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Wirtschaft Angelkutter in schwerer See
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00:01 19.05.2017
Rostock

. Stirnrunzelnd blickt Lothar Schlicker gegen 6 Uhr auf den Monitor des Bordcomputers. Die Wetterprognose verheißt Regen und Nordwestwind der Stärke 6 auf der Ostsee vor Warnemünde!

Der Kapitän des MS „Storkow“ , Lothar Schlicker (61). Quelle: Foto: Volker Penne

Beim Blick auf die Warnow – die „Storkow“ liegt gegenüber dem Rostocker Überseehafen im Bereich Schmarl Dorf – ist von derlei Ungemach noch nichts zu spüren. Der Kapitän des Angelkutters ist skeptisch. Angesichts der Buchungsrückgänge freut sich der Rostocker über acht Gäste, die den Törn gebucht haben. „Doch Sicherheit geht vor“, so der 61-Jährige.

Die „Storkow“ gehört laut Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei zu den etwa 30 Angelkuttern aus MV, die auf der Ostsee im Einsatz sind. Deren Betreiber haben nicht nur mit der Witterung, sondern vor allem mit wirtschaftlichen Turbulenzen zu kämpfen. Der Grund: Seit Jahresbeginn gelten auch für Angler – zusätzlich zu den Fangquoten der Berufsfischer – Beschränkungen beim Dorschfang. Um die Bestände in der westlichen Ostsee zu schützen, darf ein Petrijünger am Tag maximal fünf Exemplare, die mindestens 35 Zentimeter lang sind, fangen. In den Monaten Februar und März sind es nur drei.

Auf 50 Prozent beziffert Schlicker seine Buchungsverluste. Gerade unter der Woche bleiben die Gäste weg. Vor allem Berliner, Brandenburger und Sachsen machen sich rar. Der Aufwand für Anreise, Unterbringung und Törn sei schließlich hoch, so der Kapitän. In Höhe der Warnemünder Molenköpfe bläst der Nordwestwind derweil kräftig. Dazu gibt es Dauerregen. Die 1949 erbaute „Storkow“ schaukelt heftig, als sie die freie Ostsee erreicht und Richtung Stolteraa fährt. Laut Wetterdienst soll der Wind abnehmen. Schlicker erwägt angesichts der 1,5 Meter hohen Wellen einen Tour-Abbruch.

Mit wirtschaftlichen Kapriolen kämpft indes auch Winfried Speck (70), Chef auf der „Tietverdriew“ in Sassnitz auf Rügen. Etwa 50 Prozent weniger Buchungen registriert der Sassnitzer seit Jahresbeginn. Die Stammgäste bleiben aus. „In den ersten drei Monaten fuhren wir gar nicht und aktuell sind oft nur sechs statt der möglichen zwölf Gäste an Bord. Die Kosten, etwa für Inspektionen, Diesel und Wartung, aber bleiben hoch.“

Als „existenzbedrohend“ bezeichnet Tilo Rössler (37), Geschäftsführer der Rostocker Firma Angel- und Seetouristik, die aktuelle Situation. Die Zahl der Anmeldungen auf seinen 17-Meter-Kuttern „Chemnitz“ und „Hanno Günther“, die am Alten Strom von Warnemünde liegen, sank um rund 50 Prozent. Die Jobs von zehn Mitarbeitern sind gefährdet.

Vom Seegang lassen sich derweil die versierten Angler an Bord der „Storkow“ nicht schrecken. Auch wenn das Balancehalten schwierig ist. Dann, endlich: Werner Promer aus Lübtheen (Ludwigslust-Parchim) hat Erfolg mit seinem Köder – einem Gummifisch. Der langstielige Kescher kommt zum Einsatz. Darin zappelt ein 45 Zentimeter langer Dorsch. Kurz zuvor hat der Rostocker Professor

Karl-Heinz-Brillowski (76) seinen ersten Dorsch an Bord geholt.

Der Präsident des Landesanglerverbandes freut sich über den Raubfisch, der etwa 60 Zentimeter lang ist. Einige untermaßige Fische werden gefangen, die wieder vorsichtig dem Meer übergeben werden.

