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Suizid-Tragödie wirft Licht auf Not von Kanadas Ureinwohnern

Attawapiskat Suizid-Tragödie wirft Licht auf Not von Kanadas Ureinwohnern

Sie wollen lieber sterben, als den Alltag in ihrem Reservat zu ertragen: Teenager einer Nation von Ureinwohnern in Kanadas Nordosten versuchen zu Dutzenden, sich das Leben zu nehmen. Die neue Regierung in Ottawa ist betroffen.

Attawapiskat. Attawapiskat ist kein Einzelfall. Isolation, Armut, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit prägen die abgelegene Gemeinde von rund 2000 Ureinwohnern im Nordosten Kanadas.

„Bei uns herrschen Dritte-Welt-Zustände“, sagte Häuptling Bruce Shisheesh der dpa. „Wir sind Kanadas Hinterhof, außer Sicht und vergessen.“ 634 „First Nations“ wie Attawapiskat sind über das Land verteilt. Zusammen mit den ebenfalls indigenen Métis und Inuits stellen sie gut vier Prozent der kanadischen Bevölkerung. 

Jetzt hat eine Suizidwelle von Jugendlichen in Attawapiskat das Land einmal wieder mit seiner Schattenseite konfrontiert. Shisheesh rief den Notstand aus, als sich elf Teenager an einem Wochenende im April das Leben zu nehmen versuchten. Psychotherapeuten wurden in das Reservat entsandt. Aber auch das half nicht. Nach Angaben des Häuptlings wagten im Mai weitere neun Jugendliche den Freitod, konnten aber zum Glück gerettet werden. Inzwischen liegt die Zahl der Selbstmordversuche in der Gemeinde seit Oktober 2015 bei weit über 100.

Ein junges Mädchen aus dem Ort, die 13-jährige Amy Hookimaw, schrieb auf Facebook: „Wir haben hier Kids aus der 4., 5. und 6. Klasse, die mich fragen, „warum haben die anderen keine Angst vor dem Selbstmord. Warum nehmen so viele von ihnen Drogen? Ich denke, ich sollte mich ihnen anschließen.““ Beim Gesundheitsministerium in Ottawa heißt es, die Selbstmordrate junger Menschen in Reservaten sei gut zehn mal so hoch wie die von Jugendlichen im restlichen Kanada.

Premierminister Justin Trudeau reagierte betroffen auf die Nachricht von den lebensmüden Teenagern. „Wir haben als Land kollektiv versagt“, räumte er vor Lehrern in Ottawa ein. Nun sei enorm viel Arbeit zu leisten. An Amy und die jungen Leute in Attawapiskat schrieb Trudeau auf Facebook: „Ihr seid uns sehr wichtig. Das müsst ihr wissen. Und wir arbeiten hart daran, euch zu helfen“. Der Premier willigte nach einem Bericht des Senders CBC seitdem auch ein, sich mit Shisheesh zu treffen und den Teenagern der Gemeinde persönlich zuzuhören. Ein Zeitpunkt ist noch nicht bekannt.

Der liberale Regierungschef hatte bei seiner Amtsübernahme im November angekündigt, die Beziehung zu den Aborigines langfristig verbessern zu wollen. Die dramatische Lage in Attawapiskat scheint dies zu beschleunigen. Überraschend kündigte seine Ministerin für indigene Angelegenheiten, Carolyn Bennett, laut „Globe and Mail“ jetzt an, Kanada wolle sich der UN-Erklärung über die Rechte der Urvölker anschließen. Sie war 2007 von allen Ländern weltweit - mit Ausnahme von Kanada, den USA, Australien und Neuseeland - unterzeichnet worden.     

Schuld an dem Elend vieler Aborigines in dem reichen Industrieland Kanada gibt der Jurist und Politiker Bob Rae (Toronto) vor allem der Aufteilung öffentlicher Mittel. „Ob für Bildung, Gesundheit, Wohnraum oder Kinderfürsorge: Die Ureinwohner erhalten immer weniger als nicht-indigene Gemeinden“, schrieb Rae in der „Globe and Mail“.

