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08:00 29.01.2018
Geld auf Rädern: In Brandenburg kommt die Sparkasse mit dem Bus zu ihren Kunden in den Dörfer, in denen die Filialen geschlossen worden sind. Quelle: Foto: dpa
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Wewelsfleth

In Wewelsfleth in Schleswig-Holstein lässt sie sich schon besichtigen, die schöne neue Welt der Banken. Wobei das Wort „besichtigen“ es nicht ganz trifft, denn zu sehen gibt es ja nicht mehr viel in dieser schönen neuen Welt.

Leuchtreklame, Werbefahnen, Bankschalter – alles weg. Oder so gut wie. Seit dem 1. Januar ist die Wewelsflether Filiale der Sparkasse Westholstein dicht. Und nicht nur die. Gut die Hälfte ihrer Niederlassungen hat die Bank aufgegeben. Einige wurden in Selbstbedienungsstandorte umgewandelt, andere ganz gestrichen. So auch in Wewelsfleth. Die Bürger aus dem 1400-Einwohner-Nest haben protestiert. Genützt hat es nichts.

Delf Bolten ist immer noch empört. Der ehrenamtliche Bürgermeister von der CDU erinnert sich an eine Zeit, in der es vier Banken in Wewelsfleth gab. Ende der Achtzigerjahre muss das gewesen sein, glaubt er. Die Hypovereinsbank, die Sparkasse, eine Volksbank und eine Raiffeisenbank seien damals im Ort vertreten gewesen, sagt er. „Heute ist keine Bank mehr da.“ Nicht einmal einen Geldautomaten haben sie zurückgelassen.

Darüber ärgert sich Bürgermeister Bolten besonders. Händeringend hat er die Sparkassenvorstände in der Kreisstadt Itzehoe darum gebeten, wenigstens einen Selbstbedienungsstandort zu erhalten. Die Leute aus dem Ort haben sich mit Spruchbändern aufgestellt, Herzchen waren darauf und der Spruch: „Wir wollen treu bleiben! Bitte lasst uns den SB-Automaten!“ Sogar einen kostenlosen Raum hatte der Bürgermeister dafür organisiert. „Haben die schlichtweg abgelehnt“, sagt er. „Passte nicht in deren Vorstellung von Effizienz.“

Wewelsfleth liegt im hohen Norden der Republik, aber im Süden, Westen und Osten sieht es kaum anders aus. Wo man auch hinschaut – überall machen die Banken zu. Seit der Jahrtausendwende hat Deutschlands Bankenmarkt nach einer Auswertung der bundeseigenen KfW-Bank mehr als 10 000 seiner damals gut 38 000 Filialen verloren. Allein in den vergangenen zwei Jahren machten 2200 Geschäftsstellen für immer dicht. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, ist im Jahr 2035 die Hälfte aller Bankfilialen des Jahres 2000 weg.

Selbst Sparkassen haben ein viertel ihrer Filialen geschlossen

Nicht nur Privat- und Genossenschaftsbanken treiben die Konsolidierung voran, sondern auch die öffentlich-rechtlichen Sparkassen. Deren Aufgabe ist es eigentlich, die Versorgung der Bevölkerung mit Finanzprodukten sicherzustellen. Trotzdem haben auch die Sparkassen in den vergangenen zehn Jahren rund ein Viertel ihrer Geschäftsstellen geschlossen – und fast überall gab es Proteste. Die Entwicklung verlief zuletzt derart dramatisch, dass sich die Landkreise als Träger vieler Institute genötigt sahen, eine deutliche Mahnung auszusprechen. Sollte der Trend anhalten, drohe die Verankerung der Institute im ländlichen Raum verloren zu gehen, warnte der Geschäftsführer des Deutschen Landkreistages, Hans-Günter Henneke.

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband argumentiert damit, dass sich das Verhalten der Kunden im Zuge der Digitalisierung deutlich geändert habe. Einmal pro Jahr besuche ein durchschnittlicher Sparkassenkunde seine Bankfiliale noch. Im gleichen Zeitraum nutze er an die hundertmal die Sparkassen-App.

