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Deregulierungs-Bonanza: Entfesselt Trump die Wall Street?

Analyse Deregulierungs-Bonanza: Entfesselt Trump die Wall Street?

Im Wahlkampf sagte Trump den Lobbyisten der Wall Street den Kampf an - die „korrupten Eliten“ sollten vor ihm zittern. Doch inzwischen reibt sich die Finanzbranche die Hände. Erinnerungen an den „Big Bang“, die große Deregulierung unter Reagan und Thatcher, werden wach.

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Amerikanische Flaggen hinter einem Straßenschild der Wall Street in New York.

Quelle: Andrew Gombert

New York/Washington. „Wir werden den Sumpf trockenlegen“, kündigte Donald Trump im Wahlkampf an. Sein Versprechen: Dem „manipulierten System“ - der angeblichen Vetternwirtschaft zwischen dem Washingtoner Politikbetrieb und den Raffzähnen der Finanzwelt - ein Ende zu setzen.

Nach seinem Wahlsieg ist von den populistischen Kampfansagen nicht mehr viel zu hören. Stattdessen schart der künftige US-Präsident Wall-Street-Insider um sich und schürt an der Börse Hoffnungen auf eine erneute Entfesselung der Finanzmärkte.

Im Wahlkampf flirtete Trump noch mit der radikalen Forderung nach einer Zerschlagung der Großbanken, der Wiedereinführung des „Glass-Steagall Act“, mit dem die US-Finanzindustrie 1933 nach der großen Depression an die Kandare genommen worden war. Mittlerweile dreht sich aber alles nur noch um die Frage, wie stark Trump die verschärften Regeln wieder aufweichen wird, die als Reaktion auf den Crash 2008 von der Obama-Administration verhängt worden waren.

Trump kündigte an, Obamas Reformpaket, den „Dodd-Frank Act“, zu demontieren. Die Hoffnung auf Deregulierung sorgte gepaart mit der Aussicht auf ein schuldenfinanziertes Wachstumsprogramm zeitweise für regelrechte Euphorie an den Finanzmärkten. Zu den großen Gewinnern an den US-Börsen zählten Finanzwerte wie Bankaktien. Ausgerechnet die Papiere von Goldman Sachs legten zweistellig zu - der Bank, die Trump in seiner Wahlwerbung neben dem Finanzinvestor George Soros als Teil der „Korruptionsmaschine“ dargestellt hatte, die es zu stoppen gelte.

Wie schnell der Wind sich drehen kann: Inzwischen wird der ehemalige Goldman- und Soros-Angestellte Steven Mnuchin in New Yorker Finanzkreisen als aussichtsreichster Kandidat für den Posten des Finanzministers in Trumps Regierung gehandelt. Als Banker und Hedgefonds-Manager ist der Mann, der bereits als Finanzchef der Wahlkampagne agierte, eigentlich Inbegriff der von Trump angeblich so verschmähten Finanzelite.

Trump hole sich einen Vertreter ins Haus, der für genau die „globale Machtstruktur“ stehe, die er angeblich bekämpfen wolle, kommentierte das Wall-Street-Blog „Dealbreaker“. Neben Mnuchin wird auch über eine bei Bankenkritikern sogar noch umstrittenere Personalie spekuliert: Jamie Dimon, Chef des größten US-Geldhauses JPMorgan, der beim Ringen um die Reformen nach der Finanzkrise zum Sprachrohr der vor Überregulierung warnenden Branchenlobby avanciert war.

Es gibt eine eigenartige Parallele. Weniger als ein halbes Jahr, nachdem die Briten mit ihrem „Brexit“-Votum die Welt durchgeschüttelt hatten, wählen die Amerikaner nun Trump. Das facht die Phantasien in den Finanzhochburgen dies- und jenseits des Atlantiks an - ist der Weg nun frei, um die alte Achse des Investmentbankings zwischen den Weltfinanzzentren New York und London wiederzubeleben?

Banken, vor allem aber die Schattenbanken-Szene wie etwa Hedgefonds, haben große Hoffnung auf ein Ende der straffen Zügel, die Barack Obamas Regierung auf der einen und die EU auf der anderen Seite des Atlantiks nach der schweren Finanzkrise angelegt haben. Zur Erinnerung: Es ist nur wenige Jahre her, dass hochriskante Finanzgeschäfte die Weltwirtschaft beinahe zum Kollaps brachten.

Ist die Finanzwelt erneut auf dem Weg in eine Bonanza-Phase, ohne große staatliche Kontrolle, dafür mit fetten Gewinnen für Banker und Fondsmanager? Viele Anzeichen weisen darauf hin. In Großbritannien deutet sich an, dass gerade die Finanzbranche von einem Loseisen von Brüssel profitieren will. In den USA weist nicht zuletzt der vorzeitige Rücktritt von Mary Jo White, Chefin der US-Börsenaufsicht in Washington, auf eine Kursänderung hin. Die für hartes Durchgreifen bekannte Ex-Bundesstaatsanwältin nimmt demonstrativ ihren Hut, bevor Trump im Januar das Weiße Haus übernimmt.

Schon einmal hatte ein britisch-amerikanisches Politikerpaar mit extrem neoliberaler Finanzpolitik für kurzfristiges Wachstum gesorgt, dann aber den Preis zahlen müssen: Ronald Reagan und Margret Thatcher. Finanzexperten sind sich einig, dass beide in den 1980er Jahren den Boden gelegt haben für die Exzesse, die später in die Krise führten. „Thatcher hätte heute für den Brexit gefochten“, meint Nile Gardiner vom konservativen Margret-Thatcher-Center für Freiheit bei der Heritage Foundation in Washington. Und für eine transatlantische Allianz mit dem alten Verbündeten geworben.

dpa

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