. Die eingravierten Namen Ermordeter würden mit Füßen getreten, argumentiert die Münchnerin Knobloch, einige jüdische Gemeinden sehen es ähnlich.

Künstler und Kunstkritiker werfen Demnig wiederum ein allzu plakatives Werk vor, was er auch gar nicht bestreitet.

„Klar sind die Stolpersteine plakativ, deswegen sind sie als Mahnmal auch besser geeignet als abstrakte Gedenkstätten, wo zweimal im Jahr Kränze abgelegt werden, und das war‘s. Die Steine sind alltäglich und konkret, und jeder weiß sofort, was gemeint ist, anders als beim Holocaust-Denkmal in Berlin.“ Anders als beim Monument für die ermordeten Juden Europas richten sich die Stolpersteine an alle Opfergruppen. Was aber nicht heißt, dass Demnig jede Anfrage umsetzt.

Reich sei er nicht geworden, sagt er. Aber er hat 50 000 Euro gespart und damit eine Stiftung gegründet. Sie soll sein Werk fortsetzen, wenn er es eines Tages nicht mehr kann. Mag sein, dass er sich mit jedem Stolperstein auch selbst ein Denkmal setzt. Vor allem aber ist seine Kunst ein Wettlauf gegen das Vergessen. Gunter Demnig und sein roter Bus sind unaufhaltsam.

Leise Kritik an den Gedenkplatten
Die Stolpersteine sind weithin akzeptiert. Vor allem halten sie auch die meisten jüdischen Gemeinden im Land für eine angemessene Form des Gedenkens. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte über sie jüngst in einer Rede: „Die kleinen Messingsteine lassen uns immer wieder mitten im Alltag innehalten: Wir beugen uns hinunter, um den Namen lesen zu können. Wir verbeugen uns vor den Menschen, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Und uns wird bewusst: Sie lebten hier, mitten unter uns.“
Doch Schuster findet auch kritische Worte über das Projekt. So missfällt ihm, dass Demnig auf einigen Steinen die NS-Sprache aufgreift. Unter den Namen stehen dann zur Erläuterung Worte wie „Rassenschande“; „Gewohnheitsverbrecher“; „Volksschädling“. Schuster spricht von „demütigenden Bezeichnungen“, bei denen die Gefahr groß sei, dass sie missverstanden würden. Der Bildhauer Demnig will jedoch daran festhalten, um, wie er sagt, „deutsche Geschichte unverfälscht zu dokumentieren“.
Ausstellungen und Aktionen

1947 wurde Gunter Demnig in Berlin geboren. Er studierte Kunstpädagogik und Industrial Design, war u. a.
künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel und hat seit 1985 ein Atelier in Köln.


1990 hat er eine erste Aktion zur Erinnerung an die Deportation von Sinti und Roma aus Köln im Jahr 1940 gemacht, 1993 folgte der Entwurf zum Projekt Stolpersteine.


Demnig hat diverse Kunstaktionen bestritten und kann auf zahlreiche Ausstellungen verweisen: von Frankfurt am Main bis Budapest, von Göttingen, Stuttgart oder Köln bis Leningrad und Moskau.

 



Marina Kormbaki

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