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Nachrichten Wenn die Preise abstürzen: Das Gespenst der Deflation
Nachrichten Wenn die Preise abstürzen: Das Gespenst der Deflation
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02:24 02.04.2014

Auch wenn Europas Notenbanker den Leitzins morgen vermutlich auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent belassen: Die immer niedrigere Inflation im Euroraum schürt die Angst vor einem gefährlichen Preisverfall — vor der Deflation. Im März sank die Teuerungsrate in den 18 Euro-Ländern auf nur noch 0,5 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit mehr als vier Jahren — weit entfernt vom Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB), der bei knapp zwei Prozent liegt. Dabei ist die Deflation längst da: In den südeuropäischen Krisenländern Zypern (-1,3 Prozent), Griechenland (-0,9), Spanien (-0,2) und Portugal (-0,1) sind die Preise bereits im Keller. Selbst in Deutschland liegt die Inflationsrate bei nur noch 1,0 Prozent. Während sich hierzulande die Hyperinflation von 1923 ins kollektive Bewusstsein eingebrannt hat, ist für die meisten Deutschen Deflation ein Fremdwort. Sinkende Preise? Ist doch gut, denken viele — der Urlaub in Spanien, der Sprit fürs Auto und der Einkauf beim Discounter werden billiger. Doch eine anhaltende Deflation hat fatale Folgen.

Was ist überhaupt eine Deflation?

Das ist ein anhaltender Rückgang des Preisniveaus auf breiter Front. Wenn die Preise bei Waren und Dienstleistungen sinken, lohnen sich auch Investitionen immer weniger. Welcher Kaufmann kauft Waren, wenn er sie nur noch zu einem reduzierten Preis verkaufen kann? Wer investiert in ein Unternehmen, das immer weniger Waren absetzt? In der Folge sinken die Umsätze der Unternehmen und die Löhne der Beschäftigten. Die Kaufkraft schwindet. Die sinkende Nachfrage lässt die Produktionskapazitäten weiter schrumpfen. Können Firmen ihre Kredite nicht mehr bedienen, drohen Bankrotte und noch mehr Arbeitslose. Ein Teufelskreislauf ist in Gang gesetzt.

Was sagen die Experten voraus?

Sie sind sich — wie so oft — uneinig. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman prohezeit seit längerem: „Sowohl die USA als auch Europa laufen in die japanische Falle.“ Das Inselreich leidet bereits seit 1993 unter der Deflation. David Rosenberg vom kanadischen Vermögensverwalter Gluskin Sheff meint, dass der Welt eine enorme Entschuldungsphase bevorsteht. Der Schuldenschnitt für Athen war nur der Anfang. Es gebe nur einen Ausweg: Sparen. „Das ist äußerst schmerzhaft und geht einher mit sinkenden Preisen.“ Die Notenbanker weisen indes die Deflations-Sorgen zurück.

Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret etwa betont, dass der Inflations-Rückgang „zeitlich begrenzt“ sei, weil zwei Drittel davon auf sinkende Preise für Energie und Nahrungsmittel zurückzuführen seien.

Wo liegen die Ursachen für die gegenwärtige Deflations-Gefahr?

Weil Minizinsen tendenziell Kredite verbilligen, hofft die EZB, dass durch ihre Finanzpolitik mehr Unternehmen billig Geld bei den Banken leihen und so die Konjunktur angeschoben wird. Doch der erwünschte Effekt blieb begrenzt. In den Krisenländern scheuen die Banken Investitionen in die Realwirtschaft. Sie parken ihr geliehenes Geld lieber bei der EZB. Auf der anderen Seite sind die Haushalte dort derart strapaziert, dass die Staaten als Kreditnehmer weitgehend ausfallen. Der Ökonom Heiner Flassbeck spricht von einer „Schuldendeflation“, die ihre Ursache in den Spekulationen der Banken und Hedgefonds auf dauerhaft steigende Preise hat. „Diese Kasino-Wette ist zusammengebrochen.“ Nun versuche jeder, die eigenen Kosten zu senken, Wertpapiere oder andere Vermögensanteile abzustoßen, was die Preise immer tiefer fallen lasse.

Der Leitzins liegt schon nahe Null. Was kann die EZB noch tun?

Der einstige Chefökonom der Weltbank, der Amerikaner Larry Summers, plädiert für Negativzinsen, um den Geldkreislauf anzuheizen. Das heißt, wer Geld bei einer Bank parkt, muss noch Zinsen draufzahlen. In Europa experimentierten bereits Schweizer und Dänen damit. Auch EZB-Chef Mario Draghi unkte, dass die Zins-Untergrenze noch nicht erreicht sei. Darüber

hinaus könnte die EZB ein neues Anleihe-Kaufprogramm starten, was viele Ökonomen aber als verbotene Staatsfinanzierung werten. Staaten könnten zudem einzelne Produkte aufkaufen, um einen Preisverfall zu stoppen — so wie es die EU etwa vor über 30 Jahren vormachte, um Butterberge abzubauen und Milchseen auszutrocknen.

Was sollten Sparer bei deflationären Tendenzen tun?

In einer Deflation sind Sparer schleichend gefährdet. Gute Anlagemöglichkeiten sind rar. Tages- und Festgeldkonten können gut geeignet sein, wenn die Sparzinsen die Inflationsrate übertreffen.

Allerdings sollte die Bank gut gewählt sein, denn bei einer Deflation steigt die Gefahr, dass Finanzhäuser kollabieren. Als empfehlenswert gelten zudem Anleihen von erstklassigen Unternehmen und Staaten mit soliden Ratings. „Da hat man eine Rendite von 2 bis 2,5 Prozent“, sagt Flassbeck. Auch Gold kann sich lohnen: Eine Studie der London School of Business für die Jahre 1900 bis 2011 ergab, dass Gold bei einem Rückgang des Preisniveaus von 3,5 Prozent im Schnitt eine Rendite von 12 Prozent abwarf. Aktien sind hingegen die Verlierer, weil Warenpreise, Gewinne und Unternehmens-Kurse in der Regel sinken. Der amerikanische Dow Jones etwa kletterte nach dem Börsencrash von 1929 erst 1954 wieder auf den damaligen Punktwert.

Was ist mit Immobilien, Lebensversicherungen und Pensionsfonds?

Unter dem allgemeinen Preisverfall leiden auch Immobilienbesitzer. Während der Wert ihrer Häuser und Grundstücke stetig sinkt, steigt die Last der Hypothek und kann Wohneigentümer doppelt belasten. Hart trifft der Tiefzins die Lebensversicherer und Pensionsfonds. Sie sind oft nicht mehr in der Lage, die versprochenen Renditen zu erwirtschaften. Die Beteiligung der Kunden an den Bewertungsreserven steht bereits zur Disposition. Das alles wird letztlich die Altersvorsorge von Millionen Deutschen schmälern.



Jens Burmeister

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