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Die Erfolgs-Familie

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Mit Medizin, Mode und Wurst macht die Greifswalder Braun-Gruppe Hunderte Millionen Euro Umsatz

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Vorpommersche Wirtschaftsgeschichte in zweiter Generation: Tochter Bianca Y. Juha (l.), Sohn Sebastian Braun (2.v.l.) sowie die Eltern Norbert und Dagmar. FOTO: BRAUN-GRUPPE

Greifswald . Norbert Braun ist kein Handwerker, das behauptet er zumindest. Und doch hat der Greifswalder Unternehmer, der am Mittwoch 66 Jahre alt geworden ist, still und leise einen Firmenverbund zusammengezimmert, der es in sich hat: Die Braun-Gruppe, familiengeführt, ist mit mehr als 1000 Mitarbeitern in den Bereichen Pharma, Food, Handel, Finanzbeteiligungen und neuerdings auch im Maschinenbau aktiv und gehört damit zu den großen mittelständischen Unternehmen in Vorpommern. Der Gesamtumsatz der Gruppe wird in diesem Jahr 257

 

OZ-Bild

Millionen Euro übersteigen. Für 2017 stehen sogar 400 Millionen Euro in den Büchern. Aber wie kam es dazu? Und wer steckt hinter der Gruppe?

Da ist zunächst Norbert Braun, der nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre seine berufliche Laufbahn im Pharmabereich begann. Und dann sind da seine Frau Prof. Dagmar Braun (60) und die beiden Kinder Sebastian Braun (36) und Bianca Y. Juha (33). Die Gruppe ist ein Familien-Unternehmen.

Mit dem Wohnmobil fing alles an

Alles begann im Sommer 1992. Familie Braun tourte sechs Wochen mit einem Wohnmobil die Ostseeküste entlang – eine Stippvisite auf der Halbinsel Riems inklusive. „Es sah zwar alles ziemlich heruntergekommen aus, aber es hat uns einfach nicht mehr losgelassen“, erinnert sich Dagmar Braun. Sie und ihr Mann konnten sich vorstellen, hier zu leben. „Am Anfang wollten wir einfach Geld anlegen im Osten“, sagt der Firmenchef. Braun war zu dem Zeitpunkt Geschäftsführer bei einem Pharmaunternehmen in der Nähe von Frankfurt am Main. Seine Frau Dagmar, eine Ärztin, bildete an einer Berufsschule angehende Arzthelferinnen aus. „Zunächst hatten wir ein Auge auf eine Parkettfabrik geworfen, aber bei der Treuhand meinte man angesichts unserer Pharmaerfahrung: ,Wir hätten da noch was auf dem Riems bei Greifswald.‘“

Also übernahmen sie den aus dem Friedrich-Loeffler-Institut für Tierseuchenforschung ausgegliederten Bereich Produktion sowie die Riemser Tierarzneimittel. Nach anfänglichen Schwierigkeiten folgte ein rasanter Aufstieg – dank des großen Engagements von Ehefrau Dagmar, die sich auf die Entwicklung von onkologischen Pharmaka spezialisierte. Der Diplomkaufmann und die Medizinerin – ein ruhiger Norddeutscher aus Bremen und eine quirlige Hessin aus Helmstedt – legten so den Grundstein für die Riemser Arzneimittel AG.

Das Erfolgsrezept heißt Zukauf

2003 gründen die Brauns Cheplapharm. Geschäftsführer wird Sohn Sebastian, wie der Vater von Haus aus Kaufmann. Das Unternehmen vertreibt Nischenpharmaka, deren Absatz Großkonzernen wie Bayer oder Merck zu gering ist. Vom ersten Tag an heißt das Erfolgsrezept der Firma Zukauf – daran hat sich bis heute nichts geändert. Mittlerweile hält die Gruppe im Pharmabereich sowie in den Branchen Lebensmittelindustrie, Lebensmittelgroßhandel, Maschinenbau und Vermögensverwaltung mehr als 20 Mehrheitsbeteiligungen. Cheplapharm selbst hat Niederlassungen in New York in den USA und in Frankreich.

Vor wenigen Wochen hat Cheplapharm ein Mega-Geschäft abgeschlossen: Das Pharma-Unternehmen aus Greifswald investiert 340 Millionen Euro in die weltweiten Rechte für mehrere Medikamente, darunter das verschreibungspflichtige Antiadipositum Xenical (wird bei krankhafter Fettleibigkeit eingesetzt und in 100 Ländern vertrieben) und der Betablocker Dilatrend, der in 85 Ländern verkauft wird. „Wir haben damit die größte privatwirtschaftliche Investition Mecklenburg-Vorpommerns getätigt, die Summe ist größer als die beim Werftenkauf durch Genting. Wir werden damit eines der größten mittelständischen Pharmaunternehmen Deutschlands“, erklärt Geschäftsführer Sebastian Braun. Und er hat noch viel mehr vor: Mit seinem jungen, bestens ausgebildeten Team will er in die Liga der besten fünf mittelständischen Pharmaunternehmen Deutschlands aufsteigen. MVs Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) freut sich über den Erfolg. „Cheplapharm trägt dazu bei, Arbeitsplätze in Vorpommern zu sichern und zu schaffen und die Wirtschaftskraft in der Region zu stärken“, lobt er.

