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Durchgefallen! Das deutsche Schulsystem

Schwerin/Rostock Durchgefallen! Das deutsche Schulsystem

In den 16 Bundesländern herrscht Wildwuchs an Regeln und Leistungsstandards, Noten und Abschlüsse sind kaum vergleichbar. Beim Abitur soll sich das jetzt ändern.

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Hier wird es deutlich: In Hessen (rechtes Zeugnis) können Schüler mit deutlich schlechteren Noten ihren Hauptschulabschluss schaffen als in Mecklenburg-Vorpommern. Bildungspolitiker machen sich jetzt für einheitliche Standards stark. Arthur (l.) und Hannes aus Rostock, die für das Symbolfoto den Spaß mitmachen, haben selbst viel bessere Zensuren. Montage: Söllner/Zill

Schwerin. Michel (16) aus Lübeck hat eine Fünf auf dem Zeugnis, Grit (16) aus Rostock zwei, Peter (16) aus Wiesbaden vier. Michel und Grit schaffen den Hauptschulabschluss vielleicht — oder nicht, Peter schon. Das deutsche Schulsystem ist ein Dickicht unterschiedlichster Regeln und Standards. Und es ist alles andere als fair. Jedes der 16 Bundesländer geht eigene Wege bei Benotung, Stundentafeln, Schulformen. Nicht mal die Prüfungen sind gleich; und gewichtet werden deren Ergebnisse sowieso unterschiedlich. Wie sollen dann die Zeugnisse vergleichbar sein? Unmöglich, räumen Bildungsminister verschiedener Bundesländer ein. Vielleicht sogar gewollt, mutmaßen Experten. Sie und viele Eltern wollen dies ändern.

Schule ist in Deutschland nicht gleich Schule. Genau genommen gebe es schon mal mehr als 200 Schulformen von der Nordsee bis zum Bayrischen Wald, sagt Wolfgang Pabel, Vertreter des Bundeselternrates. Vor allem im Bereich der Mittelschule herrsche politisch gesteuerter Wildwuchs. Schüler verlassen in einzelnen Bundesländern die Penne mit stark unterschiedlich ausgeprägtem Wissen, Kompetenzen und Zensuren, die keinem Vergleich standhalten würden. Eine Veränderung scheitere am föderalen System. Die Verantwortlichkeit der Länder für Schulbildung hat die Zukunft des Landes fest im Griff: Je nachdem wo Kinder wohnen, sind ihre Chancen auf einen guten Abschluss sehr unterschiedlich — und damit der Anschluss an Ausbildung oder Studium. Bei Schulabschlüssen werden zum Beispiel unterschiedliche Notenmaßstäbe angelegt (siehe Vergleich Hauptschulabschluss). Fächergewichtungen unterscheiden sich. Auch die Zahl von Unterrichtsstunden und die Lerninhalte sind zwischen Flensburg und München verschieden. Manche Länder vergeben das Abitur nach zwölf, andere nach 13 Jahren. Eine Note gibt es hier bei weniger, da bei mehr Prozent der Leistung. Selbst bei der Strenge sollen sich Lehrer länderspezifisch unterscheiden — Ermessensspielraum. „Das Bildungssystem ist unfair“, sagt Pabel. Gründe sehe er auch in einer „Lehrer-Lobby“. Pädagogen wollten sich nicht in die Karten schauen lassen. Politiker gäben elterlichem Drängen nach, wenn der Spross doch Abitur machen soll. So schwankt die Abiturienten-Quote von Bundesland zu Bundesland erheblich. Pabel fordert: „Wir brauchen dringend Kriterien, um Schule vergleichbar zu machen.“ Etwas ändern will auch Mecklenburg-Vorpommerns Minister Mathias Brodkorb (SPD) über die Konferenz aller Kultusminister.

Vor zwei Jahren ließ er die Anforderungen anziehen. „Es reicht nicht, dass viele Schüler den Abschluss schaffen“, sagt Brodkorb. „Es sollen viele Schüler einen guten Abschluss schaffen.“ Dazu sei Wissen erforderlich.

