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Rostocker Riese im Nadelöhr

Rostock/Kiel/Papenburg Rostocker Riese im Nadelöhr

Maßarbeit: An der Kieler Schleuse, dem Tor zum Nord-Ostsee-Kanal, schleppen Experten einen Schiffsrumpf, den die Neptun-Werft für Meyer in Papenburg fertigte

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Rostock/Kiel/Papenburg. Langsam schiebt sich der Stahlkoloss in die Schleuse Kiel-Holtenau. Ein bis zwei Stundenkilometer, mehr geht nicht. Gestern, 5.20 Uhr: Es ist dunkel, ein 165 Meter langer Schleppverband füllt die Kammer an der Mündung des Nord-Ostsee-Kanals. Lotse Martin Finnberg (47) ist elektrisiert: „Das ist ein Highlight für uns“, sagt er. Das breiteste Objekt, das bisher die Schleuse passierte. Ein Triumph über die Skepsis. Die Schlepper „RT Pioneer“ und „RT Innovation“ führen einen 4500 Tonnen schweren Schiffsrumpf an Stahlseilen.

Windstärke drei, leichter Wellengang: eine falsche Bewegung — und Schleuse oder Schiff nehmen Schaden. Denn das voll ausgestattete Maschinenraum-Segment ist mit 41,4 Metern gerade mal hundert Zentimeter schmaler als die Schleuse. Es kommt von der Neptun-Werft in Warnemünde mit Ziel Meyer-Werft Papenburg. Dort wird es Teil des 2017 fertigzustellenden Kreuzfahrtriesen „Norwegian Joy“ der „Norwegian Cruise Line“, einer Tochter des malaysischen Konzerns Genting, der gerade auch die Nordic-Yards-Werften in Wismar, Warnemünde und Stralsund übernommen hat. So ist der Stahlblock in der Kieler Schleuse auch Symbol für das Verschmelzen von Schiffbau an Nord- und Ostsee.

Kontakt. Ein lautes Schleifgeräusch ist zu hören. Der Schiffsrumpf, 102 Meter lang, hat die Schimmfender an der Nordseite gestreift. So soll es sein, beruhigt, Lotse Finnberg. Langsam müsse das Schiff an einer Schleusenkante geführt werden. Mitarbeiter auf dem Koloss haben die Bewegungen im Auge, weisen den Schlepper-Kapitän ein. „Das läuft sehr gut“, sagt Finnberg. „Ganz zärtlich.“ Die Schlepper-Crews der Firma Kotug aus Holland sind erfahren. Das Projekt Maßarbeit ist über Monate vorbereitet — inklusive einer Computer-Simulation (siehe Beitrag unten).

Für den Transfer gebe es strikte Auflagen, sagt Matthias Visser vom Wasser- und Schiffahrtsamt Kiel. So müsse der Schleppverband bei Tageslicht das Ende des Nord-Ostsee-Kanals erreichen. An zwölf Parkbuchten können Pausen eingelegt werden, um entgegenkommende Schiffe vorbeizulassen. Geregelt über Funkorder aus der Verkehrszentrale, die alle Schiffe mit Signal auf dem Schirm hat. Ab Windstärke sechs und unter 1000 Metern Sicht sei das Schleppen untersagt.

Im Wachraum der Kieler Schleuse mustern Michael Krebs (37) und Thomas Wagner (57) einen Bildschirm. Der zeigt Standorte diverser Schiffe in der Kieler Förde. „Pronautas Project“ heißt der Stahlrumpf aus Warnemünde auf der Schiffskarte. 60 bis 80 Pötte passieren täglich den Nord-Ostsee-Kanal. 152 Lotsen sorgen dafür, dass diese die 98 Kilometer lange künstliche Wasserstraße problemlos passieren.

Krebs trinkt Kaffee, Wagner verteilt Quarkbällchen an Kollegen. Gleich werden beide, ein Rostocker und ein Sassnitzer, als Lotsen den Schleppzug Richtung Brunsbüttel übernehmen. Einer hinten, einer vorn. 12600 PS ziehen und schieben ein Stück Kreuzfahrtschiff zur Endmontage. „Ein besonderes Projekt. Wir dürfen nur zwölf km/h schnell sein“, sagt Krebs. Er notiert Länge, Breite und Höhe.

Schiff um Schiff zieht durch die Schleuse. Von Osten naht die „Meridiaan“, ein 130-Meter-Frachter aus Holland, aus Richtung Westen die „Ostborg“, 89 Meter lang. Um 6.20 hat der Schleppverband das Nadelöhr Kiel überwunden. Lotse Wagner steht an Bord eines Schleppers und winkt: „Schönen Tag!“, ruft er fröhlich. Die Sonne geht auf, Möwen fliegen über den Kanal. Lotse Finnberg blickt lächelnd empor. „Das ist die Entschädigung für das frühe Aufstehen.“ Gegen 16 Uhr kommt der Verband an der Nordsee an. Heute soll der Transfer bis Emden folgen, dann geht es über die Ems Richtung Papenburg, wo gerade das 41. Kreuzfahrtschiff ausgedockt wurde.

Sechs Monate lang wurde das Schiffsrumpf-Segment in Warnemünde gebaut. „Cirka 600 Mitarbeiter von Neptun-Werft und Partnerfirmen waren an der Montage beteiligt“, erklärt Peter Hackmann, Sprecher der Meyer-Werft, zu der auch Warnemünde gehört. Weitere Segmente sollen über den Nord-Ostsee-Kanal gebracht werden. Das Geschäft laufe gut, vor allem bei Flusskreuzfahrtschiffen.

Von Frank Pubantz

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