Vor allem junge Menschen nutzen lieber Online-Dienste

Natürlich haben die Banken ihre Kunden ein Stück weit in diese Richtung „erzogen“, etwa mit Gebührenmodellen, die die Online-Überweisung kostenlos ermöglichen und den papierschriftlichen Zahlungsverkehr mit einer Abgabe belegen. Doch es ändert nichts an dem grundsätzlichen Befund: Vor allem junge Menschen brauchen die Filiale nicht mehr.

Während Kunden noch vor wenigen Jahren ihre Bank regelmäßig aufsuchen mussten, um Überweisungsscheine aufzugeben, Schecks einzulösen, Geld abzuheben oder fremdländische Währungen für den Urlaub zu bestellen, geht jetzt – fast – alles auch anders. Überweisungen erledigen sie am Computer oder am Smartphone, Bargeld ziehen sie am Automaten oder bezahlen gleich mit Plastikkarten, Devisen – so man sie außerhalb der Euro-Zone noch braucht – heben Touristen mit der Kreditkarte am Flughafen ab. Und wer bitte stellt heute noch einen Scheck aus?

Man kann es auch so sagen: Die kleine Bankfiliale, ehemals fester Bestandteil dörflicher Infrastruktur wie Bäcker, Metzger, Arzt und Kirche, ist für viele Menschen überflüssig geworden. Und für die Institute zum Kostentreiber. Die Konsequenz, das Filialnetz auszudünnen, ist betriebswirtschaftlich die logische Folge. Das Nachsehen haben Menschen, die weniger mobil sind und sich mit der digitalen Welt nicht anfreunden können oder mögen. Meist sind es Ältere. Sie stehen plötzlich ohne Zugang zu Bargeld oder Zahlungsverkehr da.

Und dann? Von Wewelsfleth fahren die Menschen jetzt ins zehn Kilometer entfernte Glückstadt, um Geld abzuheben. Und wenn sie schon mal dort sind, erledigen sie auch gleich ihre Einkäufe in der größeren Stadt. Was auf Dauer geschehen wird, ist absehbar. „Die Einnahmen fehlen dann unserem Einzelhandel im Ort“, fürchtet Bürgermeister Bolten.

Edeka versucht mit Abhebungsservice gegenzuhalten

Um der Entwicklung nicht ganz hilflos zuzusehen, bietet der örtliche Edeka-Markt jetzt einen Cash-Back-Service an, also die Möglichkeit, beim Bezahlen des Einkaufs mit Karte gleich Bargeld abzuheben. Einziger Haken: Die Kunden müssen mindestens für 20 Euro einkaufen und können dann höchstens 200 Euro abheben. Gerade für alleinstehende Senioren seien 20 Euro Einkaufswert mächtig, findet Bolten. Für Jüngere sei das Bargeldlimit von 200 Euro dagegen zu niedrig. Wäre es nach Bolten gegangen, gäbe es die Grenzen nicht. War aber nicht möglich, wegen gesetzlicher Bestimmungen gegen Geldwäsche.

Die Menschen in Wewelsfleth und anderswo werden sich auf die neue Situation einstellen, etwas anderes bleibt ihnen auch nicht übrig. Die Frage ist allerdings, wer noch seiner Bank die Treue hält, wenn diese nur noch eine Fernbeziehung will. Schon jetzt eröffnen immer mehr Kunden ihr Konto bei einer Direktbank. Und dann gibt es da noch zahlreiche neue Akteure am Markt, sogenannte Fintechs, die den Banken in deren ureigensten Geschäftsfeldern Konkurrenz machen. Das Unternehmen Smava etwa vermittelt Online-Kredite, Klarna und Paypal wickeln Zahlungen von Online-Einkäufen ab, Vamo bietet eine automatisierte und auf persönliche Bedürfnisse zugeschnittene Geldanlage an.

Weitere werden folgen. Seit Anfang des Jahres ist die neue Zahlungsrichtlinie der EU, die Payment Service Directive 2 (kurz PSD2) in Kraft – und hat bereits für Alarmstimmung in den Vorstandsetagen der Bankentürme gesorgt.

Die Richtlinie erhöht zwar die Sicherheit im Zahlungsverkehr, sie verschärft aber auch den Wettbewerb. So müssen Banken externen Zahlungsdienstleistern künftig Zugriff auf Kundenkonten gewähren, wenn ein Kunde das wünscht. Die Dienstleister können dann zum Beispiel Buchungen auswerten, neue Finanzprodukte anbieten oder Zahlungen auslösen. Sie dringen damit in ein traditionelles Geschäftsfeld der Banken vor.

