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Wirtschaft Experte: Tierversuche könnten Fahrverbotdiskurs beeinflussen
Nachrichten Wirtschaft Experte: Tierversuche könnten Fahrverbotdiskurs beeinflussen
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07:33 31.01.2018
Der Auspuff eines VW Tiguan: Die Abgastests an Affen könnten die Debatte um Fahrverbote beeinflussen. Quelle: Julian Stratenschulte
Wolfsburg/Berlin

Die umstrittenen Abgastests an Affen können nach Expertenmeinung die Debatte um möglicherweise drohende Fahrverbote in mehreren Städten beeinflussen.

„Für die Fragen rund um Fahrverbote ist das Gift“, sagte Branchenexperte Stefan Bratzel vom Autoinstitut der Wirtschaftshochschule Bergisch Gladbach. Volkswagen attestierte er, es fehle ein „Großreinemachen“, um bislang unbekannte Probleme aufzudecken. Allerdings gebe es „große Ängste, dass man sich rechtlich angreifbar macht. Das ist die Tragik.“ Zuvor hatte Volkswagen als erste personelle Konsequenz aus den Tierversuchen seinen Cheflobbyisten Thomas Steg beurlaubt.

Ob es Diesel-Fahrverbote wegen zu schlechter Luft in Deutschland geben könnte, bleibt offen. In 20 Städten werde es trotz aller Anstrengungen wohl auch bis 2020 nicht gelingen, die EU-Grenzwerte für Stickoxide einzuhalten, sagte Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) nach einem Gespräch bei der EU-Kommission. Die Brüsseler Behörde hält die deutschen Bemühungen für unzureichend. Damit wird eine Klage am Europäischen Gerichtshof immer wahrscheinlicher.

Der scheidende Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, verwies auf zuletzt gesunkene Stickoxidwerte in Stuttgart, München und Berlin. Die Branche kümmere sich in einer großen Initiative mit den Städten um gemeinsame Ideen, wie man die Emissionen weiter reduzieren könne. Das sei besser als Fahrverbote oder Technologievorschriften, sagte Wissmann am Dienstagabend auf dem VDA-Neujahrsempfang in Berlin.

Volkswagen kündigte an, auf Tierversuche künftig verzichten zu wollen. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch erklärte: „Das Präsidium des Aufsichtsrats wird sich in der kommenden Woche über den Stand der Untersuchungen informieren lassen. Wir werden sicherstellen, dass sich derartige Vorgänge nicht wiederholen.“

Die Autoindustrie hatte Wissenschaftler eingespannt, die mit der von BMW, Daimler, VW und Bosch gegründeten Lobbyorganisation EUGT - der „Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor“ - Gesundheitsgefahren von Dieselabgasen verharmlost haben sollen. Dabei waren auch Affen mehreren Tests ausgesetzt. Darüber hinaus förderte die Initiative eine Studie der Universität Aachen zur Stickstoffdioxid-Belastung am Arbeitsplatz - Probanden waren 25 Menschen.

Steg wird nach VW-Angaben bis zur vollständigen Aufklärung der Vorgänge von seinen Aufgaben entbunden. „Wir sind dabei, die Arbeit der 2017 aufgelösten EUGT genau zu untersuchen und alle nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen“, betonte Vorstandschef Matthias Müller. „Herr Steg hat erklärt, die volle Verantwortung zu übernehmen. Dies respektiere ich.“

Umweltministerin Hendricks nannte die Versuche „verantwortungslos“. Sie erinnerte an die Vorwürfe der vergangenen zwei Jahre gegen die Autoindustrie. Im Ergebnis bedeute dies: „Es könnte eigentlich niemand, der der Automobilindustrie bewusst schaden will, so viel Schaden anrichten, wie die es selber machen.“

Die Grünen im Bundestag forderten, die Bundesregierung müsse schnell Antworten darauf geben, seit wann sie von den Affen-Versuchen wusste und ob öffentliche Gelder an die EUGT gezahlt wurden, um diese „menschen- und tierverachtenden Methoden“ zu finanzieren. Der ehemalige Grünen-Chef Cem Özdemir warf den Verantwortlichen vor, sie setzten „das wertvolle Label "Made in Germany" leichtfertig aufs Spiel“. Özdemir, der von der Fraktion zum Chef des Bundestags-Verkehrsausschusses nominiert wurde, riet Autobauern und Bundesregierung in der „Rheinischen Post“ (Mittwoch) „dringend dazu, ihre Verteidigungsschlacht für fossile Kraftstoffe zu beenden“.

Der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann sprach von einem Riesenskandal. „Mit welchem ethischen Verständnis hier Experimente mit Menschen und Affen gemacht werden, ist unfassbar und unvorstellbar“, sagte er der „Rhein-Neckar-Zeitung“ (Mittwoch). „Der große Vertrauensverlust durch Dieselgate wird jetzt noch einmal übertroffen.“ Dringend nötig sei jetzt ein Kurswechsel „in Richtung Elektromobilität, in Richtung intelligenter Verkehrssysteme“.

Wissmann ging beim VDA-Empfang auf die Versuche mit Affen nicht konkret ein. Alle führenden Persönlichkeiten der Industrie wüssten: „Nur wenn man aus gemachten Fehlern lernt, wird man die Zukunft gewinnen.“ Für die Branche sei die Elektromobilität eine große Lösung, „aber nicht die einzige“. Der Verbrennungsmotor werde noch lange gebraucht, auch der Diesel „in seiner modernsten Form“, stellte Wissmann fest.

dpa

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