So musste Attawapiskat trotz seiner Selbstmordkrise neun Monate ohne psychotherapeutische Betreuung auskommen. Erst als Shisheesh Alarm schlug, traf Hilfe ein: 18 Sozialarbeiter auf einen Schlag,  allerdings nur für einen Monat. Ministerin Bennett kam zu einer Stippvisite und versprach, den Wunsch der jungen Leute nach einem Jugendzentrum zu erfüllen. Wann, ließ sie offen.

„Ein Treffpunkt für unsere Jugend ist wunderbar“, kommentierte Häuptling Shisheesh im Gespräch. „Aber ein Gebäude allein hilft nicht. Wir brauchen Fachleute, die dort mit unseren Kindern arbeiten, ihnen Mut geben, sie fördern und mit unserer Kultur vertraut machen.“

Zur Tradition der Attawapiskat gehört, Mitglieder mit emotionalen Problemen, Trauer, Ängsten oder Depressionen in die Healing Lodge (Heilungshütte) zu laden. Bei einer spirituellen Zeremonie wird der Geist ihrer Vorfahren angerufen und um Beistand gebeten. Doch die Not der Gemeinde versperrt selbst diesen Weg. „Unsere Healing Lodge dient Obdachlosen als Unterkunft“, sagt Shisheesh. 

Attawapiskat liegt an der James Bay, 1000 Kilometer nördlich von Ottawa. Den größten Teil des Jahres ist es vereist und nur auf dem Luftweg erreichbar. Arbeit bietet die Diamanten-Mine von De Beers, weitere 100 Kilometer weiter im Norden. Aber auch diese Jobs sind gezählt. Die Aus- und Weiterbildung im Ort ist ein Problem, genauso wie der extrem knappe Wohnraum.

Laut Shisheesh sind in der Gemeinde bis zu 50 Menschen unter ein Dach gepfercht. Die 13-jährige Sheridan Hookimaw lebte mit 20 Verwandten und Fremden in zwei Zimmern. Im Oktober hielt sie es nicht mehr aus und nahm sich das Leben. Ihr Freitod gilt als Auslöser der anhaltenden Suizidserie von Attawapiskats Jugend.

Ontarios Nachbarprovinz Manitoba hat mit 17 Prozent ihrer Einwohner den höchsten Anteil von Aborigines in Kanada. Dort schlossen 2014  gerade 28 Prozent der indigenen Jugend die Schule ab, wie die  „Globe and Mail“ berichtete. Gleichzeitig machten Ureinwohner 65 Prozent der Gefangenen im Stony Mountain Penitentiary am Rand der Provinzhauptstadt Winnipeg aus.

Noch lange nicht verschmerzt sind die Wunden von Kanadas so genannten Residential Schools, sagt Häuptling Shesheesh. Die katholische Kirche hatte die Internate in den 1870er Jahren gestartet, um aus Ureinwohnern angepasste Kanadier zu machen. Als 1996 die letzte Schule schloss, war klar: Die indigenen Kinder waren entwurzelt worden. Sie hatten die Verbindung zu ihrer Familie und der Kultur verloren, sprachen eine andere Sprache. Inzwischen ist auch dokumentiert, dass viele von ihnen in den Internaten gezüchtigt und geschlagen, psychisch und sexuell missbraucht worden waren.

2006 verpflichtete sich die Kirche, Spenden für die Betroffenen zu sammeln. Doch von zugesagten 25 Millionen kanadischen Dollar (17 Millionen Euro) sei erst ein Bruchteil eingetroffen, stellte die „Globe and Mail“ kürzlich fest. Ein juristischer „Fehler“ der letzten konservativen Regierung habe die Kirche sogar ganz von ihrer Zahlungspflicht entbunden, berichtete das Blatt. Ministerin Bennett sagte der dpa dazu: „Wir werden den nötigen Druck ausüben, damit die Kirche wenigstens ihrer moralischen Verpflichtung nachkommt.“

dpa

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