„Angesichts des Bestandseinbruchs beim Dorsch müssen wir unseren Beitrag leisten“, sagt Prof. Brillowski. Er fordert jedoch ein nachhaltiges Vorgehen und verweist auf die Initiative seines Verbandes.

Demnach sollte das derzeitige Fangmindestmaß für Boots- und Kutterangler von 35 auf 45 Zentimeter erhöht und in der Schonzeit überhaupt kein Dorsch gefangen werden dürfen. Gleichzeitig wird ein Fanglimit von zehn statt fünf Fischen außerhalb der Laichzeit gefordert.

Dass sich der mit 44000 Mitgliedern größte Naturschutzverband des Landes aktiv mit der Problematik befasst, begrüßt Dr. Harry Strehlow. Der Abteilungsleiter im Rostocker Thünen-Institut für Ostseefischerei erklärt, dass 2016 die rund 152000 Ostseeangler in MV und Schleswig-Holstein etwa 2316 Tonnen Dorsch gefangen haben. Zum Vergleich: Die deutschen Berufsfischer landeten rund 2500 Tonnen Dorsch der westlichen Ostsee an.

Dr. Strehlow hält Dorsch-Mindestmaße von 38 Zentimetern beim Brandungsangeln und 45 Zentimetern beim Bootsangeln für praktikabel. Für zwei Mindestmaße plädiert auch Thomas Richter, Abteilungsleiter der Oberen Fischereibehörde in Rostock. „Und ein grundsätzliches Fangverbot in der Schonzeit macht Sinn“, erklärt der Experte.

Nicht so sehr die Mindestmaße, sondern das Schietwetter macht den Anglern auf der „Storkow“ vor Warnemünde zu schaffen. Nach einem heftigen Hagelschauer flaut gegen Mittag der Wind ab. Als der Kutter gegen 15.30 Uhr wieder festmacht, freuen sich fast alle Angler über fünf Dorsche und einige Wittlinge in ihren Eimern. Besonders glücklich ist der Rostocker Jürgen Drewes. Der 63-Jährige hat den Fisch des Tages an Bord geholt – einen 71 Zentimeter langen und 3,8 Kilo schweren Dorsch.

Ob sich der Bestand des guten Speisefisches in der westlichen Ostsee bis 2020 schon erholt hat, kann Forscher Dr. Strehlow noch nicht einschätzen. Hoffnung mache aber „der kräftige Jahrgang 2016“.

Thünen-Institut erhebt Daten der Angler seit zehn Jahren

70 Prozent der Angler, die auf Kuttern an der deutschen Ostseeküste aktiv sind, stammen laut Thünen-Institut für Ostseefischerei nicht aus Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein.Das Rostocker Institut erhebt seit zehn Jahren Daten der Angler an der Küste. Jeden Monat sind fünf Mitarbeiter auf Schiffen zwischen Fehmarn (Schleswig-Holstein) und Usedom unterwegs.

Die Petrijünger, die auf der Ostsee angeln, geben demnach jährlich rund 112 Millionen Euro für ihr Hobby aus. Das sind pro Person und Jahr im Schnitt 736 Euro.

14000 Kontrollen nahmen die 15 Fischmeister und sieben Mitarbeiter des Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei 2016 an der MV-Küste vor.

1293 rechtswidrige Handlungen – etwa Verstöße gegen Mindestmaße und Angeln ohne gültigen Fischereischein – wurden laut Thomas Richter, Abteilungsleiter der Oberen Fischereibehörde Rostock, festgestellt.

Fischwilderei – das Angeln ohne Erlaubnisschein – ahndete die Staatsanwaltschaft bereits mehrfach mit Strafbefehlen in Höhe von 1500 bis 2000 Euro.

Bei den aktuellen Kontrollen hinsichtlich der Dorschquote für Angler – nämlich drei bzw. fünf Fische pro Tag und Aktiven – gab es bisher kaum Beanstandungen.

Volker Penne

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