Wissen oder Kompetenzen? Das ist noch ein anderer Streit im Schulsystem. Hans Peter Klein, Didaktik-Professor an der Goethe-Universität Frankfurt/M., spricht von „Ost-West-Gefälle“. Während in alten Bundesländern durch reformpädagogischen Einfluss in zurückliegenden Jahren vor allem die Förderung von Kompetenzen im Vordergrund gestanden habe, setzten viele Lehrer im Osten auf die vorrangige Vermittlung von Fachwissen. Zugespitzt: Auf der einen Seite lernen Schüler, wie man in einer Frage die Antwort findet, auf der anderen lernen sie auswendig. Klein und seine Kollegen versuchen gerade, die Abituranforderungen bundesweit zu vergleichen. „Ein schwieriges Unterfangen, denn viele Bundesländer sind genau daran nicht interessiert“, sagt er.

Der Vergleich zwischen den Leistungsergebnissen sei schwer zu interpretieren, sagt Prof. Petra Stanat, Leiterin des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität Berlin. „Denn Bremen zum Beispiel hat eine andere Schülerklientel als Schleswig-Holstein, da unter anderem der Migrantenanteil höher ist.“ Das IQB testet regelmäßig die Kompetenzen deutscher Schüler in Mathematik, Naturwissenschaften und Deutsch. Da gebe es erhebliche Unterschiede. Stanat warnt jedoch davor, Schulsysteme nur anhand „oberflächlicher Faktoren“ zu bewerten. „Wichtig ist am Ende nur, dass sich die erreichten Kompetenzen annähern.“

Beim Abitur könnte es bald einen Schritt hin zu mehr Einheitlichkeit geben. 2017 soll ein gemeinsamer Aufgaben-Pool eingeführt werden, erklärt Thomas Jackl vom Bildungsministerium MV. Er war federführend, als Kriterien beleuchtet wurden. Ergebnis: Es sei schwer, Verbindlichkeit herzustellen, da jedes Land Liebgewonnenes in die neue Struktur retten wolle. Didaktiker Klein hält den Vorstoß

für „einen schlechten Scherz, um der Öffentlichkeit und Eltern Sand in die Augen zu streuen“.

Anforderungen der Bundesländer für die Hauptschule — ein Vergleich

Hauptschulabschluss mit einer 6 in den Hauptfächern Deutsch oder Mathe? Möglich, aber nicht überall. Vergleich von Standards in Bundesländern, Kriterien: erforderliche Mindestdurchschnittsnote;

erlaubte Anzahl von Noten nicht ausreichender Leistungen (5 oder 6):

Baden-Württemberg: 4,5; dreimal Note 5 und einmal Note 6 Bayern: 4,0 (ohne Sport); dreimal Note 5 oder einmal 5 und einmal 6 Berlin: 4,0; einmal Note 5 oder einmal Note 6

Brandenburg: 4,0; einmal Note 5 oder zweimal Note 5*

Bremen: keine Angabe; Leistung in zweiter Fremdsprache fällt raus; einmal Note 5 oder einmal Note 6 Hamburg: 4,0; einmal Note 5 oder einmal Note 6 (außer Deutsch, Mathe, Englisch)*

Hessen: keine Angabe; viermal Note 5 (in Ausnahmen 6), Note 6 in Deutsch oder Mathe möglich Mecklenburg-Vorpommern: 4,0; zweimal Note 5* (Ausgleich Deutsch, Mathe, erste Fremdsprache nur unter-

einander) Niedersachsen: 4,0; dreimal Note 5, auch Note 6 möglich*

Rheinland-Pfalz: 4,0; dreimal Note 5 (auch Note 6 möglich)*

Nordrhein-Westfalen: 4,0; einmal Note 5 und einmal Note 6 (ausgewählte Fächer) Saarland: 4,0; viermal Note 5, auch Note 6 möglich (außer Deutsch und Mathe) Sachsen: 4,0; dreimal Note 5*

Sachsen-Anhalt: 4,0; dreimal Note 5*

Schleswig-Holstein: 4,0; einmal Note 5*

Thüringen: 4,0; zweimal Note 5 oder einmal Note 6*

* nur mit Ausgleich durch Note 3 oder besser in anderem Fach Quelle: Bildungsexperten;

kein Anspruch auf Vollständigkeit



Frank Pubantz

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