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Umfrage zeigt Ausmaß von Gewalt gegen Lehrer

Gesellschaftliche Verrohung Umfrage zeigt Ausmaß von Gewalt gegen Lehrer

Schimpfen, drohen, treten, prügeln - Schüler teilen nicht nur untereinander aus. Sie knöpfen sich auch verstärkt Lehrer vor. Eine Umfrage zeigt erstmals das Ausmaß von Gewalt gegen Lehrer.

Düsseldorf. Früher hatten Schüler Angst vor prügelnden Lehrern. Heutzutage müssen sich Lehrer vor gewalttätigen Schülern fürchten - und manchmal auch vor Eltern.

Erstmals gibt es eine repräsentative bundesweite Umfrage zur Gewalt gegen Lehrkräfte. Der Auftraggeber, der Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE), sieht in dem Ergebnis bestätigt, was er intern seit längerem beobachtet: Schüler teilen verbal und auch mit der Faust immer öfter gegen Lehrer aus.

Sechs von 100 Lehrern sind der Umfrage zufolge von Schülern schon einmal körperlich angegriffen worden. Sechs Prozent - das hört sich zunächst wenig an. Hochgerechnet aber schätzt der VBE die Zahl der angegriffenen Lehrer damit bundesweit auf 45 000. Psychische Gewalt wie Bedrohungen, Beleidigungen, Beschimpfungen oder Mobbing hat bereits jede vierte befragte Lehrkraft erlitten.

„Wir waren überrascht über die Größenordnung“, sagt der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann. An jeder zweiten Schule dürften damit schon mal Schüler gegen Lehrer Gewalt angewendet haben. Vergleichszahlen gibt es bislang nicht - es ist die erste Erhebung zu einem Thema, das nach Ansicht vieler Lehrer ein Tabuthema in der Gesellschaft ist.

Nur die spektakulärsten Fälle scheinen öffentlich zu werden. Für Aufsehen hatte etwa ein Fall in Niedersachsen gesorgt, bei dem ein 14-jähriger Gymnasiast einen Lehrer bei einer Klassenfahrt mit einem Schnürsenkel gewürgt haben soll. Der Lehrer hatte ihm das Handy abgenommen. Der Fall landete im Frühjahr vor Gericht.

Beckmann zählt anonym gebliebene Fälle auf - und da werden nicht nur Schüler, sondern auch Eltern verbal gewalttätig: Eine junge Lehrerin sei in der Klassen-WhatsApp von den Eltern als „Schlampe“ oder „Hure“ diffamiert worden. Die Schulaufsicht sei mit Verweis auf den Schulfrieden nicht eingeschritten.

In einem anderen Fall sei eine Grundschullehrerin von Eltern massiv angegriffen worden, weil sie mit ihrer Klasse eine Moschee besucht hatte. Die Eltern hätten den Namen der Lehrerin „in einschlägigen Foren“ veröffentlicht und mit Gewalt gedroht. „Sie entfachten so ein permanentes Angstszenario“, sagt Beckmann.

Besonders erschreckend findet Beckmann die Zahl der Angriffe von Grundschülern. „Das muss uns nachdenklich stimmen mit Blick auf die Zukunft.“ Die Zahlen zeigten auch, dass es vor allem an Haupt-, Gesamt- und Förderschulen zu körperlicher und psychischer Gewalt komme. 38 Prozent der Lehrkräfte an Förderschulen hätten bereits körperliche Übergriffe erlebt.

Die Gründe für die zunehmende Gewalt liegen nach Einschätzung Beckmanns in der allgemeinen Verrohung der Gesellschaft. „Man greift schneller verbal zu Beleidigungen, man wird auch schneller handgreiflich, etwa in der U-Bahn, das spiegelt sich auch in den Schulen wider“, sagt er. Autoritäten würden nicht mehr anerkannt. „Respekt vor dem anderen gibt es nicht.“

Vor allem die Sprache verroht. Lehrerverbände etwa in Nordrhein-Westfalen und Bayern haben in eindringlichen Appellen davor gewarnt. „Wir erleben eine Aggressivität, eine Sprache des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung, persönliche Beleidigungen, bewusste Kränkungen und Ausgrenzung in Wort und Handeln“, hieß es darin. Damit werde der Boden auch für physische Gewalt bereitet. Nach Erkenntnissen von Neurologen besteht zwischen aggressiver Sprache und aggressivem Verhalten ein enger Zusammenhang.

Fausthiebe, Tritte, An-den-Haaren-Ziehen oder das Bewerfen mit Gegenständen - all das gehört zum Spektrum der Gewalt gegen Lehrer. Doch die wenigsten Fälle kommen zur Anzeige - weil die Schüler noch nicht strafmündig sind. Zwar bekämen die betroffenen Lehrer in der Regel Rückendeckung vom Kollegium und ihrer Schulleitung, doch die übergeordneten Schulbehörden ließen sie im Stich, sagt Beckmann. Die meisten Lehrer wünschten sich auch eine Kooperation mit der Polizei.

Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sieht ein allgemeines Imageproblem von Lehrern, das zu den Aggressionen führe. Oft komme es bei Veranstaltungen zum „Lehrer-Bashing“, ein Lehrerhasser-Buch sei vor Jahren sogar zum Bestseller geworden. „Es fehlt an Rückendeckung in der Politik und der Öffentlichkeit für den Berufsstand.“

dpa

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