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„Kinder sind Einflüssen der Werbung schutzlos ausgeliefert“

I.Family-Studie „Kinder sind Einflüssen der Werbung schutzlos ausgeliefert“

Viele Kinder in Europa sind zu dick - mit schlimmen gesundheitlichen Folgen. Forscher haben nun Tausende von ihnen über Jahre begleitet und festgestellt: Die Politik sollte mehr tun im Kampf gegen das Übergewicht.

Brüssel/Bremen. Ein Schokoriegel in der Pause, ein Softdrink nach der Schule und dann ab auf die Couch zum Fernsehen - dass Kinder mit einem solchen Alltag schnell dick werden können, liegt auf der Hand.

Doch selbst, wenn Eltern sie zum Sport animieren oder gesund kochen: Es gibt Risikofaktoren für Übergewicht, die Familien nicht in der Hand haben. Das haben Forscher nun in einer großen Langzeitstudie herausgefunden.

„Allein die Appelle ans gesunde Verhalten und ans gesunde Essen, die bringen es nicht“, sagt Wolfgang Ahrens. Der Gesundheitsforscher hat die I.Family-Studie mit rund 10.000 Kindern zwischen 7 und 17 Jahren in acht europäischen Ländern koordiniert. Er ist überzeugt: Auch die Politik trägt eine Verantwortung für die Gesundheit der Kinder.

Zuletzt gab es in Deutschland zwar ermutigende Nachrichten: Der Anteil übergewichtiger Kinder bei der Einschulung sei in den vergangenen Jahren gesunken, ermittelte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das sei vor allem der gestiegenen Sensibilität der Familien für die Ernährung zu verdanken.

Aber es bleibt dabei: Zu viele Kinder in Deutschland sind zu dick, je nach Bundesland zwischen 8,2 und 12 Prozent, so die DGE. Die jetzt vorgestellte Studie, die Kinder in Bremen untersuchte, kommt auf einen höheren Anteil von 16,5 Prozent. Dies sei aber nicht repräsentativ, sagt Ahrens. Insgesamt belegt Deutschland mehreren Studien zufolge einen Platz im europäischen Mittelfeld. Generell gilt: Je weiter man sich in Europa Richtung Süden bewegt, desto mehr dicke Kinder gibt es.

Besonders in Gefahr sind der I.Family-Studie zufolge Jungen und Mädchen aus sozial schwachen Familien - über alle Ländergrenzen hinweg. Die Forscher stellten in der Langzeitstudie fest: Nach sechs Jahren waren anfangs schlanke Kinder von Eltern mit niedrigem oder mittlerem Bildungsstand doppelt so häufig übergewichtig wie solche, die in Familien mit höherem Ausbildungsniveau lebten.

„Es bleibt dabei, dass insbesondere Bildung ein dominanter Einflussfaktor ist“, sagt Ahrens. Weniger gebildete Eltern achteten in der Regel seltener auf gesunde Ernährung, stellten seltener Regeln für Süßigkeiten und Sport auf. Und: Sie seien weniger kritisch gegenüber TV-Reklame. „Deren Kinder sind Einflüssen der Werbung schutzlos ausgeliefert“, sagt Ahrens. Er fordert eine stärkere Reglementierung von speziell auf Kinder zugeschnittener Reklame. Die freiwilligen Selbstverpflichtungen für verantwortungsvollere Werbung seitens der Industrie wirkten nicht. Eine Kritik, die die Verbraucherorganisation Foodwatch teilt.

Dabei beeinflusst Werbung das Essverhalten von Kindern stark, wie die Forscher in ihrer Studie belegen. Kinder greifen demnach häufiger zu Softdrinks und süßen oder fetten Speisen, wenn sie zuvor Werbung angeschaut haben - und zwar auch dann, wenn ihre Eltern das eigentlich verbieten. Und sie essen sogar Snacks, die sie eigentlich nicht mögen, bloß weil sie Werbung dafür gesehen haben.

Ein weiteres Arbeitsfeld für die Politik: Es müsse endlich durchgesetzt werden, dass in Schulen gesundes Essen auf den Tisch komme, sagt Ahrens.

Vielen Verantwortlichen sei vor allem wichtig, dass die Schulverpflegung preiswert sei, moniert Helmut Heseker, Ernährungswissenschaftler an der Universität Paderborn. Dann werde der Caterer mit dem günstigsten Angebot ausgewählt, statt der mit dem gesündesten. Die Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung würden oft nicht eingehalten. „Da ist noch viel Sensibilisierung nötig, bei der Politik, bei Eltern und Schulträgern“, sagt Heseker.

Und auch für mehr Bewegung könne die Politik etwas tun, sagt Studienkoordinator Ahrens. Stadtplaner müssten dafür sorgen, dass es draußen genug Platz zum Spielen und Toben gibt. „Wir konnten zeigen, dass Kinder, die in einer Umwelt wohnen, die viele Grünflächen bietet und gut mit Radwegen strukturiert ist, sich tatsächlich mehr bewegen.“

Generell lägen Deutschlands Kinder im oberen Mittelfeld, was die Bewegung angehe. Es fahren verhältnismäßig viele Kinder mit dem Rad zur Schule oder laufen. In anderen Ländern nähmen sie oft das „Mama-Taxi“ - etwa weil die Eltern um ihre Sicherheit fürchten. Derzeit schafft es der Studie zufolge nicht einmal ein Drittel der europäischen Kinder, sich eine Stunde am Tag zu bewegen, so wie es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt.

Natürlich können Eltern die Lebensweise ihres Kindes mitprägen, etwa indem sie Süßigkeitenregeln aufstellen oder mit ihnen etwas Sportliches unternehmen. „Aber bereits in der Schulzeit verlieren die Eltern stark an Einfluss“, sagt Ernährungsforscher Heseker. Und Ahrens bekräftigt: „Wenn wir die Familien nicht unterstützen, indem wir die äußeren Bedingungen verändern, dann greifen wir zu kurz. Letztlich lassen wir die Familien dann allein.“

dpa

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