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SPD knackt noch die 30 Prozent

Landtagswahl 2016: Erwin Sellering punktet in den letzten Tagen des Wahlkampfs SPD knackt noch die 30 Prozent

Auf der Wahlparty der SPD wird Ministerpräsident Erwin Sellering gefeiert / Mit wem die neue Regierung gebildet wird, ist unklar / Die Gespräche beginnen in dieser Woche

Schwerin. „Erwin, Erwin!“ Als der Ministerpräsident Erwin Sellering gegen 18.15 Uhr das „Brinkama’s“ betritt, klatschen seine SPD-Genossen frenetisch, viel lauter und länger, als sie es bei der ersten Hochrechnung wenige Minuten zuvor getan haben. Die Sozialdemokraten wissen, wem sie ihren Wahlerfolg zu verdanken haben. Ihre Werbekampagne ist klar auf den beliebten Ministerpräsidenten zugeschnitten gewesen. Und der hat in den vergangenen Tagen noch einmal richtig Gas gegeben: Hunderte Hände geschüttelt und Gespräche geführt, um noch so viele Unentschlossene wie möglich für seine Partei zu gewinnen. Sogar Brötchen hat er gestern morgen in Schwerin verteilt. Sein Einsatz hat sich gelohnt: Noch vor fünf Monaten ist die SPD mit 22 Prozent im Umfragetief gewesen, nun hat sie doch noch die 30er-Hürde geknackt.

„Es war der schrecklichste und zugleich schönste Wahlkampf, den die SPD je hatte“, betont Sellering. Seine Partei habe enorm unter Druck gestanden. Doch viele Menschen hätten ihn immer wieder ermutigt. „Das war wunderschön.“ Der 66-Jährige strahlt über das ganze Gesicht, als er sich den verdienten Applaus seiner Genossen abholt. Nur wenige Meter vom kleinen Podest entfernt verfolgt Ehefrau Britta die Rede ihres Mannes. Sie hält den Sohn Matti (2) auf dem Arm und sieht fröhlich aus: „Da haben sich die Anstrengung und der Stress doch gelohnt“, sagt sie.

Die Gattin des Ministerpräsidenten trifft gegen 17.40 Uhr ohne ihren Mann im italienischen Restaurant ein. Draußen erfrischen sich viele SPDler mit kalten Getränken und warten gespannt auf die ersten Ergebnisse. Bildungsminister Mathias Brodkorb wagt keine Prognose. Nur so viel: „Eine Drei vorne wäre fantastisch.“ Die vergangenen sechs Wochen hätte er wegen des Wahlkampfendspurts „wie in einer anderen Dimension verbracht“. Doch Werbeaktionen seien bis zur letzten Minute wichtig: „Sonst denken die Menschen, man hätte ihre Stimmen nicht nötig“, meint Brodkorb. Er trinkt ein kleines Bier, als Britta Sellering mit dem Kinderwagen eintrifft. Auch andere Sozialdemokraten haben ihren Nachwuchs dabei – wie Sozialministerin Birgit Hesse. Sie zieht sich mit Tochter Anna auf die etwas höher gelegene Empore zurück. Gespannt schauen sie von oben auf die Monitore im proppevollen Saal. Fernsehteams aus ganz Deutschland wollen die Reaktion der Genossen einfangen, wenn die erste Hochrechnung bekanntgegeben wird. Und dann bricht Jubel aus – allerdings nur sehr kurz – bis das Ergebnis der AfD verkündet wird. Sozialministerin Birgit Hesse zeigt sich entsetzt: „Es ist erschreckend, dass die AfD so viele Stimmen bekommen hat.“ Mit dem Ergebnis der SPD sei sie dafür „sehr zufrieden“. Einen kleinen Teil am Erfolg hat wohl auch Töchterchen Anna: „Ich habe die Flyer meiner Mama verteilt“, erzählt die Achtjährige. In Grambow (Nordwestmecklenburg) hätte sie fleißig die Zettel verteilt. Ihrer Mutter ist der Stolz anzusehen, als Anna davon erzählt.

Auch Landwirtschaftsminister Till Backhaus hat familiäre Verstärkung mitgebracht – seine Ehefrau Ivonne. Sie hat sich besonders hübsch gemacht, trägt ein rotes Jackett und Hackenschuhe. Auf denen balanciert sie gekonnt ein Tablett mit Kaffee durch die Menschenmenge. Ihr Mann gibt derweil Interviews. Auch er freut sich, dass die SPD wieder die stärkste Fraktion im Land geworden ist: „Wir bleiben stärkste Partei, darauf sind wir stolz“, sagt er. Vor einem halben Jahr hätte man die SPD noch ganz im Keller gesehen. Sehr gut sei, dass die NPD nicht mehr im Landtag vertreten ist. „Und das Abschneiden der AfD ist ein Achtungszeichen an uns“, betont Backhaus.

Mit wem die SPD die nächste Regierung anführt, lässt Sellering in der Ansprache an seine Unterstützer offen. In den kommenden Tagen sollen die Gespräche aufgenommen werden. Nach etwa sechs Minuten ist Sellering auch schon wieder aus dem „Brinkama’s“ verschwunden. Hastig eilt er zu seiner schwarzen Limousine, die auf dem Hof wartet. Der Wahlsieger wird zu Fernsehauftritten chauffiert. Die Party findet erst einmal ohne ihn statt. Die Parteigenossen lassen sich Bier und Wein schmecken. Vielen sieht man die Erleichterung an, doch noch ein Ergebnis mit einer Drei vorne eingefahren zu haben.

Damit sind die schweren Verluste verkraftbar. Denn trotz Wahlsieg: Die SPD hat schwere Verluste hinnehmen müssen, 2011 erreichte sie noch 35,6 Prozent. Doch davon lassen sich die Genossen die Stimmung an dem Abend nicht trüben. Und auch Erwin Sellering kommt später noch einmal vorbei, um sich „bei jedem zu bedanken“.

Kerstin Schröder

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