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Wirtschaft Berlin–München in vier Stunden
Nachrichten Wirtschaft Berlin–München in vier Stunden
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00:05 09.12.2017
Der ICE-Sonderzug gestern auf der Neubaustrecke München – Berlin bei Erfurt. Er erreicht hier Spitzentempo 300. Quelle: Foto: Martin Schutt/dpa
Berlin/Rostock

Seit gestern ist die Wiedervereinigung auch für die Deutsche Bahn endgültig vollzogen: Mit der feierlichen Eröffnung der Schnellstrecke Berlin–München ist das letzte Schienenverkehrsprojekt Deutsche Einheit abgeschlossen. Die Fahrzeit zwischen den beiden Metropolen verkürzt sich von sechs auf unter vier Stunden. Regulär geht die Strecke mit dem morgigen Fahrplanwechsel in Betrieb. Dann ist auch MV besser an Bayern angebunden. Vor allem Reisende Richtung Stralsund sind künftig schneller am Ziel. Die Tourismusbranche freut’s.

Die Bahn nimmt nach 26 Jahren die Schnellstrecke in Betrieb. In MV profitiert vor allem der Osten. Die Tourismusbranche freut sich über die verbesserte Anbindung.

Einst größte Baustelle Europas

Strecke

zurZeit

ab10.12.

Ersparnis

Rostock-Erfurt

5:35

4:50

-45 Min.

Rostock-Nürnberg

7:00

6:20

-40 Min.

Rostock-München

8:20

7:25

-55 Min.

Schwerin Erfurt

5:00

4:25

-35 Min.

Schwerin-Nürnberg

6:10

5:55

-15 Min.

Schwerin-München

7:20

7:00

-20 Min.

Stralsund-Erfurt

5:30

5:05

-25 Min.

Stralsund-Nürnberg

8:20

6.30

-110 Min.

Stralsund-München

9:35

7:45

-110 Min.

Quelle: Deutsche Bahn

„Es gibt jetzt deutlich bessere Möglichkeiten, aus Süddeutschland an die Küste zu kommen“, konstatiert Tobias Woitendorf, Sprecher des Landestourismusverbandes. Und das könnte sich für die Gastgeber in MV durchaus lohnen: „Es gibt Potenzialanalysen, wonach in Bayern großes Interesse an einem Urlaub in MV besteht.“ Bislang machen die Bayern etwa fünf Prozent aller Urlauber im Land aus. Sie buchen pro Jahr rund eine Million Übernachtungen.

Die besonders schnellen ICE-Sprinter-Züge, die auf der neuen Trasse fahren, halten auch in Erfurt und Halle. „Unsere Urlauber aus Thüringen und Sachsen-Anhalt können nun öfter mal das Auto stehen lassen und mit dem Zug zu uns kommen“, sagte Woitendorf. „Das wäre ja angesichts der aktuellen Probleme auf unseren Straßen nachzuvollziehen.“

Allerdings warnte Woitendorf vor übertriebenen Erwartungen: „Die Trasse ist ja nicht mit dem Ziel gebaut worden, mehr Urlauber nach MV zu bringen.“ Zumal die Anschlussverbindungen in den Norden noch ausbaufähig seien: „Jetzt muss die Bahn noch verlässliche und schnelle Verbindungen nach Rostock, Stralsund und Schwerin schaffen“, so Woitendorf.

Tatsächlich schlägt die Zeitersparnis zwischen Berlin und München laut Fahrplan nur in Stralsund voll zu Buche: Bei optimaler Verbindung bleiben von den zwei Stunden immerhin 110 Minuten übrig. Von der bayrischen Landeshauptstadt bis an den Sund ist man nun statt 9:35 Stunden nur noch 7:45 unterwegs. Die Fahrzeit von München nach Rostock verkürzt sich dagegen nur am Wochenende um rund 90

Minuten. Unter der Woche sind es lediglich 55, nach Schwerin sogar nur 20. Anders sieht es ab Erfurt aus: Hier sparen Bahnfahrer nach Rostock 45 Minuten, nach Stralsund aber nur 25.

Vor allem die schnellere Anreise nach Warnemünde ist für die Kreuzfahrtreederei AIDA Cruises interessant: „Schon jetzt reist die Mehrzahl unserer Gäste innerhalb Deutschlands mit der Bahn nach Hamburg, Kiel oder Warnemünde, um hier ihre Kreuzfahrt mit Aida zu starten. Die Erreichbarkeit von Warnemünde per Bahn zu gewährleisten ist sehr wichtig, daher begrüßen wir jede Maßnahme, die ihren Teil zu einer verbesserten An- und Abreise beiträgt“, sagt AIDA-Sprecher Hansjörg Kunze.

Mit der neuen Schnellstrecke will die Bahn auch dem Flugzeug auf der Strecke Berlin – München Konkurrenz machen. Von Innenstadt zu Innenstadt braucht man künftig in etwa gleich lange. Auch von Rostock-Laage aus kann man nach München fliegen. Auf dieser Strecke bleibt jedoch der Zeitvorteil für Flugpassagiere wegen der schlechteren Bahnverbindungen im Norden weitgehend erhalten.

107 Kilometer ist der jetzt vollendete letzte Abschnitt der Schnellstrecke Berlin–München von Erfurt bis nach Ebensfeld lang. Durch 22 Tunnel und über 29 Brücken fahren die Züge mit bis zu 300 km/h quer durch den Thüringer Wald und Oberfranken. Der Neu- und Ausbau der Strecke von Nürnberg nach Berlin hat insgesamt rund zehn Milliarden Euro gekostet. Der 1991 beschlossene Bau verzögerte sich um mehrere Jahre, weil er 1999 durch die rot-grüne Bundesregierung vorübergehend gestoppt wurde.

Täglich gibt es auf der Verbindung 10000 Sitzplätze mehr als bisher. Die Bahn hofft auf eine Verdopplung ihres Passagieraufkommens auf der Strecke auf 3,6 Millionen jährlich. Von dem Ausbau profitieren laut Bahn rund 17 Millionen Menschen in verschiedenen Regionen.

Kritik gibt es vor allem an den hohen Kosten, den Belastungen für die Umwelt sowie daran, dass viele Städte vom ICE-Netz abgehängt wurden.

Axel Büssem

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