Internetgiganten machen Filialen das Überleben schwer

Und dann sind da noch die vier großen Internetgiganten, die in Branchenkreisen nur Gafa heißen und alle an eigenen Finanzdiensten basteln oder diese schon anbieten: Google, Apple, Facebook und Amazon. Apple etwa bietet bereits in 20 Ländern seinen Dienst Apple Pay an, der das bargeldlose Bezahlen per Handy auch im Supermarkt ermöglicht. Bei Facebook können Nutzer des Messenger-Dienstes ihren Freunden nicht nur Emojis, sondern auch Geld schicken. Und Amazon hat längst einen eigenen Bezahldienst im Portfolio.

„Banking is necessary, banks are not“, prophezeite Microsoft-Gründer Bill Gates schon 1994. Bankgeschäfte sind nötig, Banken nicht – stellt sich der Satz nun, knapp 25 Jahre später, als wahr heraus? Manch einer glaubt an die These, dass sich das Überleben der Banken im Silicon Valley entscheidet.

Robert Gregory glaubt nicht daran. Der Professor für Informationssysteme an der spanischen Business School IESE erforscht seit Jahren die Folgen der digitalen Transformation. Er glaubt, dass die Internetgiganten langsam, aber sicher an ihre Grenzen kommen.

„2017 war ein Wendepunkt“, sagt Gregory. „Die Maxime des ,Höher, schneller, weiter’ gilt für Google, Facebook und Co. nicht mehr.“ Politiker und Wettbewerbshüter hätten die Großkonzerne ins Visier genommen, und auch Verbraucher sähen die Techunternehmen zunehmend kritisch. „Vielen ist die Datenmacht der Internetunternehmen inzwischen unheimlich“, sagt Gregory. „Diese Menschen werden sich sehr genau überlegen, wem sie ihre Daten anvertrauen – gerade wenn es um Finanzgeschäfte geht.“

Für Banken sei das eine große Chance, glaubt der Forscher: „Traditionell gelten Banken als verschwiegen, zuverlässig und vertrauenswürdig. Wenn sie diese Werte stärken, müssen sie vor dem Angriff neuer Dienstleister nicht bange sein.“

Gleichwohl glaubt auch Gregory, dass Banken sich verändern müssen – und werden. „Alle Banken müssen ihre Digitalisierung vorantreiben und sich schlanker aufstellen“, sagt er. „Ziel muss es sein, traditionelle Werte wie Vertrauenswürdigkeit mit modernen Dienstleistungen zu kombinieren.“

Klassische Banken werden verschwinden

Stefan Mittnik, Inhaber des Lehrstuhls für Finanzökonometrie an der Uni München, ist skeptischer, was die Zukunft der Banken angeht. Er zieht eine Analogie zum Einzelhandel. „Bei den Händlern haben es Vollsortimenter wie Karstadt oder Kaufhof schon lange schwer“, sagt Mittnik. „Bei den Banken wird das ähnlich sein.“

Der Professor erwartet, dass Fintechs vor allem die margenstarken Geschäftsbereiche der Banken angreifen werden, während die Institute auf erlösschwachen Bereichen hängen blieben. „Schon jetzt müssen Banken viele Geschäftsbereiche quersubventionieren”, sagt Mittnik. Auf Dauer werde das kaum gehen. „Klassische Vollbanken, die alles anbieten, von der Filiale über das Kontogeschäft bis hin zum Versicherungsverkauf und zur Baufinanzierung, werden verschwinden“, sagt Mittnik. „Die Kunden werden sich ihre Finanzdienstleistungen dann einzeln zusammensuchen“, glaubt der Experte.

Auch diese Entwicklung hat in Wewelsfleth schon begonnen. Bürgermeister Bolten etwa hat seine ersten Konten bei der Sparkasse schon gekündigt, die übrigen werden folgen. „Mal sehen, wo ich dann hingehe“, sagt er. „Eine feste Anlaufstelle brauche ich ja jetzt nicht mehr.“

Von Andreas Niesmann

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