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Deutscher Korrespondent in der Türkei in Polizeigewahrsam

Terrorvorwürfe gegen Yücel Deutscher Korrespondent in der Türkei in Polizeigewahrsam

In der Türkei sitzen zahlreiche einheimische Journalisten in Haft. Ausländische Korrespondenten werden bislang weitgehend verschont. Nun ist ein Deutscher in Polizeigewahrsam genommen worden.

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Der Türkei-Korrespondent der „Welt“, Deniz Yücel, während der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner".

Quelle: Karlheinz Schindler

Istanbul/Berlin. Erstmals ist während des Ausnahmezustandes in der Türkei ein deutscher Journalist in Polizeigewahrsam genommen worden. Der Türkei-Korrespondent der „Welt“, Deniz Yücel, hatte sich der Polizei in Istanbul schon am Dienstag gestellt, wie seine Redaktion jetzt bestätigte.

Yücels Anwälten sei gesagt worden, dass gegen ihn wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, wegen Terrorpropaganda und wegen Datenmissbrauchs ermittelt werde.

Dabei scheint es um gehackte E-Mails zu gehen, die vom Mailkonto von Energieminister Berat Albayrak stammen sollen, dem Schwiegersohn von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Yücel hatte über die von einer Gruppe namens Redhack verbreiteten Mails zwei Artikel verfasst. Redhack gilt in der Türkei als Terrororganisation.

Yücel besitzt sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft. Aus Sicht der türkischen Behörden ist er damit ein einheimischer und kein ausländischer Journalist.

In der Türkei sitzen zahlreiche regierungskritische Journalisten unter Terrorvorwürfen in Haft. Menschenrechtsorganisationen halten die Anschuldigungen häufig für konstruiert und für politisch motiviert. Die Regierung weist solche Kritik regelmäßig zurück.

„Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt sagte mit Blick auf seinen Korrespondenten: „Die türkische Regierung weist immer wieder darauf hin, dass die Türkei ein Rechtsstaat ist. Darum vertrauen wir darauf, dass ein faires Verfahren seine Unschuld ergeben wird.“ Im derzeit geltenden Ausnahmezustand kann ein Verdächtiger bis zu 14 Tage in Polizeigewahrsam gehalten werden. Dann muss ein Haftrichter entscheiden, ob der Verdächtige in Untersuchungshaft kommt.

Poschardt appellierte an die Behörden, keine Untersuchungshaft zu verhängen. „Deniz Yücel hat seine Bereitschaft gezeigt, an einem rechtsstaatlichen Verfahren mitzuwirken. Das und die Würdigung der Pressefreiheit, wie sie in der türkischen Verfassung festgeschrieben ist, sollten in die Entscheidung einfließen.“

Nach Ansicht des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV) zeigt der Fall, „dass Präsident Erdogan versucht, den Ausnahmezustand zu missbrauchen, um unliebsame Berichterstattung unmöglich zu machen“. „Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie den Fall aufgreift und ihre diplomatischen Kanäle nutzt, um unseren Kollegen zu schützen“, sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. Reporter ohne Grenzen (ROG) sprach von einer neuen Stufe der Entwicklung.

Nach Angaben der „Welt“ wurde Yücels Istanbuler Wohnung durchsucht, nachdem der 43-Jährige sich der Polizei gestellt hatte. Die regierungsnahe Zeitung „Sabah“ hatte bereits am 25. Dezember berichtet, dass die Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Redhack die Festnahme von neun Verdächtigen angeordnet habe, darunter Yücel.

In dem Artikel wurden acht der Verdächtigen namentlich genannt, die meisten davon sind Journalisten. Über Yücel und zwei weitere Verdächtige schrieb „Sabah“, dass sie sich im Ausland aufhielten. In Yücels Fall war das falsch.

Den Verdächtigen wurde nach Angaben von „Sabah“ Mitgliedschaft in einer Terrororganisation sowie illegale Weiterverbreitung persönlicher Daten vorgeworfen. Sechs Verdächtige wurden festgenommen. Drei davon sitzen unter dem Vorwurf der Mitgliedschaft in jeweils verschiedenen Terrororganisationen in Untersuchungshaft.

Yücel hatte im Oktober und im Dezember Artikel auf Grundlage der von Redhack verbreiteten Mails verfasst, über die zunächst regierungskritische türkische Medien berichtet hatten und die dann auch Wikileaks veröffentlichte. In Yücels Artikeln ging es unter anderem um den Versuch der Regierung, „die Deutungshoheit in den sozialen Medien zu erringen“, wie er im Dezember schrieb.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte in der vorvergangenen Woche bei einem Besuch in Ankara gesagt, sie habe mit Erdogan „sehr ausführlich“ über das Thema Pressefreiheit gesprochen. Sie habe außerdem auf die Akkreditierungen deutscher Journalisten in der Türkei hingewiesen „und auf verschiedene Fälle, wo wir uns auch durchaus Sorgen machen“. Die Regierung in Ankara weist Vorwürfe, sie schränke die Pressefreiheit ein, regelmäßig zurück.

Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen lag die Türkei schon vor dem im Juli 2016 verhängten Ausnahmezustand auf Platz 151 von 180 Staaten. Dutzende regierungskritische türkische Journalisten sitzen in Haft. Im Dezember war ein amerikanischer Korrespondent des „Wall Street Journal“ vorübergehend festgenommen worden, er verließ anschließend das Land. Yücel ist seit Mai 2015 Türkei-Korrespondent der „Welt“.

Dass der deutsche Korrespondent Deniz Yücel in der Türkei in Polizeigewahrsam genommen wurde, ist nach Einschätzung von Reporter ohne Grenzen (ROG) eine neue Stufe der Entwicklung. „Es gab bereits vorher Ausweisungen und Einreisesperren von Auslandskorrespondenten“, sagte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. Aber es sei schon etwas anderes, wenn ein Korrespondent nun mit den gleichen Vorwürfen überzogen werde, wie viele türkische Kollegen.

Yücels Anwälten wurde nach Angaben der „Welt“ gesagt, dass gegen ihn wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Terrorpropaganda und Datenmissbrauchs ermittelt werde. „Das ist schon eine neue Qualität, wenn gegen einen deutsch-türkischen Journalisten so vorgegangen wird“, sagte Mihr. Yücel besitzt sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft.

dpa

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