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Ein Prospekt allein reicht nicht – wo Tourismus funktioniert

Ein Prospekt allein reicht nicht – wo Tourismus funktioniert

Deutschland ist als Reiseziel gefragt wie nie / Gewinner und Verlierer des Booms

Berlin/Rostock. Viele Menschen machen Urlaub in Deutschland – aber nicht alle Regionen profitieren. Oft liegt es nicht an fehlenden schönen Landschaften, sondern an der Vermarktung, wie die Sprecherin des Deutschen Tourismusverbands, Sarah Mempel, sagt. Das „Kirchturmdenken“ müsse weg: Ein Kirchturm allein mache noch kein touristisch erfolgreiches Ziel.

Deutschlands Küsten an Ost- und Nordsee laufen traditionell gut. Mecklenburg-Vorpommern profitiert vom boomenden Tourismus. 2016 wird mit 30,5 Millionen Übernachtungen ein neuer Rekord erwartet. Innerhalb des Landes gibt es aber Unterschiede: Während die Küste enorm gefragt ist, gab es im ersten Halbjahr im Binnenland leichte Rückgänge. Der Nordosten habe im Binnenland noch Nachholbedarf beim Marketing, teilweise auch beim Angebot, etwa beim Radwegenetz, kritisiert der Landestourismusverband.

In Schleswig-Holstein legte die Ostseeregion im ersten Halbjahr um 6,5 Prozent auf 4,97 Millionen Übernachtungen zu. Das Urlaubsziel Nordsee schaffte ein Plus von 3,8 Prozent auf 3,7 Millionen.

Eingelegte Gurken , Kahnfahrt und sorbische Heimatfeste – damit wirbt der Spreewald seit Jahren. Das Unesco-Biosphärenreservat zählt mit seinem kleinteiligen Wassernetz zu den beliebtesten Zielen in Brandenburg. Die Zahl der Übernachtungen stieg im ersten Halbjahr 2016 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 11 Prozent.

Anders sieht es dagegen in Südbrandenburgs Grenzgebiet zu Polen aus: Die Region kann vom Boom nicht profitieren. Der Tourismusverband Niederlausitz nennt als einen Grund, dass es an einem länderübergreifenden Marketingkonzept für die Lausitz fehle. Ansätze seien aber da: Seit Jahresanfang gebe es eine neue Rad-Wanderkarte.

Dass das Ruhrgebiet mehr ist als Kohle und Stahl, hat sich spätestens im Kulturhauptstadtjahr 2010 rumgesprochen: Kunst auf alten Abraumhalden, Theater in stillgelegten Industriehallen. Seit 2001 wartet der größte Ballungsraum Deutschlands außerdem mit einer Welterbestätte auf: Zeche und Kokerei Zollverein. Jährlich besuchen 1,5 Millionen Menschen das weitläufige Industriedenkmal. Vor allem für Kurzreisen ist die Region beliebt, im Schnitt bleiben Gäste zwei Tage. Im ersten Halbjahr zählten Statistiker mehr als 3,1 Millionen Übernachtungen, 3,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Harz, Rhön, Erzgebirge: In den Mittelgebirgen Deutschlands läuft es unterschiedlich. Das Sauerland konnte 2015 bei den Gästezahlen mit 5,5 Prozent auf 2,4 Millionen einen kräftigen Zuwachs verbuchen. Der Trend zur Kurzreise setzt sich fort: Im Schnitt blieben die Urlauber 3,1 Tage. In anderen Regionen ist die Entwicklung eher mittel mäßig. Die Touristiker in den südniedersächsischen Mittelgebirgen sind mit dem Jahr bisher ganz zufrieden. Von einem Boom könne aber keine Rede sein, heißt es bei den Verbänden im Harz und im Weserbergland. „Wir verzeichnen eine Steigerung der Übernachtungszahlen zwischen zwei und drei Prozent“, sagt ein Sprecher des Harzer Tourismusverbandes HVV.

Städtereisen: In der als hip geltenden Stadt Leipzig wächst nicht nur die Bevölkerung, sondern auch bei den Besucherzahlen geht es seit einigen Jahren aufwärts. Touristenbusse rollen durch die Straßen, die Hotels zu Kongressen sind voll. Für 2015 vermeldete die Leipzig Tourismus und Marketing GmbH (LTM) mit rund 2,83 Millionen Übernachtungen den zehnten Gästerekord in Folge. Auch das erste Halbjahr 2016 lief gut, LTM-Chef Volker Bremer liebäugelt schon mit der Drei-Millionen-Marke. Es wäre eine Verdopplung in zehn Jahren.

Der Süden: Kühe vor Alpenpanorama – so sehen viele Postkarten aus Bayern aus. Für das erste Halbjahr meldete das Statistische Landesamt knapp 16 Millionen Gästeankünfte und 41 Millionen Übernachtungen, etwa fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Beliebteste Ziele: Oberbayern und München sowie Schwaben mit dem Allgäu und Niederbayern mit dem Bayerischen Wald. Neben dem Trend zu kürzeren und dafür häufigeren Reisen komme Bayern auch das Interesse ausländischer Touristen zugute: Im Zehn-Jahres-Vergleich war Bayern vor allem bei Urlaubern aus den USA, aus den Niederlanden und der Schweiz gefragt.

Weiter westlich liegt der Nordschwarzwald. Dort trifft man heute mehr Tagesgäste, die 14-Tage-Urlauber gibt es kaum noch. Die Panoramastraße war Ende des 19. Jahrhunderts erste Adresse für vermögende Bürger. Das war einmal.

OZ

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