Ausbau des „Gemischtwarenladens“

Im Jahr 2009 setzt Norbert Braun neue Prioritäten: Die Braun Beteiligungs GmbH wird geboren. Hintergrund ist der Wunsch von Norbert und Dagmar Braun, Firmen, die kriseln, zu helfen. Heute gehören zur Braun Beteiligungs GmbH im Bereich Food (Nahrung) die Greifen-Fleisch GmbH, Kohlrouladenspezialist Menüko auf der Insel Usedom, die Uckermärkische Schinkenspezialitäten GmbH, die Goldschmidt Frischkäse GmbH, die Haro Fleisch- und Wurstspezialitäten GmbH und die Bio Manufaktur ELM. Auch an der biosanica Manufaktur bei Grimmen sind die Brauns beteiligt. Im Bereich Handel gehört – sehr zur Freude der modebewussten Ärztin Dagmar Braun – das Textilkaufhaus Jesske in Greifswald und Stralsund zum Firmen-Konglomerat. Auch der Hanseatische und der Nordische Food Service oder die Recker Feinkost sind in Familien-Besitz. Jüngst kamen zwei Firmen des angeschlagenen Anlagen- und Kraftwerkrohrleitungsbauers AKB hinzu. Dabei handelt es sich um die Firma AKB CNC GmbH mit Sitz in Berlin, die für ganz Norddeutschland die Vertretung für den amerikanischen Maschinenbaukonzern Haas innehat, und um die AKB Umformtechnik GmbH mit Sitz in Wittstock (Brandenburg). Norbert Braun hat die Firmenanteile vom vorläufigen Insolvenzverwalter gekauft. „Wir werden beide Firmen in sicheres Fahrwasser bringen“, ist der Unternehmer überzeugt.

Ritterschlag und ein riesiges Herz

Die Eheleute Braun wurden 2010 durch den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff für ihr Engagement im Aufbau Ost mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. „Da waren wir schon sehr aufgeregt“, gesteht Dagmar Braun. Getragen haben sie den Orden, der einem Ritterschlag gleichkommt, jedoch nie: „Wer heftet sich denn so ein Riesending an die Brust? Ich jedenfalls nicht, ich bin doch kein Angeber“, versichert Norbert Braun.

Angeben, den Erfolg zur Schau tragen – das war nie ihr Ding. Brauns sind Freunde der leisen Töne. So waren oder sind Norbert und Dagmar gesellschaftlich in vielen Bereichen und Ämtern tätig: Der Sozialdemokrat gehört seit 2005 dem Beirat der Deutschen Bank Ost an, war fünf Jahre Mitglied der Greifswalder Bürgerschaft, im Aufsichtsrat der Stadtwerke und von BioCon Valley. Seit November ist er Aufsichtsrat des Theaters Vorpommern. Ähnlich lang ist die Aufzählung bei Dagmar Braun, die in Fach- und Wissenschaftsverbänden, im Bundesverband der Deutschen Industrie und dem der Pharmazeutischen Industrie mitgearbeitet hat. Im Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie ist sie nach wie vor Mitglied.

Viel Herzblut geben die Brauns in ein Projekt in der Dritten Welt. Eine Million Euro spendet die Braun-Gruppe für das westafrikanische Togo, wo im Ort Cinkasse ein Krankenhaus gebaut werden soll.

Bislang gibt es dort nur eine Krankenstation ohne Arzt. Operationen werden nicht durchgeführt. „Wir verdienen einen Großteil unseres Geldes in der Gesundheitswirtschaft und möchten von unserem Erfolg abgeben. Togo ist sehr arm und braucht dringend Hilfe“, begründet die Familie das Engagement. Für Togo hätten sie sich auch wegen des deutsch-afrikanischen Vereins aus Greifswald unter Vorsitz von Hinrich Kuessner entschieden, der dort seit Jahren Vorbildliches leiste. Die Brauns waren selbst vor Ort in der Savannenregion. „Die Armut ist erschreckend“, wissen sie. Hinrich Kuessner ist angesichts der riesigen Spende begeistert: „Für die Menschen in Togo bedeutet ein Krankenhaus so viel mehr an Lebensqualität.“ Auch die OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ wird alljährlich von der Braun-Gruppe großzügig unterstützt.

Das neue (un)ruhige Rentnerleben

Seit gut einem Jahr machen Norbert und Dagmar Braun wahr, was sie ihren Kindern und Mitarbeitern schon vor längerer Zeit angekündigt haben: Sie ziehen sich stückweise aus dem operativen Geschäft zurück. Anfangs sei ihnen das schwergefallen, sagt das Ehepaar. Mittlerweile ist Zeit zum Tennisspielen, Rad fahren, Schwimmen, zum Lesen von Büchern und für die fünf Enkel. Oma Dagmar hat sogar wieder angefangen zu stricken. Und während sie emsig mit den Nadeln klappert, nimmt in ihren Gedanken schon ein neues großes Projekt im Bereich Pharmaforschung Gestalt an. Anklam wäre ein guter Standort dafür, meint sie. Mehr allerdings verrät sie noch nicht. „Aus dem anfänglichen Abenteuer wurde eine der größten Herausforderungen unseres Lebens. Wir sind mittlerweile mit jeder Faser unseres Körpers Greifswalder“, versichern die Brauns.

Cornelia Meerkatz

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