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Cyber-Attacken: Mittelstand unterschätzt Gefahr

Rostock Cyber-Attacken: Mittelstand unterschätzt Gefahr

Experten: Kriminelle im Internet bringen Wirtschaft um Milliarden

Rostock. Spitzel, Saboteure und Datendiebe werden für deutsche Unternehmen zunehmend zum Problem. Zwei von drei Industriebetrieben sind dem IT-Branchenverband Bitkom zufolge in den vergangenen zwei Jahren ausspioniert oder sabotiert worden oder waren von Datenklau betroffen. Dadurch mache die Wirtschaft jährlich rund 50 Milliarden Euro Verlust. Die Attacken richten sich längst nicht mehr nur gegen Großkonzerne und Start-ups, sondern auch gegen den klassischen Mittelstand und kleine Firmen. Im Nordosten fehlen denen aber offenbar vielfach ausgeklügelte Sicherheitssysteme. „Viele Unternehmen nehmen Wirtschaftsspionage noch immer auf die leichte Schulter. Das ist sehr riskant, denn die Gefahr wächst“, warnt Wirtschaftsstaatssekretär Stefan Rudolph.

Was sich deutsche Firmen ausdenken, ist nicht nur auf Weltmärkten, sondern auch bei Nachrichtendiensten und Mitbewerbern begehrt. Und die haben angesichts fortschreitender Digitalisierung in der Produktion und der Vernetzung von Maschinen über das Internet immer mehr Möglichkeiten, an vertrauliche Daten zu kommen oder Abläufe zu stören, sagt Michael Schuldt vom Landeskriminalamt. Wie stark die hiesige Wirtschaft betroffen ist, lasse sich allerdings schwer feststellen, denn Spähopfer würden Vorfälle selten melden aus Sorge um den Firmenruf. Manchen Unternehmern sei hingegen „gar nicht bewusst, dass sie ausgeforscht werden“, so Schuldt. Er spricht von „einem erheblichen Dunkelfeld“.

Tino Hülsenbeck, Chef von Pironex in Rostock, weiß um die Schwachstellen der Industrie 4.0. Aber: „Wie hoch die Bedrohung tatsächlich ist, können wir kaum einschätzen.“ Seine Firma entwickelt innovative Elektronik und Software für Bereiche wie Medizintechnik und Industrie. Um dabei das Risiko, ausgespäht zu werden, so gering wie möglich zu halten, setze er auf ein betriebseigenes Sicherheitsmanagement.

Auch wenn die Statistiken zur Wirtschaftskriminalität alarmierend sind – Claus Ruhe Madsen, Präsident der Industrie- und Handwerkskammer zu Rostock, ist überzeugt: Die Firmen, deren größtes Kapital ihr Wissensvorsprung ist, seien ausreichend gegen Cyberattacken geschützt. Besonders attraktiv für Hacker und Datendiebe sind sogenannte „Hidden Champions“ – jene Unternehmen, die kaum ein Laie kennt, die aber auf ihrem Gebiet Weltmarktführer sind. Deutschlandweit gibt es davon etwa 1600, in MV nur eine Handvoll. Zu ihnen zählen etwa die Dockweiler AG in Neustadt-Glewe mit ihren Edelstahl-Rohrsystemen für die Pharmaindustrie oder der Schiffspropeller-Hersteller Mecklenburger Metallguss GmbH in Waren. Solche Firmen hätten zuverlässige Sicherheitskonzepte oder engagieren Spezialfirmen, sagt Madsen. Kleine Betriebe seien oft weniger gut gewappnet. Madsen: „Für sie wird das Thema erst relevant, wenn was passiert ist.“ Deshalb dürften Verbände, Ministerien, Sicherheitsbehörden und Wirtschaftskammern nicht nachlassen, über Risiken aufzuklären, fordert Staatssekretär Rudolph. „Immer mehr Firmen erkennen die Notwendigkeit, sich vor Wirtschaftsspionage zu schützen.“

Die größte Sicherheitslücke im Betrieb sind Bitkom zufolge aktuelle oder frühere Mitarbeiter, die Insiderwissen an die Konkurrenz weitergeben. Fast zwei Drittel aller Schadensfälle sollen auf das Konto solcher Innentäter gehen. Deshalb seien zufriedene und damit loyale Mitarbeiter die wohl wichtigste Sicherheitsmaßnahme, sagt IHK-Präsident Madsen. „Das gute Miteinander im Betrieb muss dauerhaft gelebt werden und darf nicht nur ein Lippenbekenntnis sein.“

Antje Bernstein

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